Panorama

Lebenszeichen aus Wuhan "Wir blicken auf eine Geisterstadt"

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Elf-Millionen-Metropole unter Quarantäne: Blick in die Straßen von Wuhan, aufgenommen aus dem 42. Stock im Bezirk Wuchang.

(Foto: © El-Aissati)

Das Coronavirus bringt das öffentliche Leben in China weitgehend zum Erliegen. Ausgangspunkt der Epidemie ist die Millionenstadt Wuhan, die komplett unter Quarantäne steht. Wie lebt es sich mitten in der abgeriegelten Sperrzone? ntv.de spricht mit einem Deutschen, der seit sechs Tagen in Wuhan festsitzt.

ntv.de: Herr El-Aissati, wie geht es Ihnen? Wie ist die Lage bei Ihnen in Wuhan?

Mohamed El-Aissati: Es ist sehr ruhig. Ich halte mich mit meiner Familie seit Donnerstag letzter Woche in der Wohnung auf. Wir gehen seit Beginn der Quarantäne nicht mehr raus. Vor die Tür gehe ich erst, wenn es unbedingt sein muss. Bisher kommen wir damit ganz gut zurecht. Vorräte haben wir noch. Gesundheitlich geht es uns gut. Wir sehen keinerlei Anzeichen für eine Ansteckung. Aber wenn wir aus dem Fenster schauen, dann blicken wir auf eine Geisterstadt.

Mohamed El-Aissati

Mohamed El-Aissati wurde von einem deutschen Tochterunternehmen eines großen US-Konzerns aus Deutschland nach China entsandt und lebt seit zweieinhalb Jahren mit Frau und Kind in Wuhan.

Wo genau wohnen Sie denn?

Wir leben im Wuchang-Bezirk im Zentrum von Wuhan in einem modernen Wohnviertel am Kanal. Wenn ich hier aus dem Fenster schaue, blicke ich direkt auf eine moderne Einkaufsstraße. Hier ist es jetzt früher Nachmittag. Um diese Uhrzeit müsste da eigentlich sehr viel los sein. Das können Sie sich vorstellen wie etwa in der Innenstadt von London oder New York. Jetzt aber ist es dort sehr, sehr ruhig. Es fahren nur vereinzelt Autos mit Sondergenehmigung. Dabei ist Wuhan eine Stadt mit elf Millionen Einwohnern.

Halten Sie sich privat oder beruflich in Wuhan auf?

Ich bin beruflich hier. Ich wurde für ein großes US-Unternehmen aus Deutschland nach China entsandt. Wir haben hier ein Büro und eine Fertigung. Ich lebe mittlerweile seit zweieinhalb Jahren hier.

Wie nehmen Sie die Stimmung in der Stadt wahr?

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Sie müssen sich das so vorstellen: Wir können Wuhan derzeit nicht verlassen. Die Behörden haben jeden Stadtteil einzeln isoliert. Der Flughafen ist gesperrt. Busse und Bahnen fahren nicht mehr. Autofahrer brauchen eine Sondergenehmigung. Auch Taxis sind angeblich nur noch im Ausnahmefall zu bekommen.

Was bekommen Sie von Kollegen und Nachbarn mit?

Wir stehen über einen Chat miteinander in Kontakt. Da gibt es einen regen Austausch mit Freunden und Kollegen und es wird viel geschrieben, auch viel mit Humor. Aber allen ist klar, die Lage ist sehr ernst. Man weiß nicht genau, wie groß das Ausmaß ist. Und wir wissen nicht, wie lange die Reisesperren am Flughafen, am Bahnhof und in öffentlichen Verkehrsmitteln noch andauern werden - oder wie lange die Geschäfte noch offen haben. Unser Gefühl ist, wir bekommen hier keinen hundertprozentigen Überblick.

Wie versorgen Sie sich denn? Bekommen Sie noch Lebensmittel?

Die Reisesperre für Wuhan gilt seit vergangenen Donnerstag. Frühmorgens haben wir die Informationen bekommen, dass alle Ausreisewege, auch die Straßen, blockiert sind. Da bin ich gleich mit Maske und allem Drum und Dran nach draußen, um schnell noch ein paar Eier und andere Lebensmittel einzukaufen. Wir backen unser Brot zum Glück selbst. Damit dürften wir noch ein paar Tage über die Runden kommen. Aber wir haben schon rationiert: Mahlzeiten gibt es nur noch zwei Mal am Tag.

Wie sieht es mit Trinkwasser aus?

Wasser haben wir noch genug. Aus der Leitung trinken wir hier nichts. Für Tee und Kaffee nutzen wir gekauftes Wasser aus Flaschen.

Sind Ihnen aus Ihrer Umgebung Fälle von Virus-Erkrankungen bekannt?

Ja, aber nicht aus dem Kreis der deutschen Community in Wuhan. Über den Chat tauschen wir uns intensiv aus, unterstützen uns und geben Informationen weiter, auch über etwaige Erkrankungen. In diesem Kreis sind alle gesund. Trotzdem: Alle warten darauf, dass sie Wuhan verlassen können. Aus den Reihen meiner chinesischen Kollegen weiß ich von Betroffenen, die im Krankenhaus liegen. Da weiß man allerdings noch nicht, ob sie das Virus haben oder nicht.

Was meinen Sie: Haben die Behörden die Lage im Griff?

Das ist sehr schwierig. Die chinesische Regierung hat die Situation anfangs sicher unterschätzt. Die Kommunikation war zu Beginn nicht sehr transparent. Das hat sich geändert: Der Druck wächst ja, je länger es dauert und je größer die wirtschaftlichen Auswirkungen sind. Wir sehen ja, wie schnell sich das Virus hier in China ausbreitet. Mittlerweile tun die Chinesen alles, denke ich, um die Virus-Infektionen einzudämmen.

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Welche Vorkehrungen haben Sie denn persönlich noch getroffen? Wie stellen Sie sich auf die Lage ein?

Solange wir in unseren eigenen vier Wänden bleiben, ist alles in Ordnung. Aber spätestens in zwei, drei Tagen brauchen wir Nachschub an Lebensmitteln. Wenn ich dann vor die Tür gehe, werde ich natürlich Mundschutz tragen und auf dem kürzesten Weg zum Supermarkt gehen. Dann kaufe ich das Nötigste, also Nudeln und Reis. Zu Hause werde ich dann Kleidung und Maske wegwerfen und mich unter die Dusche stellen. Ich hoffe, dass ich uns so vor einer Ansteckung schützen kann.

 

Wurden Sie durch die deutsche Botschaft schon kontaktiert?

In den ersten Tagen nach dem Ausbruch des Virus waren wir - und da spreche ich, denke ich, für alle in der deutschen Community hier - sehr enttäuscht. Anfangs ging es sehr schleppend voran. Wir haben täglich, manchmal auch zweimal am Tag in der Botschaft angerufen und um Informationen zu Ausreisemöglichkeiten gebeten. Es hieß immer nur: "Wir sind dabei, das abzuklären." Als wir dann erfahren haben, dass die USA und Frankreich Evakuierungsflüge für die eigenen Landsleute in Wuhan planen, waren wir natürlich alle sehr besorgt und sehr nervös. Ich habe persönlich an das Kanzleramt geschrieben, um auf diese Situation aufmerksam zu machen. Mittlerweile hat sich das Gott sei Dank geändert. Es gibt eine Liste, auf der wir uns eintragen können, und tägliche Updates, auch per Mail. Eine Task Force der deutschen Botschaft in Peking ist gestern in Wuhan angekommen und versorgt uns vom französischen Konsulat vor Ort aus mit Informationen.

Was wird Ihnen da mitgeteilt?

Heute haben wir erfahren, dass die Botschaft versucht, alle Ausreisewilligen Ende der Woche aus Wuhan auszufliegen.

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Werden Sie Wuhan dann verlassen?

Ich sitze hier seit sechs Tagen mit meiner Frau und meiner fünf Monate alten Tochter in der Wohnung in einer abgeriegelten Stadt. Wenn wir die Möglichkeit zur Ausreise bekommen, fliegen wir natürlich mit.

Wissen Sie, wohin Sie ausgeflogen werden?

Nein. Aber ich kann Ihnen ein Telefonat schildern, das ich vergangenen Donnerstag mit der deutschen Botschaft geführt habe, als wir erfahren haben, dass wir vorerst nicht mehr aus Wuhan rauskommen. Ich habe nachgefragt, warum sie nicht einfach eine Chartermaschine nach Wuhan schicken und alle Deutschen, die ausreisen wollen, nach Deutschland fliegen, um sie dort in Frankfurt oder einem anderen Flughafen bei Bedarf in Quarantäne zu schicken, bis alles vorbei ist. Da hieß es, dass das auch mit der chinesischen Regierung nicht so einfach wäre. Kurz, um Ihre Frage von eben zu beantworten: Nein, wir wissen nicht, wo es hingeht.

Was müsste Ihrer Einschätzung nach jetzt geschehen?

Mich wundert, dass es hier keine europäische Lösung gibt. Es würde vieles sicher einfacher machen, wenn die EU-Staaten gemeinsam gegenüber China als Verhandlungspartner auftreten würden und Franzosen, Deutsche und andere Europäer zusammen zurückholen.

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Was schätzen Sie, wie lange der Ausnahmezustand in Wuhan noch andauert?

Die meisten großen Unternehmen haben zum chinesischen Neujahrsfest feiertagsbedingt ohnehin geschlossen. Regulär wären die meisten Menschen hier ab 3. Februar wieder zur Arbeit in die Betriebe und ins Büro gegangen. Mittlerweile heißt es, dass sich der Arbeitsbeginn nach den Betriebsferien um eine Woche nach hinten verschoben hat. Ich gehe aber davon aus, dass es mindestens zwei Monate dauern wird. Ich glaube nicht, dass hier vor Ende März irgendetwas normal läuft.

Mit Mohamed El-Aissati sprach Martin Morcinek

Quelle: ntv.de