Eis und SchneeWo es in Deutschland an der Winter-Resilienz hapert
Von Torsten Landsberg
Die Gehwege bleiben vereist, schon bei Temperaturen um den Gefrierpunkt kapituliert der Nahverkehr: Warum sind wir mit dem Winterwetter so schnell überfordert?
Schlittern Sie noch oder laufen Sie schon? Die Beantwortung dieser Frage dürfte davon abhängen, ob man dem Winter in Ihrer Region mit Tausalz auf die Pelle rücken darf. Die kalte Witterung hat das Land so großflächig im Griff wie schon seit Jahren nicht mehr. Das allein reicht Politik und manchen Verkehrsbetrieben aus, um die Verantwortung für heftige Einschränkungen an höhere Mächte auszulagern: Extrem. Jahrhundertwinter. Kann man nichts machen.
Das stößt auf breites Unverständnis, schließlich kommt der Winter nicht überraschend, er ist kalendarisch ziemlich genau einzugrenzen - und tatsächlich sind wir momentan nicht mit Jahrhundert-Wetterereignissen und Rekordtemperaturen konfrontiert. Für den zeitweisen Stillstand und tagelange Beeinträchtigungen reichen schon Temperaturen um den Gefrierpunkt aus.
"Die Wetterlagen sind seit Jahrzehnten die gleichen", sagt der Bauingenieur Horst Hanke ntv.de. Er leitet den Ausschuss Winterdienst bei der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen. "Es ist überhaupt kein Problem, mit jeder Form von Glätte umzugehen." Die wirksame Bekämpfung von Eis werde allerdings dadurch erschwert, dass Städte und Gemeinden die Räumung an die Anlieger übertragen. "Wir haben Millionen von Laien, die vor ihrer Tür herumexperimentieren, die keine Ahnung haben, was sie machen müssen, und zum Teil auch falsche Streumittel nutzen."
Wer nicht selbst zur Schippe greifen will, beauftragt in der Regel eine Firma mit dem Winterdienst, was zur Folge haben kann, dass in einer Straße mehrere Winterdienste am Werk sind - mal besser, mal schlechter, mal gar nicht. Mancherorts gleichen die Gehwege momentan einer Eisbahn, gerade ältere und in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen sind gezwungen, zu Hause zu bleiben.
Einmal im Jahr kommt der Schnee
Ein ziemlich unhaltbarer Zustand, findet Horst Hanke, der vom Austausch mit internationalen Kollegen weiß, dass Deutschland grundsätzlich gut aufgestellt ist. "Es wird nur leider nicht überall konsequent umgesetzt", sagt er. "Einige meinen: 'Na ja, so einmal pro Jahr kommt der Schnee, das sitzen wir irgendwie aus." Er zieht einen Vergleich zur Feuerwehr. "Wenn es brennt, muss sie mit dem Leiterwagen in eine bestimmte Höhe kommen. Wenn es seltener brennt, nützt es nichts, dass der Leiterwagen kürzer ist. Sie braucht trotzdem eine grundsätzliche Ausstattung." Das gelte auch für den Winterdienst und die gesetzlich festgelegte Streupflicht. "Man braucht strategische Vorbereitungen, auch wenn der Worst Case nur noch selten eintritt. Das wird nicht überall ernst genommen."
Strenge Minusgrade seien grundsätzlich weniger problematisch für den Zustand von Straßen, Gehwegen und Oberleitungen als die aktuelle Wetterlage. "Wir haben die stärksten Anstrengungen und die größten Probleme bei Temperaturen um null Grad, weil das Wasser immer wieder friert und sich dann Eisglätte bildet, die sehr gefährlich ist." Das Mittel der Wahl sei daher Salz, das in vielen Regionen verboten ist, weil es in Boden und Grundwasser gelangt, Pflanzen und Bäume schädigt, Wildtiere das Salz aufnehmen können und es Hundepfoten reizt.
Diese Nebenwirkungen könnten heute auf ein Minimum reduziert werden, sagt Hanke, "wir haben deutlich verbesserte Techniken und können das mit relativ geringen Mengen schaffen". Die meisten Kommunen räumen deshalb bei Eisregen und Glätte Ausnahmen ein, nur ein Bundesland blieb bislang stur. "Berlin hat im Straßengesetz ein absolutes Salzverbot stehen." In der aktuellen Situation lasse sich Glätte ohne Salz schlicht nicht bekämpfen. "Man nimmt mit einem solchen Gesetz fahrlässig in Kauf, dass es diese kritischen Situationen gibt." Inzwischen hat Berlins Verkehrssenatorin Ute Bonde eine kurzfristig gültige Allgemeinverfügung erlassen, um das Streuen mit Salz zu ermöglichen.
Klimawandel bedeutet nicht das Ende vom Winter
Monika Rauthe vom Deutschen Wetterdienst arbeitet im Forschungsnetzwerk "Klimawandelfolgen und Anpassung" des Bundesverkehrsministeriums zusammen mit anderen Bundesbehörden daran, die künftigen Einflüsse von Wetter und Klima auf die Verkehrsinfrastruktur einzuschätzen. Ging es dort bislang vor allem um hitze- und niederschlagsbedingte Risiken, stehen in der aktuellen Forschungsphase Schnee und Frost im Vordergrund. "Diese kältebedingten Risiken nehmen durch den Klimawandel zwar in der Relation zu früheren Jahren ab, trotzdem können Frost und Schnee weiterhin auftreten", sagt Monika Rauthe im Gespräch mit ntv.de.
Es gehe um eine Risikoanalyse, auf deren Basis die Kommunen entscheiden können, welche Maßnahmen sie trotz seltener Winterereignisse gewährleisten: "Streumittel und Personal, passendes Equipment, man muss die Brücken und die Wehre schützen. Die kommen mit Eis auf Kanälen nicht so gut zurecht." Bei der Planung der Infrastruktur müsse weiterhin bedacht werden, die Winter-Resilienz sicherzustellen.
Denn Klimawandel ist nicht gleichbedeutend mit dem Ende des Winters. Studien zeigen, dass Dauerfrost langfristig seltener wird, sich dafür aber extremere Wetterlagen häufen könnten: Eisregen, nasser Schnee, plötzliche Wetterwechsel - Bedingungen, die systemisch für den Verkehr gefährlich sind, weil sie sich schwieriger vorhersagen lassen und die Infrastruktur kurzfristig lahmlegen können.
Winterfestigkeit kostet etwas
Sehnsüchtig schweift der Blick nach Skandinavien, wo selbst Radwege zuverlässig geräumt werden und sich zeigt, dass Winter-Resilienz nicht an technischen Möglichkeiten scheitert. "Wir können uns natürlich nicht mit Skandinavien vergleichen, wo lange Schneeperioden die Regel sind", sagt Rauthe. "Wir müssen anders über Kosten und Nutzen nachdenken, auf der anderen Seite wird man den Winterdienst bei uns nicht komplett einstellen können."
Winterfestigkeit ist teuer und eine Frage der Abwägung: Lohnen sich zum Beispiel hohe Investitionen in beheizte Weichen auf Nebenstrecken wie in Schweden? Oder kann man darauf angesichts milder Winter eher verzichten - auf die Gefahr hin, dass ein strengerer Winter zu größeren Einschränkungen führt? Ein vorübergehendes Versagen des Systems kann angesichts von klaffenden Haushaltslöchern günstiger sein als die permanente Vorsorge.
Bliebe die Möglichkeit, aus Skandinavien wenigstens etwas Gelassenheit zu übernehmen und trotz aller ärgerlicher Beeinträchtigungen nicht so vorschnell von Chaos zu reden. Verlieren wir durch die langfristige Anpassung an milderes Wetter die Fähigkeit, uns auf andere Situationen einzustellen? "Wenn diese 'Gewohnheit Winter' nicht mehr da ist, fehlt uns natürlich die Erfahrung: Wie gehe ich damit jetzt um?", sagt Monika Rauthe. "Teilweise scheitert es schon an der Fähigkeit der Einzelnen, zu sagen: 'Okay, ich weiß, es schneit heute, ich brauche vielleicht ein bisschen länger für meinen Weg'."
Die Gesellschaft müsse langfristig ebenso auf winterliche Wetterbedingungen vorbereitet bleiben wie die Kommunen: "Ich kann nur aus meteorologischer Sicht sagen: Es wird weiter Winter mit Schnee- und Frostperioden geben, auch in den nächsten Jahrzehnten."