Politik

Nervenkrieg in Toulouse Geheimdienst beobachtete Verdächtigen

Es sind dramatische Stunden in Frankreich: Schon seit Stunden verbarrikadiert sich der schwer bewaffnete mutmaßliche Serienmörder in einer Wohnung, umlagert von zahlreichen Spezialeinheiten der Polizei. Inzwischen kommen immer mehr pikante Details ans Licht. So wird der Mann bereits seit Jahren vom französischen Inlandsgeheimdienst beobachtet. Der Islamist war offenbar auch schon aus einem afghanischen Gefängnis ausgebrochen.

Noch immer geht das Drama in Toulouse weiter. Seit den frühen Morgenstunden hält sich der mutmaßliche Fieberhafte Suche in Frankreich in seiner Wohnung verschanzt. Offenbar hat er vorerst seine Gespräche mit der Polizei unterbrochen. Zuvor hatte der französische Innenminister Claude Guéantwill erklärt, dass der 23-Jährige sich heute Nachmittag der Polizei ergeben wolle. Die Sicherheitskräfte versuchen, den Mann, Mohammed M., lebend festzunehmen.

Bei dem Mann handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um den Mörder, der in den vergangenen Tagen in Frankreich sieben Menschen mit gezielten Kopfschüssen umgebracht hat. "Er behauptet, ein Mudschaheddin zu sein und zu zu gehören", sagte Guéant. "Er wollte Rache für die palästinensischen Kinder, und er wollte auch Rache nehmen an der französischen Armee, wegen ihrer Interventionen im Ausland".

Versagte der Geheimdienst?

Inzwischen kommen immer mehr pikante Details ans Licht. Offenbar wurde der Franzose algerischer Herkunft schon seit Jahren vom französischem Inlandsgeheimdienst DCRI beobachtet. Dabei sei aber nie ein Anzeichen dafür entdeckt worden, dass der Mann ein Verbrechen planen könnte, sagte Guéant. Dabei hatte er schon früher Verbrechen auf französischem Boden begangen, einige mit Gewalt.

Die Eliteeinheit RAID

Die Spezialeinheit Raid (Recherche Assistance Intervention Dissuasion) ist eine Einheit der französischen Polizei. Ihre Aufgabe ist die Bekämpfung des Terrorismus. Sie kümmert sich um die Sicherheit von Kernkraftwerken und anderen wichtigen öffentlichen Einrichtungen. Auch ist sie zuständig für den Schutz offizieller ausländischer Besucher und kommt bei Flugzeugentführungen zum Einsatz.

Der Verdächtige, dessen Name mit Mohamad Merah angegeben wurde, war in der Vergangenheit auch in die Unruhegebiete an der pakistanisch-afghanischen Grenze gereist. Der Mann sei bereits in der südafghanischen Stadt Kandahar wegen Bombenlegens festgenommen worden, verlautete aus Ermittlerkreisen. Bei einem Massenausbruch der Taliban konnte er aber 2008 entkommen. Der Verdächtige hat offenbar Verbindungen zu Salafisten- und Dschihadisten-Gruppen.

Im Zusammenhang mit den Angriffen in Toulouse und Montauban in der vergangenen Woche geriet er schon ins Visier der Fahnder. Dann habe die Kriminalpolizei mit einer "sehr wertvollen" Information die Ermittlungen ein wichtiges Stück vorangebracht.

Nach ersten Erkenntnissen kam die Polizei dem Mann durchs Internet auf die Spur. Das erste Opfer war mit seinem mutmaßlichen Mörder über eine Internet-Verkaufs-Plattform in Kontakt getreten, berichtet der TV-Nachrichtensender BFM unter Berufung auf Polizeikreise. Das Opfer hatte sein Motorrad verkaufen wollen und die geringe Kilometerleistung mit längeren beruflichen Auslandseinsätzen als Soldat erklärt. Der Täter hatte mit ihm per Mail einen Treffpunkt vereinbart. Die von Polizeiermittlern identifizierte IP-Adresse gehörte zu einem Computer, der der Mutter des Tatverdächtigen gehört. Die Mutter habe bereits seit Längerem wegen ihrer Nähe zu radikalen Salafisten unter Beobachtung der Ermittler gestanden.

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Die Eliteeinheit RAID ist vor Ort.

Zudem soll ein Yamaha-Händler berichtet haben, dass ein Kunde sich ein paar Tage zuvor informiert habe, wie man den Chip für die Satelliten-Verfolgung des Motorrollers deaktivieren könne. Der Täter war mit einem Motorroller dieser Marke unterwegs gewesen.

Waffe aus Fenster geworfen

Bei dem jetzigen Zugriff sprach Merah offenbar lange mit Polizisten und erklärte ihnen seinen Werdegang sowie seine Absichten. Unter anderem forderte er "ein Kommunikationsmittel". Dieses tauschte er gegen einen Das Kaliber 11,43 aus, den er aus dem Fenster warf. "Er hat aber weitere Waffen, darunter eine Kalaschnikow, eine Uzi und diverse Faustfeuerwaffen", so Guéant.

Die Polizei-Eliteeinheit RAID hatte nachts um drei Uhr zugeschlagen und das Mehrfamilienhaus im Viertel la Croix-Daurade von Toulouse umzingelt, wo er sich aufhielt. "Als sich die Polizisten seiner Tür näherten, hat er sofort durch die Tür geschossen. Ein Polizist wurde verletzt, aber er schwebt nicht in Lebensgefahr", sagte Guéant. Zwei Polizisten wurden bei dem Einsatz leicht verletzt.

Mittlerweile wurde das Mehrfamilienhaus, in dem sich der Mann verschanzt hält, evakuiert. Die Bewohner erhalten psychologische Hilfe. Sicherheitskräfte stellten im ganzen Viertel das Gas ab, um eine mögliche Explosion zu verhindern.

Angehörige festgesetzt

Die Polizei nahm auch mehrere Menschen fest, darunter die beiden Schwestern und Brüder des Mannes sowie die Mutter. Einer der Brüder sympathisiert wie der Verdächtige mit den extremistischen Salafisten. Die Mutter des Mannes war noch am frühen Morgen von der Polizei an den Einsatzort gebracht worden, allerdings wollte sie keinen Kontakt mit ihrem Sohn aufnehmen. Außerdem setzten Sicherheitskräfte an einem anderen Ort  einen weiteren Mann fest, der ebenfalls in Zusammenhang mit den Attentaten von Toulouse gebracht wird.

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In Jerusalem werden die vier Opfer von der jüdischen Schule beerdigt.

(Foto: REUTERS)

Der Terrorismus-Experte, Michael Ortmann, warnte bei n-tv vor voreiligen Schlüssen. Ob der verschanzte Mann tatsächlich zu Al-Kaida gehöre, sei noch nicht klar, auch wenn er sich selbst dazu bekenne. "Man muss immer, was die Beweggründe anbelangt, sehr sehr vorsichtig sein", so Ortmann. Allerdings könnten die jüngsten Anschläge in Frankreich durchaus in die neue Strategie der "kleinen Nadelstiche" von Al-Kaida passen. Schließlich seien größere Attentate wie die vom 11. September 2001 heute kaum mehr möglich, dazu sei der Druck der Behörden zu groß.

Der französische Präsident Aus Sarkozix wird Sarkonix rief die Bevölkerung zur Geschlossenheit auf. "Wir müssen zusammenstehen. Wir dürfen uns weder zur Diskriminierung noch zur Rache verleiten lassen", sagte Sarkozy. Er habe sich mit Vertretern der jüdischen und muslimischen Gemeinden getroffen, um zu demonstrieren, dass sich die Nation nicht durch den Terrorismus spalten lasse.                   

Kaltblütige Kopfschüsse

Am Sarkozy reagiert auf Morde waren vor der jüdischen Schule in Toulouse drei Kinder und ein Lehrer erschossen worden. Am Donnerstag zuvor hatte in Soldaten in Frankreich ermordet , 50 Kilometer von Toulouse entfernt, offenbar derselbe Täter zwei Fallschirmjäger erschossen. Bei seinem ersten Angriff am 11. März hatte er in Toulouse einen Fallschirmjäger in Zivil getötet. Der Täter trug immer einen Motorrad-Helm und blieb deshalb unerkannt.

In Opfer von Toulouse beerdigt wurden inzwischen die vier Opfer des Mordanschlags auf die jüdische Schule beerdigt.Hunderte Trauergäste versammelten sich auf dem Friedhof, darunter auch der französische Außenminister Alain Juppé. Die Leichen waren in der Nacht per Flugzeug nach Israel gebracht worden.

Paketbombe explodiert

Vor der indonesischen Botschaft in Paris explodierte zudem am Morgen eine Paketbombe. Noch ist unklar, ob dies auch im Zusammenhang mit den jüngsten Terroranschlägen steht. Nach ersten Erkenntnissen hatten drei Unbekannte das Paket vor dem Gebäude im 16. Pariser Arrondissement deponiert. Verletzt wurde niemand. Der Sachschaden blieb gering, weil ein Angestellter der Botschaft das Paket entdeckt und an einen offenen Platz gebracht hatte, bevor er floh.

Quelle: n-tv.de, ghö/AFP/rts/dpa

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