Panorama

Susanne Johna im ntv-Interview "Wir brauchen die Maskenpflicht noch"

Johna-Susanne-Dr_1200x675_72dpi.jpg

Dr. Susanne Johna ist seit November 2019 die Vorsitzende des Marburger Bundes.

(Foto: Marburger Bund)

Die Vorsitzende des Marburger Bundes ist sich sicher, dass wir die Anti-Corona-Maßnahmen noch eine Weile brauchen. Dann aber, so Susanne Johna, können wir auch wieder zu so etwas wie Normalität zurückkehren. Im Gespräch mit ntv erklärt sie zudem, warum die Testpflicht für Reise-Rückkehrer zu spät kommt und Impfstoff leider manchmal weggeworfen wird.

ntv: Delta ist jetzt die dominante Variante, die meisten Schülerinnen und Schüler sind ungeimpft. Mit welchen Gedanken blicken die Ärzte auf den Schulstart?

Susanne Johna: Zunächst: Es ist sehr gut, dass die Schule wieder mit Präsenzunterricht startet. Hoffentlich funktioniert das auch durchgehend. Ich war immer der Meinung, dass Schule die Großveranstaltung ist, die wir uns leisten müssen. Insofern halte ich das für absolut richtig. Schule muss wieder normal stattfinden, das ist ganz wichtig für die Kinder und Jugendlichen.

Mit Tests?

Ja, sicher. Wir werden in den Schulen weiter testen müssen, damit wir feststellen, wenn einzelne Schülerinnen und Schüler erkranken, um die anderen zu schützen. Gerade auch die Lolli-Tests sind sinnvoll, speziell für jüngere Schülerinnen und Schüler.

Rechnen Sie damit, dass es wieder zur Quarantänesituation einzelner Schulklassen kommen könnte?

Natürlich ist das prinzipiell möglich, wenn sich viele Kinder einer Klasse gleichzeitig infizieren, unabhängig davon, wie schwer sie dann erkranken. Kinder erkranken ja in der Regel Gott sei Dank nicht schwer. Also, das ist denkbar. Aber wir sollten prinzipiell versuchen, Quarantäne-Maßnahmen zu verhindern.

Was brauchen wir dazu neben den Tests?

Es ist wichtig, dass weiter die Masken getragen werden. Und es ist wichtig, dass gelüftet wird. Ein bisschen bedauerlich ist, dass wir die Schulen immer noch nicht so optimal vorbereitet haben, wie wir es im Sommer vielleicht hätten machen können.

Jetzt soll es die Testpflicht geben für alle Reiserückkehrer, die nicht geimpft oder genesen sind. Können Sie sich vorstellen, dass man mit dieser Maßnahme die vierte Welle stoppen oder drosseln kann?

Die vierte Welle kann man dadurch allenfalls drosseln. Wir wissen ja, dass sich rund 20 Prozent der Menschen, die sich derzeit infizieren, von Reisen zurückkehren.

Steckt man sich im Urlaub leichter an?

Gerade in Urlaubssituationen sind die Menschen einfach noch sorgloser, haben mit vielen anderen Menschen Kontakt.

Also ist die Testpflicht ab dem 1. August sinnvoll?

Es ist richtig, dass wir eine Testpflicht einführen. Ich hätte sie gerne vier Wochen früher gehabt, denn die Sommerferien sind ja in einigen Bundesländern schon bald zu Ende. Und, wenn ich das ergänzen darf: Wichtig wäre, dass wir an die Urlauber appellieren, gerade wenn sie aus Hochrisikogebieten zurückkehren, dass sie auch einen PCR-Test machen. Jedenfalls wenn sie noch nicht geimpft oder genesen sind. Einfach weil ein PCR-Test noch genauer ist als die Antigen-Schnelltests.

Die Infektionen steigen wieder. Mit welcher Sorge blicken die Ärzte auf die Situation in den Krankenhäusern. Glauben Sie, die Zahl der Covid-19-Patienten wird wieder steigen und wenn ja, wann?

Zunächst mal haben wir derzeit noch den Sommereffekt. Wir wissen ja, dass im Sommer, in der Zeit, wo wir uns überwiegend draußen aufhalten können, etwa ein Viertel weniger Übertragungen stattfinden, als das im Winter der Fall ist. Deswegen müssen wir leider davon ausgehen, dass zum Spätherbst und Winter die Zahlen wieder erheblich steigen werden. Die entscheidende Frage ist, inwieweit werden sich die Menschen weiterhin an Maßnahmen halten?

Brauchen wir die Maßnahmen denn noch?

Wir appellieren unbedingt, die Maskenpflicht in Innenräumen nicht aufzuheben, denn die schützt uns nicht nur vor dem Coronavirus, die schützt uns auch vor anderen Viren. Wir hatten im letzten Jahr praktisch keine Erkältungswelle und wir hatten vor allem keine Grippewelle. Und sollten wir in diesem Jahr auch eine relevante Grippewelle haben, würde das natürlich die Krankenhäuser zusätzlich belasten, die sicher, jetzt im Spätherbst und Winter, planbare Operationen nicht mehr zurückstellen werden.

Wir hören jetzt, dass Tausende Dosen Astrazeneca Ende des Monats ablaufen und nicht mehr verimpft werden können. Kriegen Sie das auch mit aus der Ärzteschaft?

Ja, aus der niedergelassenen Ärzteschaft hören wir, dass Dosen, die geordert wurden zu einem Zeitpunkt, als noch relevant Astrazeneca verimpft wurde, jetzt zum Ende des Monats ablaufen.

Kann man die denn nicht einfach weitergeben, an andere Länder zum Beispiel?

Leider gibt es keine Möglichkeit, diese zurückzugeben und möglicherweise noch an Länder zu geben, wo sie verimpft werden. Das ist schon ein Trauerspiel, das darf nicht noch mal passieren an irgendeiner Stelle, denn die Impfstoffe werden in der ganzen Welt dringend gebraucht. 75 Prozent der Impfdosen, die bis jetzt weltweit verimpft wurden, wurden in gerade einmal zehn Ländern verimpft. Das ist in unserem massiven Interesse, in der ganzen Welt zu impfen, denn je länger und je häufiger das Virus Menschen ansteckt, desto größer ist die Chance, dass besorgniserregende Varianten des Virus entstehen, so wie es ja mit der Delta-Variante passiert ist.

Sie sagen, wir müssen dafür sorgen, dass so etwas nicht noch einmal passiert. Ist es denn absehbar, dass so etwas noch einmal passiert?

Das ist möglich, da Impfstoffe immer ein Ablaufdatum haben. Wir in Deutschland, genauso wie in ganz Europa, können eigentlich gut abschätzen, wie viel Impfstoff vor Ort noch gebraucht wird. Inklusive einer Reserve, denn wir müssen ja weiterhin davon ausgehen, dass wir für einen Teil der Geimpften vielleicht eine Booster-Impfung brauchen. Aber die Impfstoffe, die wir absehbar nicht brauchen, die sollten wir so zügig wie möglich zur Verfügung stellen.

Mit Susanne Johna sprach Nina Lammers

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen