Panorama

"Wir brennen. Ich liebe euch" Zahl der Toten in Kemerowo steigt

b52c96028a872b6e60781792f869412b.jpg

Die Feuerkatastrophe von Kemerowo lässt in Russland niemanden ungerührt: Am Tag nach dem Brand rechnet der russische Zivilschutz mit weiteren Opfern. Die Rede ist mittlerweile von 64 Toten. Überlebende berichten von erschütternden Szenen.

Bei der Brandkatastrophe in einem Einkaufszentrum der sibirischen Stadt Kemerowo sind mehr als 60 Menschen ums Leben gekommen. Damit liegt die Opferzahl weit über den ersten Einschätzungen, wie der Leiter des Zivilschutzes, Wladimir Putschkow, bestätigte. Die russischen Behörden gehen demnach mittlerweile von insgesamt 64 Toten aus, darunter auch 9 Kinder. Zusätzlich wurden 53 Menschen verletzt, mehr als ein Dutzend von ihnen schwer.

0732b56da869d6af248ffb7a936f8551.jpg

Mindestens 64 Tote: Erschöpfte Feuerwehrleute vor dem Einkaufszentrum "Winterkirsche" in Kemerowo.

(Foto: AP)

Die Bergungsarbeiten dauern noch an. Die Identität der Toten ist noch nicht gesichert: Bei vielen der aus dem Gebäude geborgenen Leichen gestalte sich die Identifizierung schwierig, hieß es. Eine Schulklasse aus der Provinz war zum Zeitpunkt des Brandes im Kino - acht von ihnen sollen nicht überlebt haben. Wie viele Kinder genau in dem brennenden Einkaufszentrum ums Leben kamen, ist noch immer unklar.

Das Feuer war am frühen Sonntagabend im vierten Stock des Gebäudes an dem viel befahrenen Lenin-Prospekt ausgebrochen. Augenzeugen zufolge konnten sich der Brand rasch ausbreiten: Innerhalb kurzer Zeit stand eine Fläche von rund 1600 Quadratmetern in Flammen. Das Shopping-Center "Simnjaja Wischnja" (deutsch etwa: "Winterkirsche"), das wegen seines Kinos und eines Tiergeheges besonders bei Familien beliebt ist, war 2013 in der Industriestadt rund 3000 Kilometer östlich von Moskau eröffnet worden. Auch die 200 Tiere des Kleinzoo wurden bei dem Brand getötet.

Anrufe aus der Flammenhölle

Überlebende berichteten von dramatischen Szenen: Es habe keinen Feueralarm gegeben, die Eingangstüren des Kinos seien verschlossen gewesen. Mitarbeiter des Einkaufszentrums hätten kaum Maßnahmen zur Rettung ergriffen. Die Notausgänge seien blockiert gewesen. Als die Türen aufgingen, seien die Korridore bereits voller Rauch gewesen. Ein Mädchen rief Berichten zufolge aus dem brennenden Kinosaal noch seine Eltern an und verabschiedete sich mit den Worten: "Wir brennen. Ich liebe euch, macht's gut. Ich kann nicht atmen."

stepmap-karte-brandkatastrophe-in-kemerowo-1783123.jpg

Industriestadt in Russlands Kohlerevier in Sibirien: Keremowo am Tom zählt rund 500.000 Einwohner.

(Foto: n-tv.de / stepmap.de)

Ein Elfjähriger sei auf der Flucht vor den Flammen aus einem Fenster im vierten Stock gesprungen, sagte Gesundheitsministerin Veronika Skworzowa, als sie das örtliche Krankenhaus besuchte. Seine Eltern und der jüngere Bruder überlebten die Feuerkatastrophe nicht.

Mehr als 500 Feuerwehrleute waren bei dem Brand im Stadtzentrum von Kemerowo im Einsatz. Sie konnten Dutzende Menschen aus dem Gebäude retten, bevor zwei der drei Kinosäle einstürzten. Die Feuerwehr brauchte mehr als sechs Stunden, um die Flammen unter Kontrolle zu bekommen. In der Nacht flackerte der Brand jedoch immer wieder auf.

"Es ist ein Signal"

Ersten Vermutungen zufolge könnte ein defektes Kabel den Brand ausgelöst haben. Die Ermittler folgten jedoch auch Hinweisen, denen zufolge eine Gruppe Teenager mit einem Feuerzeug gespielt und Sitzmöbel in Brand gesteckt haben soll. Schon vor Beginn der Suche nach der tatsächlichen Brandursache kursierten in lokalen Medien Berichte über Mängel beim Brandschutz.

8da42f65e8114a2a78982651cffcb6dd.jpg

Defekter Feueralarm, versperrte Notausgänge? Das ausgebrannte Einkaufszentrum von Kemerowo aus der Luft.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Das Versagen aller Sicherheitsvorkehrungen sei eindeutig auf Schlamperei und Fahrlässigkeit zurückzuführen, sagte die Kinderbeauftragte der Regierung, Anna Kusnjezowa, dem Sender Rossija-24. Es gebe zwar eindeutige Bestimmungen, die jedoch in der Regel nicht eingehalten werden. "Der eigentliche Grund für diese Katastrophe ist nicht irgendein Kabel, sondern wie wir mit den Bestimmungen umgehen", sagte Kusnjezowa. "Es ist ein Signal: Wir müssen alle Einkaufszentren überprüfen."

Der Großbrand von Kemerowo gilt in Russland schon jetzt als die schlimmste Brandkatastrophe seit Jahren. Der Feuertod vieler Kinder sorgt landesweit für Entsetzen. Entsprechend groß ist der Druck auf die Behörden, möglichst zügig überzeugende Antworten auf die vielen offenen Fragen zu finden. Experten kritisierten auch Baumängel am Gebäude und die schlechte Qualität der Einrichtung im Einkaufszentrum, die zu schnell Feuer gefangen habe. Wenige Stunden nach dem Brand wurden vier Verantwortliche festgenommen, unter ihnen der Direktor des Einkaufszentrums.

Merkel spricht ihr Beileid aus

Immer wieder kommt es in Russland zu verheerenden Bränden, bei denen bereits viele Menschen wegen mangelnder Sicherheitsbestimmungen ihr Leben verloren. Zu Jahresbeginn etwa starben mehr als ein Dutzend Gastarbeiter in einer Schuhfabrik in Nowosibirsk. Vielen Russen ist auch die Tragödie von Perm aus dem Jahr 2009 noch in Erinnerung: Nach einer missglückten Feuershow in einem Nachtclub starben mehr als 150 Menschen - die meisten erstickten im Qualm oder wurden in der Panik der fliehenden Menschen zu Tode getrampelt.

Viele Bewohner in Kemerowo brachten am Morgen nach dem Brand Blumen zum Rathaus und legten Stofftiere auf Parkbänke. Eltern klebten Bilder ihrer vermissten Kinder an die Wände. Um 16 Uhr Ortszeit legten Angehörige eine Schweigeminute ein. Die Behörden kündigten eine dreitägige Trauer an.

Russlands Staatschef Wladimir Putin sprach den Familien sein Beileid aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel sandte Putin ein Kondolenztelegramm. Sie habe die Nachricht über den schweren Brand in Kemerowo, der "so viele Tote und Verletzte gefordert hat, mit Schrecken aufgenommen", schrieb Merkel. "Wir trauern mit Ihnen", fügte die Kanzlerin hinzu. Ihre Gedanken seien bei den Opfern des Großbrandes und deren Angehörigen.

Quelle: ntv.de, mmo/dpa