Panorama

Erwartete Zahl der Infizierten Woher kommen diese 60 bis 70 Prozent?

Seit Wochen geistert eine Zahl durch die vom Coronavirus gebannte Republik: 60 bis 70 Prozent der Deutschen werden sich wohl mit Sars-CoV-2 infizieren. Gerade erst erwähnt Kanzlerin Merkel diese irritierend hohe Zahl erneut. Was hat es damit auf sich?

Das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 hat Deutschland bereits in eine Art Fieber gestürzt - fieberhaft saugen die Menschen jede Nachricht auf, fieberhaft füllen sie ihre Vorräte auf, fieberhaft waschen sie ihre Hände. Noch sind die tatsächlichen Fallzahlen überschaubar. Derzeit gibt es rund 1700 bestätigte Fälle, Tendenz allerdings stark steigend. Dennoch irritiert eine Äußerung von Kanzlerin Angela Merkel in diesem Zusammenhang. Es sei davon auszugehen, dass sich 60 bis 70 Prozent der Menschen in Deutschland mit dem Coronavirus infizieren würden, sagte sie in der Bundespressekonferenz.

Die Zahl kursiert bereits seit knapp zwei Wochen und sie hat große Wucht. Denn 60 bis 70 Prozent von rund 83 Millionen Menschen im Lande, das wären 50 bis 58 Millionen Infizierte. Wie kann das sein? Warum versuchen wir dann noch, das Virus aufzuhalten, wenn am Ende doch so viele infiziert werden? Einer derjenigen, der diese Zahl in die Welt gebracht hat, ist der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité. Im täglichen NDR-Podcast erklärte er Anfang März, wie diese Zahl zu verstehen ist. "Diese 60 bis 70 Prozent ist eigentlich nur eine Zahl, die sagt, wann die Pandemie vorbei ist", erklärte der Experte da, der auch die Bundesregierung berät.

Immunität spielt entscheidende Rolle

Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Annahme, dass jeder Infizierte nach der Genesung immun gegen das Virus ist. Wenn es genug Immune gibt, kann das Virus sich irgendwann kaum noch verbreiten. Die Pandemie werde dann durch einen "Mangel an Übertragungsmöglichkeiten" gestoppt, so Drosten. Wenn nun 60 bis 70 Prozent infiziert waren und damit immun sind, wäre laut Drosten der Punkt erreicht, an dem sich das Virus nicht weiter verbreitet.

Aber wie kommt die Zahl zustande? Um das zu verstehen, muss man kurz in die Niederungen der Pandemie-Forschung herabsteigen. Bei Pandemien hofft man immer darauf, dass jeder Infizierte maximal nur einen weiteren Menschen ansteckt. Denn das bedeutet, dass die Fallzahl insgesamt konstant bliebe. Ideal wäre aber, wenn jeder Betroffene weniger als einen neuen infiziert, weil dann die Gruppe der Erkrankten über kurz oder lang immer kleiner würde. Bei der aktuellen Coronavirus-Krise sind wir aber weit davon entfernt. Im Moment ist die Ansteckungsrate viel höher.

Fallzahlen steigen rasant

Drosten schätzte Anfang März, dass jeder Patient das Virus auf bis zu drei weitere Menschen überträgt. Das erklärt, warum die Zahl der Fälle so rasant steigt. Drosten führt ein Rechenbeispiel an: "Also wir haben heute zehn Fälle, dann haben wir in einer Woche oder so die alten zehn und die neuen 30 noch dazu. Dann sind es schon 40." So steigen die Fallzahlen immer schneller an. Damit man nun von drei auf eine Infektion kommt, dürften zwei Infektionen nicht stattfinden. "Mit anderen Worten: Zwei von drei Patienten müssen immun sein", so Drosten. "Zwei von drei - also zwei Drittel, das können wir gerade noch im Kopf ausrechnen: 66 Prozent. Daher kommt die Zahl."

Es handelt sich also um eine Rechnung, der einige Annahmen zugrunde liegen, die noch nicht endgültig gesichert sind - so ist noch nicht endgültig erwiesen, dass Erkrankte wirklich nach ihrer Genesung immun sind, auch wenn viele Wissenschaftler das für wahrscheinlich halten. Ebenso hat Drosten die Ansteckungsrate lediglich geschätzt. Insofern bleibt abzuwarten, inwieweit sich diese Annahmen bestätigen. Die von Drosten erläuterten Zusammenhänge bleiben davon aber natürlich unberührt. Da es sich um eine Schätzung handelt, bleibt auch Widerspruch nicht aus - so hält sie etwa der Mikrobiologe Alexander Kekulé von der Uniklinik Halle für überzogen.

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit

Das große Problem bei dieser Pandemie ist laut Drosten und anderen Experten eben nicht, dass sich Dutzende Millionen Menschen infizieren könnten, sondern wie schnell das passiert. Da man mittlerweile davon ausgeht, dass 15 Prozent der Erkrankungen mit Covid-19 einen schweren Verlauf nehmen, könnte das Gesundheitssystem schnell überlastet sein. 28.000 Betten stehen auf deutschen Intensivstationen zur Verfügung. Sollten sich binnen weniger Monate Millionen von Menschen anstecken, würde das wohl vorne und hinten nicht reichen. Daher dringt die Politik so darauf, das Tempo der Ansteckungen zu drosseln, "die Kurve abzuflachen", wie es nun häufig heißt.

Wenn es zwei Jahre dauert, bis sich 60 bis 70 Prozent der Menschen im Lande infizieren, bekämen das die deutschen Kliniken gut hin, so Drosten. "Aber wenn es in einem Jahr passiert, dann wird es eben erschöpfend für bestimmte Kapazitäten für die Krankenhäuser, für die Hausärzte, für alle diese Strukturen." Und je weniger Zeit das Gesundheitssystem hat, umso schwieriger wird es. Dann droht das, was gerade in Teilen Italiens schon passiert: Dass nicht genug Beatmungsgeräte für stark betroffene Patienten zur Verfügung stehen und nicht jedem so geholfen werden kann, wie es notwendig wäre.

Quelle: ntv.de