Panorama

Fragwürdige Praktiken in ClubBarmann aus Crans-Montana: "Verhalten meiner Chefs ist widerlich"

05.02.2026, 12:27 Uhr
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Gegen die Barbetreiber Jacques und Jessica Moretti wird ermittelt - unter anderem wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung. (Foto: picture alliance/KEYSTONE)

Der 28-jährige Barkeeper Gaëtan überlebt die tödliche Feuerkatastrophe bei einer Silvesterparty in Crans-Montana. In einem Interview spricht er über verdorbene Lebensmittel, zu junge Besucher und fehlende Sicherheitsanweisungen durch seine Chefs in "La Constellation".

Nach der tödlichen Feuerkatastrophe im Schweizer Skiort Crans-Montana hat ein Barkeeper des "La Constellation" darüber gesprochen, wie er die Silvesternacht und die Wochen zuvor erlebt hat. Der 28-jährige Gaëtan wurde bei dem Unglück selbst schwer verletzt. Zwei Wochen verbrachte er in der Klinik, acht Tage lag er im Koma. Mittlerweile konnte er zu seinen Eltern nach Südfrankreich zurückkehren. Er habe sich entschlossen, mit dem Schweizer Fernsehsender RTS zu sprechen, macht er deutlich, um die Verantwortung seiner Arbeitgeber für die Katastrophe zu unterstreichen.

"Ich habe nicht die fachlichen Kompetenzen, um ihnen irgendetwas in Bezug auf den Ausbruch des Feuers, auf die Ursachen oder das Warum und das Wie vorzuwerfen", sagte Gaëtan. "Aber wenn ich sehe, wie sie versuchen, sich nach und nach aus der Verantwortung zu ziehen, fange ich an, ihnen immer mehr Vorwürfe zu machen. Ich finde es absurd, dass sie die Schuld ihren Mitarbeitenden zuschieben."

Das französische Betreiberpaar Jacques und Jessica Moretti hatte in Verhören zugegeben, dass ein Notausgang, über den die Betreiber als "Servicetür" sprachen, verschlossen war. Den Behörden zufolge versuchten mehrere Besucher in der Silvesternacht, dem Feuer über diese Tür zu entkommen. Eine Kellnerin wurde tot hinter der Tür gefunden. Die Barbetreiber machten schließlich einen Angestellten dafür verantwortlich, dass der Notausgang zur Falle wurde. Der Mann soll die Tür am Silvesterabend verschlossen haben.

Notausgang im Fokus

Der angesprochene Mitarbeiter hatte diese Behauptung bereits zurückgewiesen. "Ich hätte unmöglich eine Tür schließen können, die schon geschlossen war. Die Überwachungskameras bestätigen das", erklärte er dem Sender BFM TV. Verschiedene ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bar berichteten in Interviews ebenfalls davon, dass der Notausgang stets geschlossen gewesen sein soll.

Gaëtan unterstützt diese Aussage. "Wir haben nie Anweisungen zu dieser Sicherheitstür erhalten, noch dazu, was im Falle einer Gefahr wie einem Brand oder einem anderen Problem zu tun ist", sagte er zu "France Info". Die Verantwortung für mangelnde Sicherheitsvorkehrungen liege nicht bei den Beschäftigten. Es sei "widerlich", dass seine Arbeitgeber versuchen, sich auf diese Art und Weise reinzuwaschen.

Bei dem Unglück in der Neujahrsnacht kamen 40 Menschen ums Leben. Ein 18-Jähriger erlag Ende Januar seinen schweren Verletzungen. Rund 80 weitere kamen mit teils schweren Brand- und Rauchverletzungen in Krankenhäuser, wo sie teilweise bis heute behandelt werden.

Gaëtan reparierte Schaumstoffdecke

Die Ermittler gehen davon aus, dass das Feuer ausbrach, als Feuerwerksfontänen, die auf Flaschen befestigt wurden, zu nah an die mit Schaumstoff verkleidete Decke gehalten wurden. Moretti gab "RTS" zufolge zu, dass er die alte Akustikverkleidung 2015 selbst entfernt und durch ein neues Material ersetzt hat, das er im Baumarkt gekauft hatte. Medienberichten zufolge hatten Mitarbeitende der Bar bereits vor der Katastrophe auf die Brandgefahr der Deckenverkleidung hingewiesen.

Im Gespräch mit "France Info" erinnerte sich Gaëtan daran, dass er selbst zwei Wochen vor dem Unglück mit der Schaumstoffdecke zu tun hatte. Sein Chef hatte ihn beauftragt, sie zu reparieren, da sich das Material von der Decke löste. Dem Bericht zufolge half er seinem Chef dabei, Dämmplatten provisorisch zu befestigen. Gaëtan gibt im Interview an, dass er sich bis heute frage, ob der von ihnen genutzte Klebstoff den Brand beschleunigt haben könnte.

Mangelnde Sicherheitsanweisungen und die provisorische Reparatur der Decke sind nicht die einzigen Vorwürfe, die Gaëtan seinen Arbeitgebern macht. Er habe zwar erst seit Anfang Dezember 2025 in der Bar gearbeitet, dabei seien ihm jedoch einige Verstöße und fragwürdige Praktiken aufgefallen. Er berichtet von abgelaufenen Bierdosen, die an Kunden verkauft wurden. "Ich musste Panini mit Brot machen, das seit über einem Jahr eingefroren war", berichtete Gaëtan RTS. "Sogar der Mozzarella, den wir für die Panini verwendeten, war abgelaufen."

Erinnerungen an die Unglücksnacht

Zudem sei ihm die besonders junge Kundschaft aufgefallen. "Ich fand das schockierend. Ich versuchte, die Ausweise zu kontrollieren, aber sie wurden oft auf dem Handy gezeigt, sodass ich keine Möglichkeit hatte, ihre Echtheit zu überprüfen." Es habe vor diesem Hintergrund auch Druck geherrscht. "Außerdem wussten wir ganz genau, dass es den Chefs vor allem darum ging, Geld hereinzubringen." Er habe sich unwohl gefühlt und kündigen wollen. Um den Dezemberlohn noch zu erhalten, habe er seinen Dienst jedoch bis zum Ende des Monats fortgesetzt.

In der Silvesternacht arbeitete er an der oberen Bar. Gegen 1.30 Uhr habe er bemerkt, dass unten etwas nicht stimmte, sagte er dem Sender. "Ich habe diese Erinnerung an die ersten Schreie, an die ersten Warnrufe, als das Feuer ausbrach, und an dieses Gefühl von Panik, das mich überkam." Sein erster Reflex sei gewesen, nachzusehen und zu versuchen, zu helfen.

Dabei gelang es ihm, bis zur letzten Stufe der Treppe hinunterzugehen. Er habe sich mit dem Arm geschützt, um so wenig Rauch wie möglich einzuatmen. "Danach glaube ich, dass ich von der Menschenmenge, die sich angesammelt hatte, um über die Treppe zu fliehen, umgestoßen wurde." An die folgenden Minuten könne er sich nicht mehr erinnern. Gaëtan geht davon aus, dass er anschließend bewusstlos wurde.

"Jeden Tag denke ich daran"

"Vielleicht ist das für mich von Vorteil, denn ich habe keine Leichen gesehen oder kann mich zumindest nicht daran erinnern, Leichen gesehen zu haben, ich habe keine Menschen gesehen, die verbrannten, wie manche andere, denen diese Bilder sicherlich für den Rest ihres Lebens im Gedächtnis bleiben werden."

Gaëtan erlitt Verbrennungen an mehreren Stellen seines Körpers, an den Armen, am Rücken, am Hinterkopf und im Gesicht. In kritischer Lage war er zeitweise wegen eines Lungenkollapses und einer Niereninfektion. Hinzu komme die Trauer um die Verstorbenen. "Jeden Tag denke ich daran, wenn ich einschlafe. Es ist ziemlich schwierig, weil ich an meine Kollegin denke. Ich denke an meinen Ex-Mitbewohner: Er kämpft immer noch im Spital."

Gegen die französischen Barbetreiber wird wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Brandstiftung ermittelt. Seit der vergangenen Woche richten sich die Ermittlungen auch gegen zwei Sicherheitsverantwortliche der Gemeinde, die in den kommenden Tagen vernommen werden sollen.

Quelle: ntv.de, spl

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