Politik

Angst vor Manipulation "Bundestagswahl-Software ist angreifbar"

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Die Software zur Erfassung und Auswertung der Ergebnisse der Bundestagswahl können leicht angegriffen werden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Bei einem Computerprogramm für die Bundestagswahl gibt es erhebliche Sicherheitsprobleme. Sicherheitslücken könnten dazu führen, dass das vorläufige Wahlergebnis manipuliert wird. Im Interview mit n-tv.de erklärt Falk Garbsch vom Chaos Computer Club, wie es dazu kommen konnte und ob die Mängel rechtzeitig behoben werden können.

n-tv.de: Sind die Ergebnisse der Bundestagswahl sicher?

Falk Garbsch: Wenn wir davon ausgehen, dass im Nachgang die Ergebnisse überprüft werden und die Wahlhelfer das Ergebnis mit ihren Aufzeichnungen vergleichen, kann man davon ausgehen, dass ein Wahlbetrug auffallen würde. Aber das ist gar nicht der Kern des Problems.

Sondern?

Es ist möglich, das vorläufige Wahlergebnis, welches am Abend veröffentlicht wird, zu manipulieren. Das muss verhindert werden. Die Politik redet seit Mitte letzten Jahres darüber, dass das Risiko besteht, unsere Wahl könnte manipuliert werden. Die angeblichen Manipulationsversuche Russlands bei der US-Wahl stiften eine enorme Verunsicherung bei den Wählern. Wir können es uns in Deutschland nicht erlauben, dass die Bevölkerung den Glauben in unser Wahlsystem verliert.

Wie kann es sein, dass in Deutschland mit einer 30 Jahre alten Software gearbeitet wird, die nie einer fachkundigen Überprüfung unterzogen worden ist?

Die Frage stellen wir uns auch. Da haben verschiedene Stellen versagt. Keiner ist sich auch nur annähernd dieses Problems bewusst. Das ist katastrophal. Länder und Kommunen kaufen die Software in Eigenregie, ohne dass die Programme von irgendjemanden nochmal kontrolliert werden.

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Falk Garbsch ist studierter Informatiker und arbeitet in der Softwareentwicklung. Außerdem ist er einer der Sprecher des Chaos Computer Clubs.

Die Entwickler bestreiten, dass die Bundestagswahl manipuliert werden kann. Stimmt das?

Das ist natürlich Blödsinn. Wir haben nachgewiesen, dass man die Software beeinflussen kann. Die Entwickler sichern sich damit ab, das amtliche Ergebnis würde nachträglich nochmal ausgezählt. Die Behauptung des Herstellers, er hätte die Mängel behoben, ist faktisch falsch. Genau diese Version der Software ist weiterhin angreifbar.

Bereits im Juni machte der Chaos Computer Club den Hersteller auf die Probleme aufmerksam. Seit Juli erhält die Entwicklerfirma Unterstützung vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Ist das Unternehmen ohne Unterstützung aufgeschmissen?

Offensichtlich sind sie auch mit dieser Unterstützung aufgeschmissen. Die Software ist einfach nicht mehr zeitgemäß.

Der Bundeswahlleiter geht davon aus, dass die Mängel bei dem Computerprogramm für die Bundestagswahl bis zum 24. September behoben werden können. Hat er recht damit?

Das ist natürlich totaler Schwachsinn. Der Bundeswahlleiter probiert, sich seine Welt schönzureden. Sein Verständnis davon, was Softwareentwicklung ist, weicht stark davon ab, wie Software wirklich funktioniert. Stellen Sie sich vor, Sie bauen ein Haus, und der Bauleiter vergisst das Fundament. Niemand würde auf die Idee kommen, nachträglich ein Fundament unter das Haus zu setzen. Ganz im Gegenteil. Sie würden das Haus abreißen und von vorne anfangen. Dasselbe muss jetzt mit der Software passieren, wenn sie weiter eingesetzt werden soll.

Gibt es noch mehr Sicherheitsprobleme?

Ähnliche Sicherheitslücken könnten auch in anderen Programmen gefunden werden. Momentan bieten eine Handvoll Unternehmen eine Wahl-Software an. Die Ermittlung der Wahlergebnisse findet meines Wissens bei keinem dieser Anbieter elektronisch signiert statt. Dabei würde eine solche Signierung verhindern, dass jemand ein Dokument unbemerkt verändern kann.

Können Sie ausschließen, dass es bereits bei früheren Wahlen zu Manipulationen gekommen ist?

Die Sicherheitslücken bestehen nicht erst seit heute. In der Vergangenheit ist noch viel mehr auf manuelle Übertragungswerte gesetzt worden. Das hat potenziell das Angriffsrisiko deutlich minimiert. Natürlich lassen sich Manipulationsversuche früherer Wahlen nicht mehr nachträglich ausschließen.

Mit Falk Garbsch sprach Juliane Kipper

Quelle: ntv.de