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Personalnot an Schulen und Kitas Chancenungleichheit bei Bildung wächst

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49.300 Jugendliche verließen 2016 die Schule ohne mindestens einen Hauptschulabschluss gemacht zu haben.

(Foto: picture alliance/dpa)

Das Bildungsangebot in Deutschland ist sehr unterschiedlich. Angesichts einer gestiegenen Geburtenrate und mehr Zuwanderung wollen aber immer mehr Kinder in den Kitas und Schulen betreut werden. Doch an vielen Ecken und Enden reicht das Personal nicht.

Kitas und Schulen in Deutschland sind aus Expertensicht noch nicht gut genug auf den stetig wachsenden Zulauf von Kindern und Jugendlichen eingestellt. Dabei droht die Kluft zwischen jenen mit großen Bildungserfolgen und jenen mit schlechten Chancen für das Arbeitsleben zu wachsen. Das geht aus dem in Berlin präsentierten Bildungsbericht 2018 hervor. Der Bericht im Auftrag von Bund und Ländern stammt von einer unabhängigen Forschergruppe.

So verließen mit 49.300 Schulabgängern 2016 wieder mehr Jugendliche als in den Vorjahren die Schule ohne mindestens einen Hauptschulabschluss (sechs Prozent). "Dabei handelt es sich vornehmlich um einen Anstieg bei ausländischen Jugendlichen", so der Bericht. Fast jeder zehnte Jugendliche verfehlt in Jahrgangsstufe 9 den Mindeststandard beim Lesen.

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Ties Rabe (von links nach rechts), Susanne Eisenmann, Anja Karliczek, Helmut Holter, und Kai Maaz bei der Vorstellung des Bildungsberichts.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wegen steigender Geburtenzahlen und der Zuwanderung nach Deutschland kommen immer mehr Kinder und Jugendliche in die Kitas und Schulen. Deshalb kommen die Forscher zu dem Schluss: Es brauche mehr Personal und Plätze. Auch weil Mütter immer häufiger arbeiteten, steige der Bedarf an Betreuung. Der Sprecher der Autorengruppe, der Berliner Bildungsforscher Kai Maaz, sprach sich für einen weiteren Ausbau und Umbau des deutschen Bildungssystems aus. Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Thüringens Bildungsminister Helmut Holter, sprach von einem "Weckruf an die Politik". Bundesbildungsministerin Anja Karliczek betonte: "Bildung liegt in der Verantwortung der gesamten Gesellschaft.

270.000 Stellen zusätzlich in Kitas gebraucht

Deutschland braucht in den kommenden Jahren nach Ansicht der Bildungsforscher hunderttausende neue Erzieher und Lehrer, um den wachsenden Herausforderungen in Kitas und Schulen begegnen zu können. "Ein, wenn nicht der zentrale Faktor für ein leistungsfähiges Bildungssystem ist eine ausreichende Anzahl an Fachkräften, die die hohen Ansprüche und Erwartungen erfüllen können", heißt es im Bildungsbericht.

In Kitas müssten laut dem Bericht, der alle zwei Jahre erarbeitet wird, bis 2025 bis zu 270.000 zusätzliche Fachkräfte allein dafür eingestellt werden, wenn sich alle Länder an die Empfehlungen zum Personalschlüssel halten. Auch an Schulen droht ein Engpass. In einigen Ländern ist der Untersuchung zufolge mehr als die Hälfte der Lehrer älter als 50 Jahre. Dazu kommt ein steigender Bedarf durch den Ausbau der Ganztagsangebote.

Zugleich stehen Erzieher und Lehrer vor massiven Herausforderungen. Trotz vieler Reformprojekte sei es nicht gelungen, "Bildungsungleichheiten entscheidend zu verringern", heißt es in dem Bericht. Nur knapp ein Viertel der Kinder (24 Prozent) von Eltern mit einer beruflichen Ausbildung ohne Abitur studieren, bei Akademikerkindern liegt der Anteil bei mehr als drei Vierteln (79 Prozent). Die soziale Herkunft habe nach wie vor einen zu starken Einfluss auf den Bildungserfolg, erklärte Bundesbildungsministerin Karliczek. Das "zentrale bildungspolitische Ziel" bleibe mehr Chancengerechtigkeit.

Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Marlis Tepe, kritisierte, trotz aller Maßnahmen der vergangenen Jahre sei es nicht gelungen, "das Kardinalproblem des deutschen Bildungssystems - die enge Kopplung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg - zu lösen". Der Pädagogenberuf müsse attraktiver werden, um den Personalmangel in Kitas und Schulen zu bekämpfen.

Mehr Schüler mit höheren Abschlüssen

Das Bildungsangebot ist zudem innerhalb Deutschlands sehr unterschiedlich. In strukturschwachen Landkreisen wurden laut dem Bildungsbericht in den vergangenen Jahren zahlreiche Grund- und Berufsschulen geschlossen.

In Kitas und Schulen stehen Erzieher und Lehrer zudem vor der Aufgabe, mit sehr unterschiedlichen Gruppen von Kindern und Jugendlichen umgehen zu müssen. So stieg die Zahl der Kinder in Kindertagesbetreuung, die in ihrer Familie vorrangig nicht Deutsch sprechen, zwischen 2006 und 2017 von 363.000 auf 553.000.

Insgesamt hält in Deutschland die Entwicklung hin zu höheren Abschlüssen an. Der Anteil der Abiturienten stieg von 34 Prozent im Jahr 2006 auf 43 Prozent im Jahr 2016. Höhere Abschlüsse zahlen sich auch aus: Akademikerinnen verdienen durchschnittlich fast acht Euro pro Stunde mehr als Frauen mit einer Berufsausbildung, bei Männern sind es sogar neun Euro.

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Achim Dercks, hob allerdings hervor, dass Aufstieg nicht nur durch Abitur und Studium möglich sei. Die berufliche Bildung bilde "gleichermaßen hervorragende Chancen für den Start in ein erfolgreiches Berufsleben".

Quelle: n-tv.de, fzö/AFP/dpa

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