Panorama

Leihmütter-Babys in Russland Wunschkinder warten noch im Waisenhaus

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Die Babys werden sehnlich erwartet und sind trotzdem ohne Eltern.

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Seit in China Leihmutterschaft verboten ist, wenden sich chinesische Paare meist an Leihmütter in Russland, der Ukraine, Georgien und Belarus. Ihre seit Beginn der Corona-Pandemie dort geborenen Kinder sind nun aber unerreichbar.

Cherry Lin streichelt sehnsüchtig über einen Strampelanzug. Vermutlich werde er schon zu klein sein, wenn ihr Baby endlich bei ihr in China ist, fürchtet die 38 Jahre alte Anwältin. Lins Sohn wurde im Juni von einer Leihmutter in Sankt Petersburg geboren. Doch die russisch-chinesische Grenze ist wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Im Moment gibt es keinen Weg, den Säugling nach China zu holen.

Dutzende Babys warten derzeit nach Angaben von Leihmutter-Agenturen in Russland und der Ukraine auf ihre leiblichen Eltern aus China. "Ich kann nachts nicht schlafen, wenn ich daran denke, dass mein Baby in einem Waisenhaus festsitzt", sagt Lin. Nach mehreren Fehlgeburten hatte sich die Frau aus dem südchinesischen Chengdu entschieden, ihr Kind von einer Leihmutter austragen zu lassen.

Lin und ihr Mann reisten im vergangenen Jahr nach Russland, wo ihr Sohn durch künstliche Befruchtung gezeugt wurde. Sobald der Embryo erfolgreich der Leihmutter eingesetzt war, begann Lin Babykleider einzukaufen und machte einen Erste-Hilfe-Kurs für Kinder. Sie gab ihre Arbeit auf, um sich ganz auf ihr Baby konzentrieren zu können. Doch das einzige, was sie nun von ihrem Kind hat, sind die Fotos und Videos, die die Agentur aus Sankt Petersburg schickt. "Es ist ein Albtraum", sagt Lin.

Reihenweise Babybetten

Um arme Frauen vor Ausbeutung zu schützen, verbot China 2001 die Leihmutterschaft, auch die nicht-kommerzielle. Aber für umgerechnet 30.000 bis 60.000 Euro können Paare Frauen im Ausland suchen, die ihr Baby austragen. Chinesen wenden sich in erster Linie an Leihmütter in Russland, der Ukraine, Georgien und Belarus.

Die Pandemie hat das System nun ins Chaos gestürzt: Grenzen wurden geschlossen, Flüge gestrichen, Visa zurückgezogen. Statt in den Armen ihrer Eltern landen die Wunschkinder nun in Waisenhäusern und provisorischen Säuglingsstationen. Ein Video der Leihmutteragentur BioTexCom, die auch deutsche Kunden hat, illustriert das Ausmaß des Dramas: Reihenweise stehen Babybetten in einem Hotel in der Ukraine. Etwa die Hälfte der 46 Kinder stammten von chinesischen Kunden, sagt ein Sprecher der Agentur.

Steigender Wohlstand und sinkende Fruchtbarkeit sowie das Ende der Ein-Kind-Politik 2016 haben die Nachfrage nach ausländischen Leihmüttern in China in die Höhe getrieben. Auch Li Mingxia ging diesen Weg; ihr Sohn wurde im Mai in Kiew geboren. Obwohl es Sondergenehmigungen gibt, die leiblichen Eltern trotz geschlossener Grenzen das Reisen zu ihren Kindern erlauben, wird Li ihr Baby vermutlich nicht vor Ende November bei sich haben. Es gibt nur unregelmäßig Flüge und sie muss sich an Quarantäne-Auflagen halten. "Ich werde die ersten sechs Monate seines Lebens verpassen", sagt Li. "Das können wir nie wieder aufholen."

Ein Funken Hoffnung

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Wann können die Eltern ihre Babys holen?

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Die meisten im Ausland geborenen Kinder haben keine Geburtsurkunde. Das Dokument wird erst ausgestellt, nachdem die Eltern mit einem DNA-Test vor Ort nachweisen, dass das Baby von ihnen stammt. Die Polizei hat nun laut Medienberichten begonnen, die improvisierten Babystationen in Russland und der Ukraine zu kontrollieren.

"Wenn die Polizei mehrere chinesische Babys ohne Dokumente findet, die von Fremden betreut werden, dann sieht das aus, als würde man Babys für den Organhandel verkaufen", sagt Dmitri Sitsko von der Agentur Vera Surrogacy Center in Sankt Petersburg, die auch Lin die Leihmutter vermittelte.

Lins Sohn ist kostenlos in einem staatlichen Waisenhaus untergekommen. Manche Agenturen in Russland stellten den Eltern jedoch monatlich zwischen 7000 und 21.000 Yuan (850 und 2500 Dollar) für die Betreuung in Rechnung, sagt Sitsko.

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Die Pandemie hat auch den schon lange existierenden Schwarzmarkt für Leihmutterschaft innerhalb Chinas wiederbelebt. Lin schien dieser Weg, ein Kind zu bekommen, zu gefährlich. Eine Entscheidung, die sie inzwischen bereut. "Wäre ich das Risiko damals eingegangen, könnte ich heute mein Baby in den Armen halten", sagt sie.

Doch nun gibt es Hoffnung: Wie die russischen Behörden am Dienstag mitteilten, wird erwogen, einen Sonderflug von Peking nach Russland zu organisieren. Damit sollen zumindest 30 chinesische Eltern ihre Kinder aus Sankt Petersburg abholen können.

Quelle: ntv.de, Marina Koreneva, Poornima Weerasekara, Helen Roxburgh, AFP