Politik

Ehemaliger SS-Sanitäter dement Auschwitz-Prozess steht vor dem Scheitern

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Dem Angeklagten wird Beihilfe zum Mord in mindestens 3681 Fällen vorgeworfen.

(Foto: picture alliance / Bernd Wüstnec)

Mehr als sieben Jahrzehnte liegen die NS-Verbrechen zurück. Nun soll einem ehemaligen SS-Sanitäter eigentlich der Prozess gemacht werden. Doch dazu wird es nun wohl nicht mehr kommen.

Das Gerichtsverfahren gegen einen früheren SS-Sanitäter aus dem Konzentrationslager Auschwitz wird vermutlich scheitern. Der 96-jährige Angeklagte sei wegen fortschreitender Demenz nicht mehr in der Lage, seine Interessen bei einem Prozess vernünftig wahrzunehmen, seine Verteidigung angemessen zu führen und Erklärungen abzugeben oder entgegenzunehmen, teilte das Landgericht Neubrandenburg mit.

Zu diesem Ergebnis seien die als Sachverständige bestellten Psychiater in ihrem Gutachten gekommen. Dem Mann aus der Nähe von Neubrandenburg wird Beihilfe zum Mord in mindestens 3681 Fällen vorgeworfen. Er war laut Anklage im Sommer 1944 einen Monat als KZ-Sanitäter in Auschwitz tätig.

Der Prozess war bereits im Herbst 2016 vorerst geplatzt. Das Landgericht wollte den Prozess mit Rücksicht auf die angeschlagene Gesundheit des Mannes 2015 gar nicht erst eröffnen. Das ordnete später aber das Oberlandesgericht in Rostock an.

Der Angeklagte wurde als SS-Mann schon Ende der 40er Jahre von einem polnischen Gericht zu vier Jahren Haft verurteilt, die er auch verbüßte. Gegenstand des Verfahrens war nach Angaben der Verteidigung jedoch eine frühere Einsatzzeit in Auschwitz-Birkenau.

Demjanjuk-Prozess als Wendepunkt

Dass überhaupt nun erst, Jahrzehnte nach der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee, Anklage erhoben wird, liegt unter anderem an der veränderten Rechtsauffassung. Lange galt eine individuelle Schuld als Voraussetzung für eine Verurteilung - doch dieser Nachweis war Jahrzehnte nach der Tat sehr schwer, etliche Verfahren wurden daher eingestellt.

Erst der Fall von John Demjanjuk brachte einen Wendepunkt. Demjanjuk war ein ukrainischer Soldat der Roten Armee, der sich nach seiner Gefangennahme den Hilfstruppen der SS anschloss. Auch wenn ihm keine konkrete Tatbeteiligung nachzuweisen war, verurteilte ihn das Landgericht München, weil er im Vernichtungslager Sobibor gearbeitet hatte.

In Auschwitz ermordeten die Deutschen rund 1,1 Millionen Menschen, die meisten von ihnen Juden. Vor 72 Jahren, am 27. Januar 1945, wurde das Vernichtungslager von der Roten Armee befreit.

Quelle: ntv.de, ghö/dpa