Panorama

Das neue Maß der Dinge Wie weit ist der Weg zur 35er-Inzidenz?

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Noch wachen Kommunen teils penibel über die Einhaltung der Corona-Beschränkungen. Die könnten absehbar lockerer werden.

(Foto: picture alliance/dpa)

35 ist die neue 50: Lockerungen der Corona-Einschränkungen will die Politik nun erst ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 35 und weniger wagen. Das klingt weit weg. Doch in einigen Regionen ist dieser Wert längst erreicht.

Es ist das erste einigermaßen erkennbare Licht am Ende des Tunnels - ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von höchstens 35 wollen Bund und Länder erste Lockerungen des Lockdowns umsetzen. Dann, so heißt es im Beschluss von Kanzleramt und Ländern, sollen Einzelhandel, Museen und Galerien sowie weitere körpernahe Dienstleistungsbetriebe wieder öffnen. Alles natürlich unter Auflagen. Doch mit dieser Neuregelung ist auch eine Abkehr von der bisherigen Linie verbunden. Bislang wurde als Grenze für eine schrittweise Rückkehr zur Normalität ein Inzidenzwert von 50 angepeilt. Sind die Öffnungen nun in Wahrheit etwas unwahrscheinlicher geworden?

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Tatsächlich weist ganz Deutschland aktuell einen Inzidenzwert von 64,2 auf - und damit einen wahrscheinlich deutlich geringeren als man gemeinhin annimmt, angesichts der weiter hohen täglichen Todeszahlen und noch immer vielen gemeldeten Neuinfektionen. Noch am 11. Januar lag die Inzidenz bei 166,6. Seitdem, und noch viel mehr seit dem bisherigen Höhepunkt kurz vor Weihnachten, als die Inzidenz bei fast 200 lag, hat sich die Lage aber deutlich entspannt. Seit dem Januarhoch etwa ist die Inzidenz inzwischen um 100 Punkte gesunken - in gut viereinhalb Wochen. Das sind im Schnitt etwa 20 Prozent weniger Neuinfektionen pro Woche. Der Lockdown zeigt also Wirkung. Bis zur angepeilten Stufe von 35 fehlen nun noch gut 30 Punkte - und gut drei Wochen verbleiben bis zur nächsten Beratungsrunde am 3. März. Hält das bisherige Tempo des Rückgangs weiter an, ist das zu schaffen.

Inzwischen haben mehrere Landkreise den für Lockerungen angepeilten Wert sogar längst erreicht. So weist der Landkreis Dithmarschen derzeit eine Inzidenz von 14,3 auf und ist damit bundesweit Spitzenreiter. Zweibrücken kommt auf 14,6 und Wilhelmshaven auf 15,8. Insgesamt bleiben deutschlandweit derzeit fast 50 Landkreise, Kreise und kreisfreie Städte unter dem Wert von 35. Am anderen Ende der Skala indes liegen allein in Bayern und Thüringen die Werte in jeweils zwei Regionen jenseits der 200er-Marke. Noch reißen bundesweit insgesamt 50 Gegenden selbst die 100er-Hürde.

Und auch auf Ebene der Bundesländer sieht die Lage nicht gänzlich trübe aus. Mit Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg und Niedersachsen liegen inzwischen fünf Länder unter der Marke von 60. Vier weitere Länder haben die Marke von 70 hinter sich gelassen. Den längsten Weg haben noch Sachsen-Anhalt (84,2), das Saarland (84,5) und Thüringen (105,6) vor sich. Der Freistaat weist damit aktuell einen um 40 Punkte höheren Wert als die Nachbarn Hessen und Bayern auf. Da einzelne Schritte zwischen den Ländern abgestimmt werden sollen, deutet sich hier Konfliktpotenzial an. Andernorts liegen Nachbarländer derzeit um teils mehr als 20 Punkte auseinander. Da stehen allen Beteiligten womöglich noch harte Diskussionen bevor.

Dennoch, Kanzlerin Angela Merkel nannte die Verknüpfung von Öffnungsschritten mit einer Inzidenz stilbildend und wünschte sich die Beibehaltung dieser Sichtweise. Ähnlich arbeiten die bislang bekannten Stufenpläne einzelner Länder und Parteien. Eine Arbeitsgruppe von Bundeskanzleramt und Staatskanzleien soll nun nächste "Schritte der sicheren und gerechten Öffnungsstrategie" vorbereiten, die dann am 3. März in großer Runde besprochen wird.

Doch wie so oft im Leben kommt es wohl auf das Kleingedruckte an: Der gestrige Beschluss bezieht seine Strategie ausdrücklich auf die gegenwärtigen Erkenntnisse zum Virus und die derzeitige Lage. Merkel beendete ihre Ausführungen mit dem Hinweis auf die große "Unsicherheit mit der Mutation". Diese "wird die Oberhand gewinnen", sagte sie. "Das alte Virus wird verschwinden. Wir werden mit einem neuen Virus leben. Und dieses neue Virus und sein Verhalten können wir noch nicht einschätzen."

Quelle: ntv.de, jwu/cwo/mmo/cri