Politik

Neue Debatte über Kernenergie Atomkraft - nein danke oder ja bitte?

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Das Atomkraftwerk Grohnde am 29. Dezember 2021. Da lief es noch.

(Foto: imago images/Future Image)

Weltweit setzen Staaten im Kampf gegen den Klimawandel sowie im Interesse sicherer Stromversorgung wieder verstärkt auf Kernenergie. Deutschland hält am Atomausstieg fest. Über das Für und Wider wird gestritten.

"Ach ist das schön!", twitterte Sven Giegold, der Staatssekretär von Klimaschutzminister Robert Habeck, nachdem in der Silvesternacht drei weitere deutsche Atomkraftwerke runtergefahren worden waren, und: "Heute geht ein Jugendtraum in Erfüllung." Die verbliebenen drei von ehemals acht Meilern sollen Ende dieses Jahres folgen. Der Grünen-Politiker schrieb, erneuerbare Energien ersetzten Atomkraft, Kohle und Erdgas. "Endlich!"

Die Wortmeldungen unter dem Statement spiegeln die Diskussion über den Ausstieg aus dem Automausstieg wider, die durch deutlich gestiegene Strompreise im Herbst entbrannt war. An Fahrt gewann sie durch die Entscheidung der EU-Kommission, Kernenergie und Erdgas mit dem Gütesiegel der Nachhaltigkeit zu versehen. Giegold wurde etwa gefragt, ob er die Verantwortung übernehme, wenn es "durch die Abschaltung der KKW zu einem Blackout kommt" und "wir im Dunkeln sitzen". Eine Gegenstimme erklärte wiederum, Frankreich riskiere permanent Totaleinbrüche bei der Stromversorgung, "weil die Atomkraftwerke dort ständig durch Störungen ausfallen".

Angeheizt wird die Debatte mittels Untergangsfantasien, wie sie inzwischen typisch sind für politischen Streit. Die einen warnen vor dem Ende Deutschlands als Industriestaat, weil es zu wenig Strom geben könnte, die anderen vor der Klima- oder anderen Katastrophen. Fakt ist: Die Erzeugung einer Kilowattstunde Strom aus Atomkraft verursacht im Vergleich zu Braunkohle und Gas einen deutlich geringeren Ausstoß an klimaschädlichem Kohlendioxid. Deutschland, das sich als Vorreiter in Sachen Klimaschutz darstellt, ist die einzige Industrienation, die auf Kernenergie verzichtet und zugleich rasch aus der Kohle will, ohne ein ausgefeiltes und erprobtes Alternativkonzept zu haben. Die Bundesrepublik setzt auf Sonne und Wind. Was aber ist bei Windstille und Dunkelheit?

Die FDP macht das Fass nicht auf

Zahlreiche Länder, auch die meisten europäischen, setzen beim Kampf gegen die Erderwärmung auf die Kernkraft. Ihr Motiv sind aber auch Angst vor Stromknappheit, gar Blackouts, Abhängigkeiten von russischem Gas und rasant wachsende Energiepreise. Finnland etwa nahm kurz vor Neujahr mit langer Verspätung einen neuen Atommeiler in Betrieb. Die Nachrichtenagentur Bloomberg fasste es im Herbst so zusammen: "Europa fehlt es an Gas und Kohle, und wenn der Wind nicht weht, könnte das schlimmste Szenario eintreten: weit verbreitete Stromausfälle, die Unternehmen und Fabriken zur Schließung zwingen."

Den Atomkraftbefürwortern verlieh auch der Weltklimarat IPCC Aufwind. Er bezeichnete Kernenergie als eines der Instrumente, um das global verabredete Pariser Ziel zu erreichen, die menschengemachte Erderwärmung bis Ende des Jahrhunderts möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen - statt befürchteter 4,0 Grad. Die Ampelkoalition, die sich als Klimaschutzregierung versteht, will den deutschen Weg dennoch weitergehen und schimpft über die EU. Vor allem die Grünen sind es, die das Thema Atomkraft ein für alle Mal beerdigen wollen. "Die wollen und können ihre Haltung nicht ändern, ohne ihre Identität zu verlieren", sagt ein führender FDP-Politiker. Vor den Koalitionsverhandlungen kursierte in seiner Partei ein Papier, das für den Erhalt der deutschen Kernkraftwerke warb. Die FDP machte das Fass aber nicht auf.

Habeck spricht von einer "Hochrisikotechnologie". Er sagt: "Atommüll wird uns über Jahrhunderte belasten. Und es mangelt auch an harten Sicherheitskriterien." Umweltministerin Steffi Lemke, ebenfalls Mitglied der Grünen, äußert sich fast wortgleich. Sie verweist auf einen "parteiübergreifenden Konsens" gegen die Kernkraft. Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken sekundiert: "Atommeiler produzieren Abfälle, die über Jahrmillionen radioaktiv strahlen und damit das Leben auf unserer Erde gefährden. Ihre sichere Endlagerung ist und bleibt ungelöst." Zudem verweisen alle Atomkraftgegner auf Milliardenkosten für neue Kraftwerksbauten und die Endlagerung, die dem "Märchen von der billigen Energie" widersprächen.

Julia Verlinden, stellvertretende Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, meint, durch das kürzliche Ende der Atomkraftwerke Grohnde in Niedersachsen und Brokdorf in Schleswig-Holstein werde "es endlich weniger Abschaltungen von Windenergieanlagen geben", da "Windstrom jetzt besser nach Süden abgeleitet werden kann". Auch dem Neubau von Windenergieanlagen stehen im Norden nun keine Atomkraftwerke mehr im Weg." Dass Deutschland künftig mehr Atomstrom importieren müsse, halt sie "nicht für stichhaltig". Sie sagt: "In den vergangenen Jahren hat Frankreich stets mehr Strom aus Deutschland bezogen als umgekehrt."

"Mit Isar-2 wäre Fukushima glimpflich ausgegangen"

Die Kernkraftforscherin Veronika Wendland lässt all diese Argumente nicht gelten. Im Sommer 2020 verfasste sie gemeinsam mit Rainer Moormann, einer einstigen Ikone der Anti-AKW-Bewegung, einen Appell, in dem sie dafür warben, den Atomausstieg zu verschieben - im Interesse des Klimaschutzes. Ihr Motto lautet: erst raus aus der Kohle, danach aus der Atomkraft. Wendland meint: "Das Hauptproblem der Menschheit ist ganz klar der Klimawandel. Die Gefahren, die von der Atomkraft ausgehen, sind im Vergleich dazu marginal."

Den Reaktorunfall in Fukushima nach einem Tsunami - das Unglück bewog die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Atomausstieg vor elf Jahren - wäre nach Einschätzung Wendlands nicht passiert, wenn japanische Anlagen wie deutsche gebaut worden wären. Hiesige Meiler sind der Wissenschaftlerin zufolge so ausgelegt, dass sie theoretisch einem 10.000-jährigen Hochwasser standhalten müssten. "Fukushima wurde nur für das 100-jährige maximale Flutereignis ausgelegt." Anders ausgedrückt: "Hätte Isar-2 in Fukushima gestanden, wäre es glimpflich ausgegangen." Das AKW nahe Landshut, das einzig verbliebene in Bayern, soll Ende 2022 abgeschaltet werden.

Die Expertin, die bis vor einem Jahr dem wissenschaftlichen Beirat der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung angehörte, verweist auf die übrigen Branchen. "Opfer und Umweltbelastungen aus Kernenergie sind gering im Vergleich mit anderen Industrien, die wir auch nicht abwickeln." Sie nennt den Einwand eine "unwissenschaftliche Irgendwas-kann-immer-passieren-Logik", die sich nicht mit den Fakten decke.

"Das Ding ist durch"

Wendland widerspricht auch dem Vorwurf einer "angeblichen Blockade" der Erneuerbaren durch Atomenergie. Schließlich sei die gesamte politische Förderung auf Wind- und Solarkraft ausgerichtet, Atomkraft habe keine Lobby mehr. Das von den Grünen geforderte Tempolimit brächte ein Zwanzigstel bis Dreißigstel an CO2-Einsparung, die die deutschen Atomkraftwerke bewirkt hätten.

Für regelrecht aufgebläht und "total überhöht" hält die Forscherin das Problem des Atommülls. Wissenschaftlich spreche viel für eine Langzeitlösung tief im Inneren eines Gesteins, das "die Isolierungs- und Wächterfunktion übernimmt". In Deutschland existiere längst ein funktionierendes Endlager für hochtoxischen Chemieabfall, über das überhaupt nicht diskutiert werde, "obwohl dieser Abfall um Größenordnungen mehr Volumen hat und selbst in einer Million Jahre immer noch so daliegen wird. Radionuklide zerfallen in dieser Zeit."

Umfragen belegen ein zunehmendes Unbehagen in der Bevölkerung mit dem Atomausstieg: Vor zehn Jahren fanden ihn drei von vier Deutschen richtig, inzwischen ist es ungefähr die Hälfte. Wäre ein Aufschub generell noch möglich? "Dazu bräuchte man eine Atomrechtsänderung und eine Weisung an die Betreiber", sagt Wendland, wohlwissend, dass auch bei den Energiekonzernen die Meinung vorherrscht: "Das Ding ist durch." Sie haben sich längst auf die neue Lage eingestellt. RWE etwa will nach Angaben seines Vorstandschefs Markus Krebber bis 2030 insgesamt 50 Milliarden Euro in Windkraft, Solarparks und grünen Wasserstoff investieren. Wie hoch ist das Interesse an einem Weiterbetrieb der Atomkraftwerke? Die Antwort bei RWE ist eindeutig: Null.

Quelle: ntv.de

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