Panorama

Mehr Impfstoffe für 2021? "Wir liefern für Deutschland bereits aus"

Kaum eine Person stand in den vergangenen Wochen so sehr im öffentlichen Fokus wie Ugur Sahin, Mitgründer von Biontech und Erfinder des weltweit ersten zugelassenen Corona-Impfstoffes. Im Gespräch mit RTL/ntv erklärt er, warum die Zulassung in Europa so viel länger gedauert hat und wie das private Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel gelaufen ist.

ntv.de: Herr Sahin, vielen Dank, dass Sie sich für uns die Zeit für ein persönliches Gespräch nehmen. Auch in Europa kann es jetzt mit dem Impfen losgehen. Wie geht es Ihnen?

Sahin: Mir geht es sehr gut. Die Zulassung für Europa war ein wichtiger Schritt, wir sind sehr glücklich und erleichtert.

Der Druck war nicht nur auf die Europäische Arzneimittel-Agentur Ema sehr groß, sondern auch auf Sie und Ihr Unternehmen. Wie haben Sie das in den letzten Tagen gemeistert?

Wir haben Tag und Nacht gearbeitet und waren in einem sehr regen Austausch mit der Ema. Selbst am Tag der Entscheidung kamen am Morgen alle zehn Minuten noch Fragen rein, die wir adressieren konnten. Das hat dann am Ende gereicht, alle Unklarheiten zu beseitigen und die Genehmigung zu erzielen.

Sie haben wirklich Tag und Nacht gearbeitet?

Wir haben tatsächlich Tag und Nacht gearbeitet. Wir haben ja die Situation, dass wir im Grunde zwei Teams haben, die auf zwei Kontinenten arbeiten. Wenn unsere deutschen Kollegen ihre Arbeit übergeben haben, haben die amerikanischen Kollegen weitergemacht. Und wenn die übergeben haben, dann haben wieder wir weitergemacht. Zwischendurch haben wir auch zusammengearbeitet. Und so war es dann wirklich möglich, 24/7 durchzuarbeiten.

Europa hat mit der Zulassung deutlich länger gebraucht als die USA oder Großbritannien. Haben Sie dafür Verständnis?

Ich habe dafür Verständnis, weil es prozessual eben anders ist. In Europa ist es nicht nur die Arzneimittelbehörde, die die Fragen beantwortet haben möchte. Hinter der Ema sind eine ganze Menge Länder, deren Experten weitere Fragen stellen. Dementsprechend ist die Prozedur komplexer. Sie geht tiefer in die Materie hinein. Dementsprechend ist die Leistung, die wir jetzt gemeinsam mit der Ema erzielt haben, schon bemerkenswert.

Wissen Sie, wann die ersten Impfstofflieferungen in Deutschland eintreffen werden und wie viele Dosen in Summe in die Bundesrepublik geliefert werden?

Wir liefern jetzt schon aus, damit die Impfungen am 27. Dezember anfangen können. Wir haben mit der Europäischen Union 12,5 Millionen Impfdosen für den Dezember vereinbart. Das Impfen bedarf Zeit. Wir haben gesehen, dass in Großbritannien in den ersten zehn Tagen nur 500.000 Menschen geimpft werden konnten, obwohl das sehr gut organisiert gewesen ist. In den USA ist es auch so, dass in der ersten Woche rund 500.000 Impfdosen verabreicht werden konnten. Dementsprechend wollen wir eine Situation schaffen, dass wir an Deutschland und Europa immer wieder Impfstoff nachliefern können.

Gab es in Großbritannien Probleme?

Es gab keine Komplikationen, jedoch bedarf jede Impfung sehr viel Logistik. Es müssen die richtigen Personen eingeladen werden. Und dann müssen sie aufgeklärt werden. Das braucht sehr viel Zeit. Das sind mehrere mehrere Stunden je Impfling. Dafür braucht man erstmal das Personal. Ich denke, dass das in den nächsten Wochen und Monaten sehr viel effizienter werden wird - und dass wir natürlich davon lernen können, was in Großbritannien, den USA und Kanada passiert.

Es gibt Meldungen, dass Sie mehr als die angekündigten 1,3 Milliarden Impfdosen produzieren möchten. Wie wollen Sie das möglich machen?

Wir beschäftigen uns in der Tat mit der Frage, ob wir mehr als die 1,3 Milliarden Impfdosen im Jahr 2021 herstellen können. Diese Frage ist natürlich geknüpft an sehr viele Unterfragen, zum Beispiel, schaffen wir es, an mehr Rohmaterialien zu kommen? Schaffen wir es, mehr Produktionskapazitäten zu adressieren? Schaffen wir es, mehr Fläschchen abzufüllen? Diese Fragen beschäftigen unterschiedliche Teams. Deshalb schauen wir parallel nach Partnerschaften.

In Großbritannien ist das Virus mutiert. Schützt Ihr Impfstoff gegen diese neue Form des Coronavirus? Hatten Sie schon Gelegenheit, an der Mutation zu forschen?

Wir sehen eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass unser Impfstoff wirken sollte. Wir haben in der Vergangenheit über 20 verschiedene Virusvarianten untersucht. Wir haben immer wieder festgestellt, dass die Immunantworten, die wir induzieren, so polyklonal sind, das heißt, an so viele verschiedene Stellen in diesem Spikeprotein binden und so viele verschiedene Stellen attackieren, dass eine ein-prozentige Veränderung dieses Proteins - so wie es in der britischen Mutation ist - kein Problem darstellt. Wir sind wissenschaftlich zuversichtlich, aber wir müssen das Experiment dann auch tatsächlich durchführen und es validieren. Das wird in etwa zwei Wochen in Anspruch nehmen.

Gibt es weitere Erkenntnisse zu Nebenwirkungen der Impfung?

Bisher wurden etwa eine Million Menschen in den USA, Kanada und Großbritannien geimpft. Wir haben jetzt also wirklich eine sehr große Zahl an Menschen, die zumindest einmal die erste Injektion bekommen haben. Bei einigen Personen haben wir starke Allergien beobachtet. Das ist eine Nebenwirkung, die für Impfstoffe bekannt ist. Wir wissen aber noch nicht, bei wie vielen Menschen das prozentual vorkommen könnte.

Neulich hatten Sie ein privates Gespräch mit der Bundeskanzlerin. Was hat Sie Ihnen denn gesagt?

Die Bundeskanzlerin ist ja auch eine Wissenschaftlerin und sie war sehr interessiert an der Wissenschaft. Sie wollte verstehen, wie die mRNA-Impfstoffe funktionieren und wie lange die Immunantwort anhält. Warum wir in der Lage waren, diese Impfstoffentwicklung so zu machen und was wir sonst noch so vorhaben mit mRNA-Impfstoffen. Das war ein sehr schönes Gespräch unter Wissenschaftlern.

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Herr Sahin, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Liv von Boetticher.

Quelle: ntv.de