Politik

Ein Jahr nach Hanau "Bei Migranten gibt es ein Trauma"

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Die Opfer waren keine Fremden - Aufnahme vom August, ein halbes Jahr nach den Morden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Black-Lives-Matter-Bewegung hat in Deutschland mehr Menschen auf die Straßen gebracht als der Rassismus nebenan. "Es ist einfach, Solidarität mit Menschen zu zeigen, die so weit weg sind", sagt der Psychologe Jan Ilhan Kizilhan.

ntv.de: Herr Kizilhan, am 19. Februar 2020 hat ein rassistischer Attentäter in Hanau neun Menschen mit migrantischen Wurzeln erschossen. Die Ermordeten waren zwischen 20 und 37 Jahre alt. Danach tötete Tobias R. seine Mutter, schließlich sich selbst. Warum löst solch ein Anschlag nicht ein nationales Trauma aus?

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Jan Ilhan Kizilhan ist Psychologieprofessor und Orientalist an der Hochschule Villingen-Schwenningen und auf transkulturelle Psychologie und Traumatologie spezialisiert. Er leitet unter anderem das Sonderprogramm der baden-württembergischen Landesregierung zur Behandlung jesidischer Kriegsopfer. Zudem bildet er im Nordirak Psychotherapeuten aus. Kizilhan ist Autor von Fachbüchern, unter anderem über den Islamischen Staat, publiziert aber auch literarische Werke.

Jan Ilhan Kizilhan: Schon seit Gründung der Bundesrepublik gibt es Menschen, die Migranten das Existenzrecht absprechen, und sich deswegen dazu legitimiert fühlen, diese zu töten. Bei Migranten gibt es also durchaus ein Trauma, zwar nicht als klinischen Befund, sondern eher als schwindendes Vertrauen in die hiesige Politik und Gesellschaft. Nach solchen Attentaten gibt es immer einen Aufschrei, es gibt Solidaritätsbekundungen, und in Hanau habe ich ganz exemplarisch bei betroffenen Familien, die ich betreut habe, gesehen, dass sie anschließend ganz alleine waren mit ihrer Trauer. Denn es gibt keinen gesellschaftlichen Diskurs über diese sich immer wiederholenden Ereignisse, und darüber, wie diese sich stoppen lassen könnten. Im Gegenteil, der rassistische Diskurs hat in den vergangenen Jahren sogar noch zugenommen. Die antidemokratische AfD ist in den Bundestag eingezogen und schafft mit ihrer Rhetorik auch Motive für Täter - und die Mehrheitsgesellschaft verdrängt die Tatsache, dass Migranten diesem dauernden Stress, eine Zielscheibe zu sein, ausgeliefert sind.

Im vergangenen Jahr haben wir gesehen, dass es in Krisensituationen durchaus ein kollektives Zusammenrücken gibt. Das Coronavirus hat zu viel Solidarität geführt. Warum reagiert die Gesellschaft nicht genauso, wenn es um rechte Gewalt wie in Hanau und kurz zuvor bei dem Anschlag auf die Synagoge in Halle geht?

Weil bei Covid-19 alle betroffen sind. Unsere Gesellschaft ist noch nicht an dem Punkt angekommen, an dem sie nicht zwischen Migranten und Nichtmigranten unterscheidet und ihre Solidarität nicht nach Herkunft verteilt. In Hanau hat sich aber gezeigt, dass innerhalb der Migranten diese Trennlinie aufgelöst wurde. Es gab keinen Unterschied, ob jemand Araber, Türke oder Kurde war, hier hatte man eine gemeinsame migrantische Identität. Dies hat dazu geführt, dass unter den Migranten die Solidarität im Vordergrund stand und stärkte. Ein Modell, welches sich aber noch nicht auf die Mehrheitsgesellschaft überträgt. Die Betroffenen sind zugleich auch Opfer von Gleichgültigkeit.

Sie kennen einige der Betroffenen von Hanau. Wie können die Überlebenden dieses Geschehen verarbeiten?

Das ist sehr schwierig, denn es ist ein Attentat auf das Verstehen der Welt. Der Mensch kann sich nicht vorstellen, dass jemand plötzlich in die Shisha-Bar kommt und auf alle schießt. Diejenigen, die dort verletzt wurden, haben den Tod vor den Augen gesehen. Es folgen dann depressive Symptome, Einschlafschwierigkeiten, Albträume, Ängste, Unruhen. Die Überlebenden fühlen sich auch schuldig, weil die Freunde gestorben sind und sie nicht. In einer Therapie können Betroffene lernen, mit diesen wiederkehrenden Gedanken und Ängsten umzugehen. Das hängt auch von der individuellen Stärke ab. Dieses Ereignis werden die Menschen aber niemals vergessen.

Wie verändert solch ein Attentat die Hinterbliebenen?

Sie reagieren mit Frustration und Enttäuschung, mit Trauer und der Angst, dass Vergleichbares ihren anderen Kindern geschehen könnte. Die eigentlichen Probleme beginnen, nachdem die Solidaritätsbekundungen enden und die Zurückgebliebenen alleine sind. Deswegen wäre es wichtig, dass von politischer Seite etwas umgesetzt wird für die Ermordeten, etwa ein symbolisches Denkmal, dann würde das Gefühl vermittelt werden, sie seien nicht umsonst gestorben und durch ihren Tod könne für das Thema Rassismus sensibilisiert werden. Es muss ein Sinn in dem Tod gesehen werden, um damit besser zurechtzukommen.

Bei dem Anschlag in Hanau gab es auch Opfer aus Kriegsgebieten, die Familie Hashemi. Ein Sohn der Familie wurde erschossen, einer wurde schwer verletzt - ihre Eltern waren vor dem Krieg nach Deutschland geflohen. Das sind Menschen, die ihren Kindern ein friedliches Leben ermöglichen wollen und diese dann gewaltsam verlieren. Wie lässt sich das Unbegreifliche überhaupt begreifbar machen?

Das ist sehr schwierig zu verstehen, denn diese Menschen erwarten in ihrer Fantasie ein friedliches, demokratisches Deutschland. Dann geraten sie in einen Schockzustand, und es kann eine Reaktivierung der Ereignisse und Gefühle aus Afghanistan erfolgen. Plötzlich ist Kabul mitten in Hanau. Es folgt die Frage nach dem Warum. Das ist eines der schlimmsten Gefühle, die ein Mensch haben kann: das Nicht-Verstehen. Das kann sich so sehr chronifizieren, dass der Betroffene körperlich krank wird.

Serpil Temiz Unvar, die Mutter des ermordeten Ferhat Unvar, sagte unmittelbar nach der Tat weinend in einem Interview, sie habe die Opfer alle gekannt. "Keiner von ihnen war arbeitslos." Warum betont eine trauernde Mutter in solch einer Situation, dass ihr Sohn kein Sozialfall war?

Das hat mich auch sehr getroffen, dass sie noch nach dem Tod ihres Kindes versucht, ein Argument zu finden, ihr Sohn habe eine Funktion in diesem Land erfüllt. Es ist furchtbar, wenn eine Mutter sich dazu genötigt sieht zu erklären, ihr Kind habe einen Wert innerhalb dieser Gesellschaft gehabt, und sei nicht ein arbeitsloser Junge, der nur in der Shisha-Bar herumhängt und von Sozialhilfe lebt. Das sind ja all die Vorurteile, die Migranten ständig hören, und welche viele Deutsche überhaupt nicht mitbekommen. Viele Migranten sind ständig in einer subjektiven Beweisnot, die sie durch die ständige Wiederholung der Vorurteile verinnerlicht haben.

"Mein Opa wurde in Auschwitz umgebracht, aber ich dachte, unsere Familie lebt jetzt in Deutschland in Sicherheit", sagte Filip Goman dem "Zeit-Magazin", der in Hanau seine Tochter Mercedes Kierpacz verlor. Können Sie diesem Mann als Psychologe und Vater überhaupt noch tröstende Worte sagen?

Sehr schwierig, denn der Genozid an den Juden begleitet die Familien über Generationen hinweg. Natürlich ist das Attentat von Hanau nicht mit dem Holocaust vergleichbar, und dass der Täter psychisch krank war, hilft dem Vater wohl auch wenig. Mir würde es jedenfalls nicht helfen. Hier kann aber die gemeinschaftliche Solidarität helfen, wenn man sich den Schmerz gemeinsam teilt. Ich würde mit dem Vater schweigen und in diesem Schweigen bei ihm sein, in seinem Schmerz und Leid, in der Hoffnung, dass es nicht wieder passiert.

Im August wollten Tausende in Hanau der neun Opfer gedenken. Die Stadt aber sagte die Demo ab - wegen steigender Corona-Fallzahlen. Gleichzeitig fanden bundesweit immer wieder Querdenker-Demos statt - was ist das für ein Signal, dass an die Betroffenen gesendet wird?

Da ist er wieder, dieser Vertrauensverlust. Migranten haben hier wieder das Gefühl vermittelt bekommen, dass mit ihnen alles gemacht werden kann und in diesem Land nicht alle Menschen gleich sind. Vor allem junge Migranten, die solch eine Diskriminierung erleben, bilden dann ihre eigenen Gruppen und bleiben untereinander, wo sie sich als Mensch anerkannt fühlen.

Die Black-Lives-Matter-Bewegung hat in Deutschland mehr Menschen auf die Straßen gebracht als der Rassismus nebenan. Warum ist das so?

Wenn Probleme weit weg sind, dann können sie ganz nett sein. Wir schauen nicht so gerne auf unsere eigenen Schwierigkeiten, deswegen ist der Mensch auch gerne extern gesteuert, verdrängt die eigenen Probleme zu Hause. Es ist auch einfach, Solidarität mit Menschen zu zeigen, die so weit weg sind. Es wird dann so getan, als gäbe es in Deutschland nicht ein ähnliches Problem von Diskriminierung, Ausgrenzung und alltäglichem Rassismus. Wenn man sich ehrlich und rational in Deutschland umschaut, dann müsste man eigentlich in der Lage sein, selbst zu reflektieren, wie man mit seinem migrantischen Nachbarn umgeht, warum das eigene Kind umgeschult wird, wenn die Hälfte der Kinder an der bisherigen Schule Migranten sind. Die versteckten Stereotypen, die jeder mit sich trägt, werden lieber verdrängt, um nicht nach innen zu sehen und zu erkennen, dass man sich lieber für das Schweigen vor der eigenen Haustür entschieden hat.

Nach dem Attentat in Hanau gab es die üblichen politischen Betroffenheitsbekundungen - reicht das aus?

Es ist eine wichtige Symbolik, wenn hochrangige Politiker vor Ort ihre Solidarität bekunden. Es darf aber nicht bei dieser Symbolik bleiben. Wir brauchen innerhalb der Politik ein stärkeres Bekenntnis dazu, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und jeder Bürger dieses Staates ist und die gleichen Rechte hat, sich frei zu entwickeln. Denn nach über 50 Jahren Zuwanderung sind in Deutschland Migranten immer noch ökonomisch und gesellschaftlich benachteiligt. Doch bisher gibt es keine langfristigen Visionen, wie das Potenzial der Migranten integriert und gefördert werden könnte. Die positive Sichtweise und Wertschätzung, dass Menschen kommen und gemeinsam etwas entwickelt wird, fehlt immer noch - und wenn es Probleme gibt, dann werden Kurzkonzepte entwickelt. Es fehlt der politische Wille, auch über die nächste Wahl hinaus eine nationale Migrationsstrategie zu planen, aber auch Antisemitismus und Rechtsextremismus zu bekämpfen.

Mit Jan Ilhan Kizilhan sprach Cigdem Akyol

Quelle: ntv.de

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