Politik

Ortskräfte verzweifeln in Kabul "Auf Deutschland ist kein Verlass"

20210827_KhodadadAtaiy_AbbeyGate_4_1.jpg

Am Flughafen in Kabul warten noch immer Tausende auf eine mögliche Ausreise.

(Foto: privat)

Diese Bilder bleiben vom Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr: Verzweifelte, die von den Tragflächen startender Flieger in den Tod stürzen. Tausende Ortskräfte wurden zurückgelassen. Lucas Wehner engagiert sich im deutschen Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte. Von der Bundesregierung wünscht er sich Verantwortung für all diejenigen, die für sie gearbeitet haben. Mit ntv.de spricht er über die Ängste und Hoffnungen der Menschen, die noch vor Ort sind.

ntv.de: Etwa 6500 Afghanen, die vor Ort für deutsche Organisationen oder die Bundeswehr gearbeitet hatten, haben es in keinen der Evakuierungsflieger geschafft. Wo sind die Leute jetzt?

LucasWehner.jpg

Der Politologe Lucas Wehner leitet das International Office an der Internationalen Hochschule Bad Liebenzell. Sein Schwerpunkt ist Terrorismus. Seit vier Jahren engagiert sich der Reservist der Bundeswehr für deutsche Ortskräfte in Afghanistan.

Lucas Wehner: Wir stehen mit vielen in Kontakt, per E-Mail oder Messengerdiensten. Manche Ortskräfte versuchen, auf eigene Faust über die Grenze nach Pakistan oder Usbekistan zu fliehen. Die meisten leben aber in Verstecken, die sie sich nun selbst organisiert haben. Ein Mann schrieb mir heute, dass er gerade seinen Unterschlupf wechseln musste. Die Taliban waren in der Nachbarschaft unterwegs und suchten mit einem Foto nach ihm.

Sie haben keine Safehouses mehr in Kabul, wie noch im August?

Nein, das wäre jetzt zu gefährlich. Wenn die enttarnt würden, wären sofort mehrere 100 Personen den Taliban ausgeliefert. Wir hatten ja drei Safehouses in Kabul, die wir am 16. August aufgelöst haben. Zwei Stunden haben wir mit uns gerungen, ehe wir entschieden, die Häuser aufzugeben. Das ist uns schwergefallen, war aber weise: Vier Stunden danach standen die Taliban vor der Tür.

Die Islamisten bemühen sich ja öffentlich, moderater zu wirken. Sie versichern, keine Häuser zu durchsuchen. Die Ortskräfte würden nicht verfolgt, heißt es.

Wir hören anderes. Immer wieder ziehen Taliban durch die Straßen, um herauszufinden, wo sich Leute verstecken, die mit den westlichen Kräften zusammengearbeitet haben. Manche Ortskräfte berichten uns, dass die Taliban in ihre Häuser eindrangen und sagten: "Wenn ihr morgen noch da seid, nehmen wir eure Kinder mit." Viele Bedrohte haben ihr gesamtes Hab und Gut verkauft und sind mit ihren Familien irgendwo untergetaucht. Aber auch für solch ein Versteck muss man oft viel Geld zahlen. Es gibt viele, die am Leid anderer verdienen.

Die meisten können sich aber bislang noch vor den Taliban verbergen?

Zum Glück ja. Von den niederländischen Ortskräften hören wir, dass sie nun zu Tribunalen vorgeladen werden. Das macht natürlich Angst. Bei den deutschen ist das bislang noch nicht gemeldet worden. Da bin ich ganz froh.

Wie kann Ihre Organisation den Ortskräften nun helfen?

Das ist schwierig. Zum Teil versuchen wir, mit Geld zu unterstützen, wie für Erstattungen von Reise- und Visakosten, aber wir können ja nicht nach Afghanistan überweisen. Wir versuchen, den Menschen Mut zu machen, die ihre Hoffnung verloren haben. Sie schreiben, dass sie sich lieber selbst umbringen wollen, als von den Taliban ermordet zu werden. Eine Gruppe, zu der wir Kontakt haben, kauert seit Tagen in einem dunklen Raum. Sie trauen sich nur einmal pro Woche raus, um Lebensmittel zu besorgen. Andere haben versucht, wieder nach Masar-e Sharif zu kommen, verstecken sich bei Angehörigen. Wer dort festgenommen wird, muss mit Folter und Misshandlungen rechnen. Denn die Taliban dort gelten als besonders brutal. Wir bekommen Fotos geschickt, die schlimme Verletzungen zeigen.

Das Auswärtige Amt hat am Donnerstag den ersten Charterflug aus Pakistan durchgeführt - mit 217 Menschen an Bord. Ab jetzt soll das wöchentlich passieren. Gibt das Hoffnung?

Es sind noch etwa 2500 Ortskräfte und Familienangehörige vor Ort, die entweder ein Visum für Deutschland haben oder zu mindestens visumsberechtigt sind. Das Visum läuft aber im November aus. Wir stehen also enorm unter Zeitdruck. Bleibt es bei rund 200 Evakuierten wöchentlich, dann ist es nicht zu schaffen, bevor die ersten Visa schon wieder ungültig sind. Gleichzeitig hatte sich das Auswärtige Amt wochenlang bei niemandem dieser Leute zurückgemeldet. Dieser erste Flug ist natürlich eine gute Nachricht, aber es muss mehr und schneller gehen.

Wie kommen die Menschen überhaupt nach Pakistan? Die Grenze ist dicht, heißt es.

Das Verteidigungsministerium hat zum Beispiel kürzlich mit einer diplomatischen Note an Pakistan erwirkt, dass wenige afghanische Personen dorthin über die Landgrenze ausreisen konnten. Die hatten nicht einmal einen Pass. Es ist also einiges möglich, dazu braucht es aber den politischen Willen zu helfen.

Was passiert mit den vielen ohne Visum? Fehlt da der politische Wille, zu helfen?

Das sind unter anderem solche Menschen, die nur bis 2013 für deutsche Regierungsorganisationen oder die Bundeswehr tätig waren. Hier wurde eine willkürliche Linie gezogen, kein anderes Land hat das gemacht. Dazu kommen solche, die für Subunternehmer tätig waren oder als Auftragnehmer.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel wollte die Bundeswehr in ihrem Camp Marmal gern eine christliche Kapelle haben. Die wurde von einem afghanischen Bauunternehmer errichtet, und der hat damit aus Sicht der Taliban eine äußerst frevelhafte Tat gegen den Islam begangen. Oder die Firma KMS - sie liefert Treibstoff, und das hat sie auch für die Westmächte getan. Dank des Treibstoffs von KMS sind Kampfjets aufgestiegen und haben Taliban-Stellungen bombardieren können. Nun gelten sie natürlich als Kollaborateure und werden verfolgt. Dass die Bundesregierung all diese Leute ohne Hilfe zurücklässt, macht mich fassungslos.

Was tut Ihre Organisation?

Wir versuchen, für diese Leute hier in Deutschland Stimme zu sein, Visa zu erwirken, haben Anwälte, die unterstützen. Politiker setzen sich sehr unterschiedlich ein. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann kümmert sich beinahe um jeden Fall, den man an ihn heranträgt, persönlich. Auf Bundesebene schiebt sein Parteikollege Horst Seehofer seit Monaten die Verantwortung rüber zum Außenministerium, und Heiko Maas schiebt sie zurück. Man kümmert sich nicht einmal um solche Fälle wie drei minderjährige Mädchen, die ohne Angehörige und ohne Schutz allein in Kabul sind.

In ihrer Afghanistan-Bilanz hat Kanzlerin Angela Merkel gesagt, hinterher alles genau zu wissen, das sei relativ mühelos.

Fünf Briefe hat unser Netzwerk an die Kanzlerin geschrieben, ohne je eine Antwort zu bekommen. Wir haben früh gewarnt, aber das hat die Bundesregierung nicht interessiert. Als ich Angela Merkel dann so reden hörte, als hätte niemand versucht vorher zu warnen, war ich - übrigens selbst CDU-Mitglied - sehr enttäuscht. Und enttäuschend ist ebenso, dass wir uns als private Organisation so einsetzen müssen, weil die Politik zwar von Verantwortung redet, sie aber nicht übernimmt. Auf Deutschland ist leider kein Verlass.

Mit Lucas Wehner sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen