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Sturmgewehre für Spezialkräfte Bundeswehr beschafft G36-Ersatz

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Staatsbürger mit heiklem Auftrag: Die Zweifel an der Zuverlässigkeit ihrer Waffen macht die Arbeit der Soldaten nicht einfacher.

(Foto: REUTERS)

Der Streit um die Treffgenauigkeit der Bundeswehr-Standardwaffe kommt den Steuerzahler teuer zu stehen: Für den dringenden Bedarf in der Truppe gibt das Verteidigungsministerium grünes Licht zum Kauf von 1200 neue Waffen.

Soldaten der Bundeswehr bekommen einem Zeitungsbericht zufolge einen vorläufigen Ersatz für das umstrittene Sturmgewehr G36. Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, werden zunächst 600 Sturmgewehre auf der Basis des in der Bundeswehr bereits genutzten Gewehrs G27P beschafft sowie als Ergänzung 600 leichte Maschinengewehre vom Typ MG4. Bei dem Großeinkauf soll es sich um eine "Interimslösung für eine kleine Gruppe von Soldaten im Einsatz" handeln, heißt es in dem Bericht weiter.

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Angelehnt an das US-amerikanische M16: Das HK417 - hier mit Zusatzausstattung - ist das Basismodell für das G27P.

(Foto: REUTERS)

Das Verteidigungsministerium habe die SZ-Informationen auf Anfrage bestätigt, hieß es. Grundlage sei eine Entscheidung von Rüstungsstaatssekretärin Katrin Suder. Damit komme abermals der Hersteller Heckler & Koch zum Zug, mit dem das Ministerium im Zuge der Debatte über das G36 teils heftig aneinandergeraten war.

"Interimslösung" für den Einsatz

Nachdem im Frühjahr erhebliche Präzisionsprobleme des Gewehrs nachgewiesen worden waren, hatte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen angekündigt, für die Einsätze eine möglichst schnelle Lösung zu finden. "Die Entscheidung darüber, wie es grundsätzlich weitergeht, ob also das G36 in der Bundeswehr ersetzt oder auch modifiziert wird, soll bis Ende des Jahres fallen", schrieb das Blatt. Von der Leyen hatte sich im April gegen eine weitere Nutzung des G36 ausgesprochen. Das Modell habe so, wie es konstruiert sei, in der Bundeswehr "keine Zukunft", hieß es.

Die Prüfung durch die Materialexperten des Ministeriums hatte zuvor gravierende Präzisionsprobleme der Waffe in heißgeschossenem Zustand sowie bei hohen Außentemperaturen nachgewiesen. Der Hersteller streitet diese Befunde vehement ab und geht gerichtlich gegen die Vorwürfe vor. Dabei geht einerseits um kostspielige Gewährleistungsforderungen. Andererseits steht für Heckler & Koch sehr viel mehr auf Spiel: Die Zweifel an der Tauglichkeit im Einsatz gefährden längst auch den internationalen Ruf des Herstellers.

Verlässliche Alternative

Nach der Entscheidung im Ministerium standen die Militärs der Bundeswehr dagegen vor einem ganz anderen Problem: Wenn das G36 künftig tatsächlich als Standard-Sturmgewehr ausfallen sollte, benötigen die Soldaten im Auslandseinsatz dringend eine verlässliche Alternative.

Das Gewehr G36

"Das G36 ist die Standardwaffe der Bundeswehr. Jeder Soldat wird an diesem vollautomatischen Sturmgewehr ausgebildet. Es hat das NATO-Kaliber 5,56 Millimeter. Das G36 kann Einzelfeuer oder kurze Feuerstöße abgeben. Es ist mit einem Reflexvisier und einem optischen Visier mit dreifacher Vergrößerung ausgestattet. Große Teile des Gewehrs bestehen aus leichtem aber robustem Kunststoff." (Quelle: Bundeswehr)

Als kurzfristiger Ersatz kämen jedoch nur Waffen infrage, die in der Bundeswehr bereits eingeführt sind, heißt es in dem "SZ"-Bericht. Die nun gewählte Alternative ist in der Truppe längst erprobt und eingeführt. "Das G27P, beruhend auf dem marktverfügbaren HK417, wird bereits von den Spezialkräften der Bundeswehr genutzt", schreibt die Zeitung.

Das neue Gewehr ist in Sachen Reichweite und Durchschlagskraft leistungsfähiger als das ebenfalls bei der Bundeswehr im Einsatz befindliche HK416. Anders als HK416 oder G36 verschießt das HK417 die etwas stärkere Munition im Nato-Kaliber 7,62 x 51. Zwar stünden offenbar noch letzte Tests der Präzision unter Extrembedingungen aus. Dennoch sollten bis Ende November zunächst 60 der Gewehre "nebst Ergänzungsausstattung" wie etwa Zielfernrohre beschafft werden.

Erst 60, dann 600

Bis Mitte 2016 will das Verteidigungsministerium dann 600 Gewehre vom Typ G27P beschaffen. Bis dahin bleibt Zeit, weitere Soldaten der Kommandokräfte an der neuen Waffe auszubilden. Im Berliner Ministerium werde erwartet, so die SZ weiter, dass die neuen Gewehre dann in der zweiten Jahreshälfte 2016 auch bei Auslandseinsätzen verwendet werden könnten.

Die 600 als Ergänzung gedachten MG4 sollten der Bundeswehr spätestens bis Ende 2016 zur Verfügung stehen. Auch das leichte Maschinengewehr wird bereits von Bundeswehr-Einheiten genutzt. "Das MG4 ersetzt in infanteristischen Truppenteilen das MG3 im abgesessenen Einsatz", heißt es dazu beim deutschen Heer. Das heißt: In Fahrzeugen, Stellungen und auf Panzern bleibt weiterhin das MG3 montiert. Sobald die Soldaten zu Fuß unterwegs sind, können sie das schwere Maschinengewehr in ihren Fahrzeugen zurücklassen und stattdessen auf das MG4 zurückgreifen. "Mit rund acht Kilogramm Gewicht ist es rund drei Kilo leichter als sein Vorgänger."

Die Ausrüstung der Bundeswehr mit den insgesamt 1200 Stück an neuen Schießgerätschaften dürfte den Steuerzahler insgesamt etwa 18 Millionen Euro kosten, hieß es. Unklar ist bislang, ob der Großauftrag für Heckler & Koch als Hinweis gewertet werden kann, dass die Querelen zwischen Waffen-Hersteller und Ministerium beigelegt sind. Sollten jedoch die Zweifel am G36 Bestand haben, ist davon auszugehen, dass die Bundeswehr sehr viel mehr Geld ausgeben muss. Dann nämlich steht die Anschaffung eines neuen Standardsturmgewehrs in sehr viel größeren Stückzahlen an.

Quelle: n-tv.de, mmo

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