Politik

Keine Unbekannte im Kiez Bayram tritt aus Ströbeles Schatten

88933854.jpg

Nicht nur ihre Unangepasstheit verbindet Bayram mit Ströbele.

(Foto: picture alliance / Soeren Stache)

Die Ära von Hans-Christian Ströbele ist vorbei: In Friedrichshain-Kreuzberg beerbt Canan Bayram die Grünen-Ikone und holt das einzige Direktmandat für die Partei. Doch dort ist die 51-Jährige nicht unumstritten.

Erst gegen drei Uhr nachts ist es amtlich. Canan Bayram gewinnt in Berlin den Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost und holt damit das einzige Direktmandat für die Grünen. Mit einem hauchdünnen Abstand zu ihrem Konkurrenten Pascal Meiser von den Linken zieht die 51-Jährige mit 26,3 Prozent in den Bundestag ein - und tritt damit die Nachfolge von Hans-Christian Ströbele an.

"Ich wusste, dass es bei der Wahl eng werden würde", sagt sie dem Berliner "Tagesspiegel". "Aber Ströbele hat mich immer unterstützt. Er hat an den Wahl-Ständen gestanden, er hat in den Wahlkampfsitzungen mitgearbeitet." Ja es sei eng gewesen, aber sie habe nie das Gefühl gehabt, dass es für sie nicht reichen würde.

In Friedrichshain-Kreuzberg ist der aus Altersgründen zurückgetretene Ströbele eine Legende. Mit Zustimmungswerten von bis zu 40 Prozent hatte der 78-Jährige den links-alternativen Wahlkreis viermal in Folge gewonnen. Als es um seine Nachfolge ging, war Bayram zunächst nur zweite Wahl. Ihren Job sollte eigentlich der Experte für Rechts- und Innenpolitik, Dirk Behrendt, übernehmen. Der war inzwischen aber schon Justizsenator in der rot-rot-grünen Senatsregierung.

Austritt aus der SPD

Ähnlich wie ihr Ziehvater Ströbele eckt auch Bayram an. Mit ihrem zentralen Wahlkampfthema macht sie mobil gegen die Gentrifizierung in ihrem Bezirk. Sie sympathisiert mit der Hausbesetzerszene. "Die Häuser denen, die drin wohnen", war auf ihren Plakaten zu lesen. Und die Rechtsanwältin meint es ernst. Sogar Enteignung hält sie für eine mögliche Waffe im Kampf gegen Spekulationen mit Immobilien.

In der Partei kam das bei den Wenigsten gut an. Der Leiter der Landesgeschäftsstelle in Baden-Württemberg, Volker Ratzmann, hat sie deswegen als unwählbar bezeichnet. In einem Brief nannte Gerd Poppe, Ex-DDR-Minister und Mitinitiator der Fusion von Bündnis 90 und den Grünen, Bayram eine Zumutung. Er warf ihr vor "Verständnis für die Gewalttaten von Linksextremen" zu haben und ihre Sympathie für die linksextreme Website "linksunten.indymedia" sei "beschämend". Er rief dazu auf, die Rechtsanwältin bei der Wahl zu boykottieren.

Doch nicht nur ihre Unangepasstheit verbindet Bayram mit Ströbele. Genau wie der 78-Jährige ist auch sie ein ehemaliges SPD-Mitglied. Vor ihrem Austritt war Bayram frauenpolitische Sprecherin der rot-roten-Senatsregierung. Als es darum ging, die Chefetage der BVG mit einer Frau zu besetzen, stellte sich der ehemalige Berliner Bürgermeister Kaus Wowereit quer. Auch die Verschärfung des Asylrechts, die die Senatsregierung nicht verhinderte, ließ Bayram an ihrer Parteimitgliedschaft zweifeln. 2009 verließ die gebürtige Rheinländerin die Sozialdemokraten.

Ihr Austritt traf die SPD völlig überraschend und die eh schon dünne Mehrheit der rot-roten Regierung schrumpfte auf nur eine Stimme. Der Umgang mit Frauen in der SPD ist auf eine Art und Weise erfolgt, die ich nicht gut finden kann", sagte Bayram damals. Bei den Grünen wird die Überläuferin mit türkisch-kurdischen Eltern mit offenen Armen willkommen geheißen. Wie Ströbele gehört sie seitdem dem linken Flügel der Partei an.

Im Bundestag ist ihr Ziel, dass ihre Ideen aus Friedrichshain-Kreuzberg  die Bundesrepublik und die ganze Welt verändern, sagt die 51-Jährige dem "Tagesspiegel". In vier Jahren soll die Straßenverkehrsordnung geändert und Gerechtigkeit auf der Straße auch für Fußgänger und Fahrradfahrer hergestellt sein. "Außerdem müssen wir die Verschärfung bei den Bürgerrechten - den Staatstrojanern und die Vorratsdatenspeicherung - zurücknehmen", sagt sie. In einem Punkt will sie an die Politik ihres Vorgängers anknüpfen: Sie will dessen Friedenspolitik weiter stärken.

Anders als Ströbele wohnt Bayram im Kiez

Seit 2003 wohnt Bayram mit ihrer 12 Jahre alten Tochter in Berlin-Friedrichshain im Samariter-Kiez - anders als Ströbele, der mit seinem Wohnsitz in Tiergarten den Anschein erweckte, als wäre er stets nur zu Besuch in seinem Wahlkreis. Zudem betreibt Bayram unweit der Rigaer Straße 94 und den Hausbesetzern eine Anwaltskanzlei. Schon dreimal, einmal davon für die SPD, hat sie für das Berliner Abgeordnetenhaus kandidiert und wurde immer direkt gewählt. Eine Unbekannte ist sie im Kiez also nicht.

Dass die Grünen-Abgeordnete auch in Zukunft immer wieder auf Konfrontation setzen wird, zeigt sich schon an ihrem Widerstand gegen die mögliche Jamaika-Koalition mit CDU/CSU und FDP. Einen Tag nach ihrer Wahl sagte sie: "Ich kann nicht sehen, welche Parallelen wir mit der CSU oder der FDP haben." Weder die Themen Umwelt, Flüchtlinge oder Bürgerrechte könnten mit einer geschwächten Union umgesetzt werden. "Wenn etwas nicht passt, muss man den Wählern gegenüber ehrlich sein, dass etwas nicht geht", sagte sie. Auch deswegen hätten die Menschen sie gewählt. Gleichzeitig verspricht sie: "Ich werde schon mal streitbar sein und das wird auch keinen wundern, so kennt man mich."

Quelle: ntv.de, mit dpa