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Trugschlüsse zur Corona-Epidemie Darum kann Panik auch nützlich sein

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(Foto: dpa)

Sollte man sich von der steigenden Zahl der Corona-Fälle in Deutschland beunruhigen lassen? Während das individuelle Risiko derzeit noch klein erscheint, warnt ein Risikoforscher vor Fehlschlüssen. Diese könnten die ganze Bevölkerung einer großen Gefahr aussetzen.

Es werden immer mehr. Vor einer Woche waren lediglich 196 Menschen in Deutschland mit dem Coronavirus infiziert. Mittlerweile sind es rund acht Mal so viele. Sollte uns das beunruhigen? Der Risikoforscher Gerd Gigerenzer warnte jüngst im SWR davor, mit solchen Zahlen zu hantieren. Sie würden der Öffentlichkeit nur Angst machen - Menschen könnten denken, es sei eine "wirklich große Katastrophe am Horizont".

In absoluten Zahlen ausgedrückt scheint das individuelle Risiko durch das Virus derzeit noch gering: Bisher sind zwei Menschen in Deutschland an Covid-19 gestorben. Im Straßenverkehr dürfte es seit Jahresbeginn mehr als 500 Tote gegeben haben, folgt man der Statistik. Bedeutet dies nicht, dass es irrational wäre, sich angesichts des geringen Risikos einer tödlichen Corona-Infektion mit Vorräten einzudecken, der Arbeit fernzubleiben und sich erstmal ein paar Wochen zu Hause zu verbarrikadieren - oder als Staat den Bürgern derartige Maßnahmen aufzuerlegen?

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Forscher warnen bei solchen statistischen Vergleichen vor Trugschlüssen: Denn anders als bei Verkehrsunfällen handelt es sich bei dem Coronavirus um einen multiplikativen Prozess. Das bedeutet, dass bei einer Epidemie die Zahl der Infizierten - und damit auch die Zahl der Todesfälle - exponentiell wächst. Bei den Verkehrstoten liegt die Zahl in den vergangenen fünf Jahren relativ konstant unter 5000, im Fall einer ungebremsten Virus-Epidemie kann die Zahl der Todesfälle im schlimmsten Fall jedoch in die Hunderttausende gehen.

Geringe Wahrscheinlichkeit, hoher Schaden

Einer, der schon seit Langem vor den erwähnten Fehleinschätzungen des Risikos warnt, ist Nassim Taleb: Er ist weltbekannter Autor des Bestsellers "Der Schwarze Schwan" und forscht zu Risiken und Zufall. Bei dem Schwarzen Schwan, der in mehreren seiner Bücher auftaucht, handelt es sich um ein Symbol für ein seltenes Ereignis, bei dem mit kleiner Wahrscheinlichkeit ein sehr großer Schaden droht - wie bei der Coronavirus-Epidemie.

Wohl deshalb fordert Taleb seit Tagen auf Twitter energisch nichts weniger als: in Panik zu verfallen. Sein Motto: "Jene, die früh in Panik verfallen sind, müssen heute nicht mehr in Panik verfallen." Übertriebene Vorsichtsmaßnahmen als "irrational" zu verwerfen, hält Taleb für gefährlich. Denn diese Überbewertung des anfangs geringen persönlichen Risikos führe zu sorglosem Verhalten. Und damit dazu, dass sich die Epidemie als multiplikativer Prozess ausbreitet. Aus dem anfangs geringen individuellen Risiko werde dann schnell ein Risiko für die ganze Gesellschaft. Sein Rat: "Jeder einzelne muss in Panik verfallen, um systematische Probleme zu vermeiden."

Und eine multiplikative Ausbreitung des Coronavirus ist in Deutschland derzeit zu beobachten: Die Zahl der Infizierten ist in der vergangenen Woche im Schnitt um den Faktor 1,36 pro Tag gestiegen. Wenn nichts unternommen wird oder andere, unerwartete Faktoren die Verbreitung des Erregers bremsen, werden es mit diesem Wachstum in der kommenden Woche rund 10.000 Infizierte in Deutschland sein. Weitere zwei Wochen später wären es eine Drei­vier­tel­mil­li­on, in vier Wochen gäbe es dann mehr als sechs Millionen Infizierte in Deutschland. Die rund 30.000 Intensivplätze in deutschen Krankenhäusern mit ihren 25.000 Beatmungsgeräten könnten dann schnell nicht mehr ausreichen.

China entkam einer Katastrophe

Wie knapp China einer derartigen Katastrophe entkommen ist, hat der US-amerikanische Komplexitätsforscher Yaneer Bar-Yam ausgerechnet: Ausgehend von den rund 20 Krankheitsfällen, die China Mitte Januar aufwies, hätte es fünf Wochen später rund 100 Millionen Infizierte geben können, sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Bar-Yam betonte zudem, wie wichtig "Isolations- und Quarantäne-Maßnahmen und die Beschränkung der Mobilität" in China gewesen seien. Dort nimmt die Zahl der aktiv Infizierten derzeit wieder kontinuierlich ab und liegt mittlerweile unter 20.000.

Der multiplikative Prozess einer Virus-Epidemie kann demnach also nur eine Konsequenz haben: frühe drastische Maßnahmen. In China reichten diese von verlängerten Feiertagsferien bis zu Hausarrest für die gesamte Bevölkerung der Millionenstadt Wuhan. Aus westlicher Sicht erscheint es wie eine Überreaktion - aber sie hatte Erfolg.

Auch in Italien hat die Regierung sich zum Handeln entschlossen - Menschen dürfen nur dann unterwegs sein, wenn berufliche, gesundheitliche oder andere dringende Gründe es erfordern. Öffentliche Versammlungen und Sportveranstaltungen wie Fußballspiele sind abgesagt, Schulen, Universitäten und Kindergärten geschlossen.

Handeln lieber jetzt als später?

Was die Verbreitung des Virus angeht, so ist Italien mit bereits fast 10.000 infizierten Menschen Deutschland etwa eine Woche voraus. Was umgekehrt bedeutet, dass gemäß Taleb ("früh in Panik verfallen") ähnlich massive Einschränkungen in Deutschland zum jetzigen Zeitpunkt bereits angebracht wären. Allerdings, und das macht es wiederum komplizierter, rät der Leiter der Virologie in der Berliner Charité, Christian Drosten, gerade davon ab, dem italienischem Vorbild zu folgen und Schulen und Kitas zu schließen. Er geht vielmehr noch einen Schritt weiter und sagt, nur ein "gesellschaftlicher Lockdown" wie in China wäre ein wirklich geeignetes Mittel - allerdings sieht er die Zeit dafür noch nicht gekommen.

Doch womöglich könnte gerade dadurch das derzeitige italienische Szenario hierzulande erheblich abgemildert werden. Das Virus würde wohl nicht gänzlich verschwinden, aber zumindest besteht die Chance, dass sich seine Ausbreitung deutlich verzögert. Denn das Hauptziel aller Maßnahmen ist, die Infektionswelle zu bremsen und damit das Gesundheitssystem nicht zu überfordern.

Es gibt mittlerweile bereits erste Schritte in diese Richtung, nachdem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn empfohlen hatte, Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern abzusagen. Sieben Bundesländer haben dies bereits umgesetzt. Ob das ausreichend ist, wird sich zeigen. Womöglich wäre es aber besser, bereits jetzt noch ein bisschen mehr in Panik zu verfallen.

Quelle: ntv.de