Panorama

Corona-Situation auf Helgoland "Wir hatten 99 Prozent weniger Touristen"

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Helgoland hat die Corona-Krise bislang ohne Infektion oder Verdachtsfall überstanden.

(Foto: imago images/McPHOTO)

Keine Infektion, nicht einmal einen Verdacht. Helgoland ist bislang Corona-frei geblieben. Wie die kleine Insel ihre abgelegene Lage in der Nordsee genutzt, welch hohen Preis Helgoland dafür bezahlt hat und wie der Tourismus mittlerweile zumindest ganz langsam wieder anläuft, erzählt Tourismusdirektor Lars Johannson im ntv.de-Interview.

ntv.de: Was ist das Besondere an Helgoland?

Lars Johannson: Helgoland gilt als einzige deutsche Hochseeinsel. Wir liegen ganz schön weit draußen, etwa 60 Kilometer vom Festland entfernt. Die Fahrt zur Insel mit dem Schiff ist schon ein Erlebnis, das ist für unsere Gäste eine Mini-Kreuzfahrt, vor allem wenn man von Hamburg aus erst noch die Elbe entlang fährt. Helgoland bietet viel Natur, es gibt eine fast pollenfreie Luft und deshalb haben wir die offizielle Auszeichnung "Allergikerfreundliche Kommune" bekommen. Helgoland ist für mich die besonderste Insel Deutschlands, und das sage ich nicht nur, weil ich Tourismusdirektor bin.

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Tourismusdirektor Lars Johannson. Foto: Helgoland Tourismus-Service

Der Tourismus ist das mit Abstand wichtigste Standbein von Helgoland.

Ja, ganz klar. Auf der Insel leben permanent etwa 1.500 Menschen. Dazu kommen in einem normalen Jahr ohne Corona knapp 400.000 Urlaubsgäste. Daran sieht man schon, dass der Tourismus einen sehr hohen Stellenwert hat, gerade auch was Arbeitsplätze betrifft. Ungefähr 80 Prozent aller Arbeitsplätze auf Helgoland hängen direkt oder indirekt vom Tourismus ab.

Wie hat sich die Corona-Krise auf den Tourismus ausgewirkt?

Wir hatten im April im Vergleich zum Vorjahr 99,1 Prozent weniger Touristen. Da war es eine große Herausforderung, unsere Wirtschaft durch die Krise zu bringen. Wie halten wir die Logistikkette aufrecht, wenn nur noch ein Schiff zweimal pro Woche die Insel ansteuert? Zwei Monate, von Mitte März bis Mitte Mai, waren ganz hart. Wir waren zwar nicht komplett von der Außenwelt abgeschnitten, aber es durften nur noch Handwerker in systemrelevanten Berufen kommen und Insulaner durften nur für dringende Arzttermine aufs Festland. Ansonsten gab es keine Personenbewegungen.

Waren diese Maßnahmen der Grund dafür, dass Helgoland die Krise bislang ohne Corona-Fall überstanden hat?

Ich denke schon. Natürlich haben wir auch den Vorteil, dass wir hoch im Norden liegen und sich das Coronavirus dort generell nicht so stark ausgebreitet hat wie im Süden Deutschlands. Aber letztendlich waren wir durch die Abriegelung auf der relativ sicheren Seite.

Läuft der Tourismus mittlerweile wieder an?

Ja, am 8. Mai hat Schleswig-Holstein entschieden, dass ab dem 18. Mai Touristen wieder erlaubt sind. Das kam für uns zu dem Zeitpunkt einigermaßen überraschend, so schnell hatten wir damit noch nicht gerechnet.

Welche Herausforderungen gab es dann?

Entscheidend war natürlich das Hygienekonzept. Wie geht die Gastronomie vor? Wie gehen wir mit der Logistik um? Wie geht der Einzelhandel vor? Was ist mit den Hotels, mit den Ferienwohnungen? Da mussten wir entsprechende Konzepte entwickeln, damit der Tourismus mit Abstand funktioniert. Aber das ist uns ganz gut gelungen. Seit dem 18. Mai steigen die Touristenzahlen, es kommen auch wieder mehr Tagesgäste. Jetzt hoffen wir, dass wir uns Stück für Stück weiter Richtung Normalität bewegen können. Aber das wird sicherlich noch dauern.

Wie funktioniert Tourismus unter Corona-Bedingungen auf Helgoland?

Unser Regulativ ist die maximale Kapazität der Schiffe. Die Schiffe, die momentan kommen, können ein bisschen weniger als die Hälfte der Gäste transportieren, die sie normalerweise transportieren. Da müssen wir schauen, wie sich das in nächster Zeit entwickelt und ob Regeln auch zurückgenommen werden. Durch die Begrenzung auf den Schiffen haben wir natürlich auch nur eine begrenzte Personenzahl, die täglich anlanden kann. In den letzten Jahren waren das maximal 3.500, jetzt sind es unter 2.000.

Und jetzt wollen Sie sich sukzessive dem Normalbetrieb nähern?

Genau, das ist die Strategie. Gesundheit steht natürlich immer an erster Stelle, aber der Tourismus ist für uns eben das wichtigste Standbein. Wir müssen aber immer genau im Blick haben, was bei uns auf der Insel passiert. Wir haben hier nicht viel Platz, es kann also mal eng werden. Zum Beispiel haben wir einen Aufzug vom Unterland zum Oberland der Insel. Da kann es natürlich schnell Situationen geben, wo viele Leute auf engem Raum aufeinander treffen. Das müssen wir immer beobachten.

*Datenschutz

Dürfen Sie auf der Insel alles entscheiden oder wer macht die Vorgaben?

Helgoland gehört offiziell zum Kreis Pinneberg in Schleswig-Holstein und letztendlich auch zur Kreisverwaltung. Wir sind aufgrund unserer Lage aber in großen Teilen selbstverwaltend, haben also größere Möglichkeiten als eine Gemeinde. Wir hängen nicht komplett am Kreis, sondern haben eine eigene Verwaltung und einen eigenen hauptamtlichen Bürgermeister.

Hat das Vorteile während der Pandemie?

Wir konnten unserer heimischen Wirtschaft zumindest nochmal etwas mehr helfen. Wir haben ein kleines zusätzliches finanzielles Paket geschnürt, um den Unternehmern auf der Insel zu helfen.

Sie hatten eingangs erwähnt, dass Urlauber vor allem wegen der frischen Luft und der Natur kommen. Hat die Natur sich jetzt einmal von den Urlaubern erholen können?

Die Natur erholt sich grundsätzlich gut auf Helgoland, weil wir zum Beispiel darauf achten, dass wir keine Verschmutzung haben. Aber natürlich hat man gemerkt, dass sich die Kegelrobben und die Seevögel noch ungestörter bewegen konnten. Die Tiere haben also etwas mehr Platz gehabt als sonst.

Mit Lars Johannson sprach Kevin Schulte

Quelle: ntv.de