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"Mobilität ist noch zu groß" Wieler: Verschärfung des Lockdowns ist eine "Option"

Die Corona-Fallzahlen stabilisieren sich in Deutschland auf einem hohen Niveau. Das RKI mahnt, der Lockdown wirke nicht so effektiv wie die Maßnahmen im Frühjahr 2020. Gerade vor dem Hintergrund der Virus-Mutationen aus Großbritannien und Südafrika sollten mehr Anstrengungen unternommen werden.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) befürwortet angesichts der derzeitigen Infektionslage eine Verschärfung des bisherigen Lockdowns in Deutschland. RKI-Epidemiologe Dirk Brockmann sagte in Berlin, es sei eine "totale Konsensaussage" aller Modellberechnungen, dass die Maßnahmen weiter verschärft werden müssten, um die Kontakte zu reduzieren und das Infektionsgeschehen somit einzudämmen. "Damit wir in eine Phase kommen, dass die Inzidenz substanziell und schnell runtergeht. Das ist das Fazit, das man aus den Fakten ziehen muss." Auch RKI-Präsident Lothar Wieler nannte eine Verschärfung der Regeln eine "Option". Er kritisierte dabei die derzeit geltenden Einschränkungen als nicht ausreichend. "Diese Maßnahmen, die wir jetzt machen - für mich ist das kein vollständiger Lockdown, es gibt immer noch zu viele Ausnahmen."

Die Einhaltung der Schutzmaßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland ist nach Ansicht Wielers derzeit "wichtiger denn je". Es sei noch nicht abschätzbar, wie sich die auch in Deutschland aufgetretenen Mutationen des Coronavirus verbreiten, sagte er in Berlin. "Es besteht also die Möglichkeit, dass sich die Lage noch verschlimmert." Wieler appellierte nachdrücklich an alle, die bereits seit Monaten bekannten Abstandsregeln einzuhalten. Wer sich jetzt mit einem Arbeitskollegen zum Mittagessen treffe und sich beim Essen gegenübersitze, könne nicht behaupten, die Maßnahmen würden nicht funktionieren. Diese müssten schon richtig genutzt werden, damit sie wirken.

Wie der RKI-Präsident sagte, lässt sich die Infektionslage wegen der Feiertage und der damit verbundenen geringeren Zahl von Arztbesuchen derzeit nicht einfach interpretieren. Es gebe aber eine positive Entwicklung. "Der Anstieg ist vermutlich nicht mehr so steil wie im Dezember." Die Fallzahlen hätten sich stabilisiert. Wieler zeigte sich zuversichtlich, dass das Coronavirus im Jahresverlauf in den Griff zu bekommen sei. "Am Ende dieses Jahres werden wir diese Pandemie kontrolliert haben."

Aktuelle Mobilitätsdaten zeigen dem RKI zufolge, dass der derzeitige Lockdown nicht so effektiv wirkt wie der vergleichbare im Frühjahr. Er werde nicht mit derselben "Verve" umgesetzt, so Wieler. In allen Bereichen gebe es noch Luft nach oben. Nur durch das konsequente Umsetzen der Maßnahmen, also etwa der Reduktion von Kontakten und dem Verzicht auf unnötige Reisen, könne die Pandemie in den Griff bekommen werden. "Die Mobilität ist immer noch zu groß." So habe sich laut Experte Brockmann an den Sonntagen im Dezember - wo grundsätzlich eigentlich einkaufen nicht möglich ist und kaum jemand arbeiten muss - gezeigt, dass die Menschen viel häufiger unterwegs gewesen seien als im Frühjahr. Die Mobilität sei immer noch zu hoch.

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"Heimarbeit schützt die Gesundheit von uns allen"

Gerade auch im Hinblick auf die mutierten Coronaviren, beispielsweise aus Großbritannien und Südafrika, sollte auf nicht erforderliche Reisen verzichtet werden. Alle bisher aufgetretenen Fälle der neuen Formen seien durch Reisende nach Deutschland gebracht worden, sagte Wieler. Die Ausbreitung dieser vermutlich um rund 50 Prozent ansteckenderen Varianten müsse verhindert werden. Bislang gebe es 16 nachgewiesene Fälle der Mutante aus Großbritannien und vier aus Südafrika.

Angesichts des weiterhin hohen Infektionsniveaus in Deutschland appellierte Wieler an Arbeitgeber, Beschäftigten mehr Homeoffice zu ermöglichen. "Jetzt schützt die Heimarbeit die Gesundheit von uns allen - dazu brauchen wir noch mehr verantwortungsvolle Arbeitgeber." Heimarbeit brauche Digitalisierung und Vertrauen - beides bleibe auch nach der Pandemie zentral. Neben vorbildlichen Arbeitgebern, die Homeoffice ermöglicht hätten, gebe es Betriebe, deren Mitarbeiter noch ins Büro fahren oder in denen sogar persönliche Treffen mit mehreren Teilnehmern abgehalten werden, obwohl Arbeit von zu Hause dort grundsätzlich möglich wäre.

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Wieler betonte, jede Infektion sei eine zu viel. "Die intensivmedizinische Versorgung in Deutschland war wahrscheinlich noch nie so ausgelastet wie heute." Auf den Intensivstationen liege das Durchschnittsalter der Patienten teilweise unter 60 Jahren. Wegen der hohen Infektionszahlen seien immer mehr Jüngere betroffen. Die bestmögliche Versorgung der Erkrankten könne aber nicht mehr flächendeckend gewährleistet werden. In zehn Bundesländern seien bereits mehr als 85 Prozent der Intensivbetten belegt. Der eigentliche Mindestpuffer von 15 Prozent sei damit aufgebraucht und man könne von einem "Engpass" sprechen. Dass zurzeit die Zahl der betreuten Covid-19-Intensivfälle von Tag zu Tag leicht sinke, sei ein "schönes Zwischenergebnis", so Wieler. Ob es sich dabei um einen dauerhaften Trend handele, sei aber noch nicht absehbar.

Bei den gemeldeten Corona-Todesfällen ist nach den RKI-Zahlen vom heutigen Donnerstag erneut ein Tageshöchststand von 1244 erreicht worden. Zudem wurden innerhalb eines Tages weitere 25.164 Neuinfektionen erfasst. Die Zahl der binnen sieben Tagen an die Gesundheitsämter gemeldeten Fälle pro 100.000 Einwohner liegt bei 151,2 (22. Dezember: 197,6). Die Meldedaten gelten derzeit noch als schwer zu interpretieren, weil Corona-Fälle über Weihnachten und den Jahreswechsel laut RKI verzögert entdeckt, erfasst und übermittelt wurden.

Quelle: ntv.de, fzö/AFP/dpa/rts