Politik

Gefechte in Berg-Karabach Armenien ruft Kriegszustand aus

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Standbilder aus dem vom armenischen Verteidigungsministerium veröffentlichten Filmmaterial sollen zeigen, wie ein aserbaidschanischer Panzer zerstört wird.

(Foto: picture alliance/dpa)

Seit Jahrzehnten streiten Armenien und Aserbaidschan um die Region Berg-Karabach. Nun eskaliert der Konflikt. Hubschrauber werden abgeschossen, es gibt Bombenangriffe mit toten Zivilisten. Armenien hat nun den Kriegszustand ausgerufen. Die EU und Außenminister Maas fordern eine sofortige Waffenruhe.

Der militärische Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die mehrheitlich von Armeniern bewohnte Region Berg-Karabach ist wieder voll entbrannt: Von Armenien unterstützte Rebellentruppen und Aserbaidschans Armee lieferten sich am Sonntag heftige Gefechte. Armeniens Regierungschef Nikol Paschinjan rief das Kriegsrecht aus und ordnete die Generalmobilmachung an. Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew versprach in einer Fernsehansprache derweil den "Sieg" über die "Separatisten".

Beide Seiten machten sich gegenseitig für das Aufflammen der Gewalt verantwortlich. Nach Angaben der pro-armenischen Regionalregierung hatte die aserbaidschanische Armee am frühen Sonntagmorgen Ziele in Berg-Karabach bombardiert, darunter auch die Hauptstadt Stepanakert. "Die gesamte Verantwortung dafür hat die militär-politische Führung Aserbaidschans", teilte die Sprecherin des Verteidigungsministeriums von Armenien mit. Aserbaidschans Verteidigungsministerium erklärte dagegen, die Armee habe eine "Gegenoffensive" gestartet, um "Armeniens Militäraktivitäten" in der Region zu stoppen und die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten.

Dabei seien Panzer, Kampfflugzeuge, Drohnen und Artillerie im Einsatz. "Die aserbaidschanische Armee kämpft heute auf ihrem Territorium, verteidigt die territoriale Integrität, fügt dem Feind verheerende Schläge zu", sagte Präsident Alijew. "Unsere Sache ist gerecht, und wir werden siegen."

Ein Vertreter des aserbaidschanischen Präsidialamtes sprach von toten und verletzten Zivilisten und Soldaten. Nach Behördenangaben wurden zahlreiche Häuser in Dörfern zerstört. Das armenische Verteidigungsministerium, das die Rebellen unterstützt, meldete den Abschuss zweier aserbaidschanischer Militärhubschrauber sowie von drei Drohnen. Aserbaidschan sprach dagegen von nur einem abgeschossenen Helikopter.

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In den vergangenen Wochen war der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan erneut aufgeflammt. Beide Seiten warfen sich gegenseitig vor, Dörfer im Grenzgebiet angegriffen zu haben. Im Juli kam es an der Grenze zwischen den verfeindeten Republiken zu schweren Gefechten. Die Kämpfe lagen jedoch Hunderte Kilometer nördlich von Berg-Karabach. Im April 2016 waren in Berg-Karabach mehr als hundert Menschen bei heftigen Auseinandersetzungen gestorben. 2010 war die bislang letzte große Initiative für einen Frieden zwischen Eriwan und Baku gescheitert.

Konflikt könnte weitreichende Folgen haben

Ein länger andauernder militärischer Konflikt zwischen Eriwan und Baku könnte weitreichende Auswirkungen haben. Russland und die Türkei konkurrieren um Einfluss in der Kaukasusregion. Das ölreiche Aserbaidschan hatte seine Armee in den vergangenen Jahren hochgerüstet und kann auf die Unterstützung der Türkei zählen. Russland unterstützt dagegen Armenien, wo es einen Militärstützpunkt unterhält.

Das russische Außenministerium rief beide Seiten auf, das Feuer sofort einzustellen. Zudem sollten Baku und Eriwan Gespräche aufnehmen, um die Situation zu stabilisieren. Das Ministerium sprach von "intensiven Bombardements auf beiden Seiten der Kontaktlinie". Die benachbarte Türkei warf Armenien vor, internationales Recht zu verletzen. Das Außenministerium in Ankara teilte mit, es verurteile den "armenischen Angriff" scharf. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sicherte Aserbaidschan Unterstützung zu. "Die türkische Nation steht wie eh und je auch heute mit all ihren Möglichkeiten an der Seite ihrer aserbaidschanischen Geschwister", schrieb Erdogan auf Twitter. Er habe seine Solidarität auch in einem Telefonat mit Aserbaidschans Präsident Ilham Aliyev ausgedrückt.

Die EU forderte ein sofortiges Ende der Kampfhandlungen und die Rückkehr an den Verhandlungstisch. Auch Bundesaußenminister Heiko Maas hat eine sofortige Einstellung der Kämpfe gefordert. Er sei alarmiert über die erneuten, massiven Auseinandersetzungen zwischen beiden Ländern und Berichte über zivile Opfer auf beiden Seiten. "Ich rufe beide Konfliktparteien dazu auf, sämtliche Kampfhandlungen und insbesondere den Beschuss von Dörfern und Städten umgehend einzustellen", betonte der SPD-Politiker am Sonntag nach Angaben seines Ministeriums.

Der Konflikt um die Region Berg-Karabach könne nur auf dem Verhandlungsweg gelöst werden, sagte der deutsche Außenminister. Die OSZE-Minsk-Gruppe stehe mit ihren drei Co-Vorsitzenden Frankreich, Russland und USA dafür bereit. In der Gruppe sind neben Aserbaidschan und Armenien Belarus, Deutschland, Italien, Schweden, Finnland und die Türkei vertreten. Die OSZE ist die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa.

Erste Kämpfe schon vor 100 Jahren

Die beiden Kaukasus-Staaten Armenien und Aserbaidschan befinden sich seit fast 30 Jahren in einem Konflikt um die Kontrolle über die Region. Doch die Wurzeln liegen noch länger zurück. Bereits 1917 lieferten sich Armenien und Aserbaidschan nach dem Ende der Zarenzeit einen Bürgerkrieg um Berg-Karabach. 1921 schlug der Sowjetherrscher Josef Stalin die Region der sozialistischen Sowjetrepublik Aserbaidschan zu, ab 1923 genoss sie Autonomie.

Pro-armenische Rebellen brachten das mehrheitlich von Armeniern bewohnte Gebiet Ende der 80er Jahre mit Eriwans Unterstützung unter ihre Kontrolle. Dabei gab es rund 30.000 Todesopfer. 1991 rief Berg-Karabach seine Unabhängigkeit aus. International wird das Gebiet jedoch bis heute nicht als eigenständiger Staat anerkannt. Aserbaidschan will die Region wieder vollständig unter seine Gewalt bringen, notfalls mit Gewalt.

Quelle: ntv.de, bea/dpa/AFP