Politik

Reicher Cousin bricht Schweigen Assads Herrschaftssystem zeigt tiefe Risse

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Eine Reaktion von Baschar al-Assad auf die öffentlichen Aussagen seines Cousins steht noch aus.

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Das System um Syriens Präsidenten Assad baut auf absolute Loyalität. Konflikte werden nicht nach außen getragen. Ein besonders mächtiger Vertreter des Herrscherclans widersetzt sich dieser Regel nun. Das lässt auf tiefe Zerrüttungen schließen und dürfte Assads Cousin teuer zu stehen kommen.

Es gehört zu den Merkmalen der herrschenden Elite in Syrien, dass sie sich in tiefer Verschwiegenheit übt. Die Clique der Reichen und Mächtigen um Präsident Baschar al-Assad schottet sich ab. Um so erstaunlicher sind zwei Videos, die vor Kurzem ein Mann verbreitet hat, dessen Name unter Syrern berühmt-berüchtigt ist: Rami Machluf, Unternehmer, Milliardär und vor allem Cousin Assads. In den Filmen gibt er ungewohnte Einblicke in das Innenleben des syrischen Herrschaftssystem - und offenbart tiefe Risse zwischen den Mächtigen.

Machluf kommt aus einer der einflussreichsten syrischen Familien, die wiederum eng mit dem Assad-Clan verbunden ist. Schon sein Vater kümmerte sich um die Finanzen von Baschars Vater Hafis, der das Land über Jahrzehnte regierte. Als Mitglied des innersten Machtzirkels machte Rami Machluf sein Geld vor allem mit Syriatel, dem führenden Mobilfunkunternehmen, dessen Haupteigner er ist. Sein Vermögen vor dem Bürgerkrieg wurde auf fünf Milliarden US-Dollar geschätzt.

Für Gegner der Regierung verkörpert Machluf zugleich wie kein zweiter das korrupte Gesicht einer mafiaähnlichen Herrschaftsclique. Kritiker werfen ihm vor, die Vetternwirtschaft ausgenutzt zu haben, um sich schamlos zu bereichern. "Rami al-Harami" ("Rami, der Dieb") lautet sein Spitzname. Die USA hatten ihn schon 2008 auf die Sanktionsliste gesetzt. Die EU ergriff später dieselbe Strafmaßnahme, weil er das syrische Regime finanziere und unterstütze. Mit seinem Reichtum galt er als einer der wichtigsten Pfeiler der Regierung im Bürgerkrieg.

"Eines der größten Zerwürfnisse innerhalb des Regimes"

Doch um die Kontakte zwischen Machluf und Assad scheint es schlecht bestellt zu sein. Das legen jedenfalls die zwei Videos nahe, die der Cousin des Präsidenten vor einigen Tagen über Facebook verbreitete. Im ersten - etwa 15 Minuten lang - wehrt er sich gegen den Vorwurf, ein korrupter Steuersünder zu sein. Natürlich bezahle seine Firma Steuern, beteuert er. "Wir spielen kein Spiel mit dem Staat." Was die Regierung jedoch von Syriatel verlange, könnte zum Zusammenbruch der Firma führen, klagt er, während er offenbar auf der Treppe einer Villa sitzt.

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Rami Machluf wurde als Assads Cousin und Unternehmer zum Milliardär.

(Foto: picture alliance / dpa)

Damit wurde öffentlich, was seit Monaten immer wieder durch Medien geisterte: dass es zum Bruch zwischen Machluf und Assad gekommen ist. So soll Assads Regierung schon im vergangenen Jahr von seinem Cousin eine hohe Summe verlangt haben, angeblich weil Syriens Verbündeter Russland von Damaskus Geld forderte. In dem Video spricht Machluf von 130 Milliarden Syrischen Pfund, die Syriatel zahlen solle.

Mit dem Auftritt brach der Milliardär ein Tabu: Interne Streitigkeiten werden in Syriens Herrschaftselite intern gelöst - und nicht vor aller Augen. "Das ist eines der größten Zerwürfnisse innerhalb des Regimes, das man bisher beobachten konnte", sagt ein westlicher Diplomat, der seit langem mit Syrien vertraut ist. Offenbar brachte der erste Auftritt jedoch nicht den gewünschten Erfolg, weshalb Machluf wenige Tage später ein zweites Video folgen ließ.

Darin beklagt er, dass Sicherheitsdienste Mitarbeiter seiner Firmen verhaftet hätten - dabei sei er doch der größte Unterstützer genau dieser Sicherheitsdienste gewesen, beteuert Machluf. Wie im ersten Video wendet er sich direkt an Assad: "Herr Präsident, die Sicherheitsdienste haben angefangen, die Freiheit der Menschen anzugreifen. Das sind Ihre Menschen", sagt er leise, aber eindringlich. "Ich bitte Sie, lassen Sie uns Gerechtigkeit widerfahren." In den Ohren der Assad-Gegner muss Machlufs Anklage wie Hohn klingen.

"Er muss mindestens das Land verlassen"

Experten rätseln jetzt, warum die Regierung Machluf so stark unter Druck setzt, dass er in dieser ungewöhnlichen Form aufbegehrt. Da er sich in den Videos direkt an Assad wendet, liegt der Schluss nahe, dass er keinen Zugang mehr zu seinem Cousin hat. Das Middle East Institute aus Washington geht davon aus, dass sich Machluf zu einem "gefährlichen Spieler" entwickelt habe, "mit zu viel Einfluss und Macht, die während des Kriegs unkontrollierbar geworden sind". In den Medien kursieren auch Gerüchte, Machluf habe sich zu eng mit der Iran-treuen Schiitenmiliz Hisbollah aus dem Libanon verbündet, die in Syrien an der Seite der Regierung im Einsatz ist.

Gleichzeitig braucht die Regierung dringend Milliardensummen, weil Syrien unter einer schweren Wirtschaftskrise leidet. Große Gebiete sind zerstört, es fehlen die Ressourcen für den Wiederaufbau. International ist das Land wegen der Sanktionen stark isoliert.

Weder Assad noch andere hochrangige Vertreter Syriens haben sich zu den Videos geäußert. Machluf ist zu mächtig, als dass ihn die Regierung einfach festnehmen oder gar umbringen könnte. "Machluf kaltzustellen, ohne die Netzwerke zu zerstören, die Assad so gut gedient haben, wird schwierig sein", heißt es in einer Analyse der Syrien-Kenner Faysal Itani und Bassam Barabandi.

Gleichzeitig dürfen Machlufs Auftritte in der Logik der Herrschaftselite für ihn nicht folgenlos bleiben - ansonsten liefe Assad Gefahr, dass der Fall seine Macht untergräbt. "Es ist nicht denkbar, dass Machluf einfach so weitermachen kann", sagt der westliche Diplomat. "Er muss mindestens das Land verlassen."

Quelle: ntv.de, Jan Kuhlmann, dpa