Politik

"Eskalation der Gewalt"Aktivisten melden mehr als 50 Tote bei Protesten im Iran

09.01.2026, 21:08 Uhr
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In einem Social-Media-Video ist zu sehen, wie Fahrzeuge bei Protesten in Teheran brennen. (Foto: via REUTERS)

Im Iran ist die größte Protestwelle seit drei Jahren ausgebrochen. Nach dem bisherigen Höhepunkt zählen Aktivisten die Toten. Es wird befürchtet, dass das ganze Ausmaß der staatlichen Gewalt noch größer ist als bekannt. Eine Friedensnobelpreisträgerin warnt vor einem "Massaker".

Bei den landesweiten Protesten im Iran sind Aktivisten zufolge mindestens 51 Demonstrierende in den vergangenen zwei Wochen getötet worden. Hunderte weitere Menschen sollen bei Konfrontationen mit den Sicherheitskräften verletzt worden sein, berichtete die Organisation Iran Human Rights mit Sitz in Oslo.

Zudem prüfe die Organisation Berichte über die Tötung von Dutzenden Demonstrierenden in den Großstädten Teheran, Maschhad und Hamadan, die noch nicht in den aktuellen Zahlen enthalten sind. "Die Gefahr einer Eskalation der Gewalt und eines massenhaften Tötens von Demonstrierenden nach der Internetabschaltung ist sehr ernst", warnte Direktor Mahmood Amiry-Moghaddam.

Die iranische Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi warnt vor einem "Massaker im Schutz einer umfassenden Kommunikationssperre". Die von den Behörden verhängte landesweite Internetsperre sei "eine Taktik" zur Niederschlagung der jüngsten Protestwelle durch die Sicherheitskräfte, schrieb die im Exil lebende Ebadi im Onlinedienst Telegram. Die Anwältin hatte im Jahr 2003 für ihren Einsatz für Menschenrechte den Friedensnobelpreis erhalten.

Berichte über brennende Moscheen

In den iranischen Millionenmetropolen Teheran und Maschhad kommt es den zweiten Tag in Folge zu Straßenprotesten. Viele geteilte Videos in den sozialen Medien zeigten Menschenansammlungen an zentralen Plätzen. Unabhängig verifizieren ließen sich die Aufnahmen bisher nicht. Auch das genaue Ausmaß der Demonstrationen ist unklar. Wegen der landesweiten Internetsperre drangen nur noch wenige Aufnahmen nach außen. Seit mehr als 24 Stunden ist die Bevölkerung vom Rest der Welt abgeschnitten.

Studierende in der Hauptstadt Teheran berichteten von einer angespannten Sicherheitslage. Auf einer Hauptverkehrsstraße seien alle zehn Meter Spezialeinheiten der Sicherheitskräfte mit Kalaschnikow-Sturmgewehren postiert, hieß es im studentischen Newsletter "Amirkabir". Die Sorge vor einer Eskalation der Gewalt war demnach groß.

Unterdessen berichtete der Bürgermeister von Teheran, Aliresa Sakani, vom Ausmaß der Unruhen in der vergangenen Nacht. Seiner Darstellung nach wurden bei den Unruhen mehr als 50 Banken und mehrere staatliche Einrichtungen angezündet. "Mehr als 30 Moscheen gingen in Flammen auf", sagte er in einem von der Nachrichtenagentur Mehr verbreiteten Video.

In einem von Aktivisten veröffentlichten Video sind Menschenmassen im nordwestlichen Teheraner Stadtteil Saadat Abad zu sehen. Eine Stimme im Hintergrund berichtet von einer angezündeten Moschee. Auf den Aufnahmen sind Brände und chaotische Szenen auf den Straßen zu erkennen.

Am Donnerstagabend hatte der Iran die größten Demonstrationen seit Beginn der aktuellen Protestwelle erlebt. Der iranische Sicherheitsapparat schaltete das Internet für die Bevölkerung vollständig ab. Nachdem Sicherheitskräfte das Feuer auf Demonstrierende eröffnet haben sollen, mehrten sich unbestätigte Berichte über zahlreiche Tote.

"Tod dem Diktator"

Die Führung in Teheran will trotz der Protestwelle nicht zurückweichen: Die islamische Republik werde nicht vor "Saboteuren" kapitulieren, sagte das geistliche Oberhaupt Ayatollah Ali Chamenei. Außenminister Abbas Araghtschi warf den USA und Israel eine direkte Einflussnahme auf die seit Tagen wachsende Protestbewegung vor.

In der Hauptstadt Teheran strömten in der Nacht zu Freitag zahlreiche Menschen auf den weitläufigen Ajatollah-Kaschani-Boulevard, wie auf von der Nachrichtenagentur AFP verifizierten Aufnahmen in Onlinenetzwerken zu sehen war. Sie skandierten Slogans wie "Tod dem Diktator". Auf anderen Bildern war eine protestierende Menschenmenge in der westiranischen Großstadt Abadan zu sehen.

Auch aus weiteren iranischen Städten, darunter Täbris im Norden des Landes und Maschhad im Zentrum, übertrugen persischsprachige Exilsender Aufnahmen größerer Proteste. Zudem gingen im von vielen Kurden bewohnten Westen des Landes, einschließlich der Stadt Kermanschah, die Menschen auf die Straße.

Regierungsgebäude in Flammen

Die Demonstranten riefen wiederholt Parolen, mit denen sie den Sturz der Machthaber in Teheran forderten. In mehreren Videos war zu sehen, wie Protestteilnehmer in der zentraliranischen Stadt Isfahan den Eingang zum Regionalstudio des Staatsfernsehens in Brand setzten. Auch auf anderen Aufnahmen waren brennende Regierungsgebäude zu sehen: In Schasand, der Hauptstadt der zentraliranischen Provinz Markasi, stand der Sitz des Gouverneurs in Flammen.

Die Proteste im Iran dauern seit mittlerweile fast zwei Wochen an. Es ist die größte Protestwelle seit drei Jahren. Sie hatte sich am Zorn über die hohen Lebenshaltungskosten und die schlechte Wirtschaftslage entzündet.

Quelle: ntv.de, dsc/dpa/AFP

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