Politik

Volksrepublik wird 70 China folgt noch immer Maos Grundprinzip

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Von Mao bis Xi - eine Ausstellung feiert die Erfolge der Volksrepublik.

(Foto: REUTERS)

Neun Jahre besaß ich das Privileg, als Korrespondent in China gelebt zu haben, von 2007 bis 2016. Ein Privileg war es, weil diese Zeit beruflich und persönlich eine unschätzbar wertvolle Erfahrung bedeutete. Ein Privileg war es aber auch deshalb, weil ich hautnah miterleben konnte, mit welch rasender Geschwindigkeit sich ein Schwellenland modernisierte und den Anspruch formte, eine weltweite Supermacht zu werden. In den Geschichtsbüchern der Zukunft wird diese Periode wegen ihrer Einzigartigkeit einen prominenten Platz finden. Von alldem Augenzeuge gewesen zu sein, war faszinierend.

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Am 1. Oktober 1949 rief Mao Zedong die Volksrepublik China aus.

(Foto: REUTERS)

70 Jahre wird die Volksrepublik China. Es sind 70 Jahre der Extreme. Die Faktoren, die für Chinas Wandel vom Armenhaus der Welt zur zweitgrößten Volkswirtschaft verantwortlich zeichneten, waren vornehmlich wirtschaftspolitischer Natur, gekleidet in ein staatskapitalistisches Korsett und irrsinnig beschleunigt durch chinesischen Unternehmergeist und die Urgewalten der Digitalisierung. Das Pro-Kopf-Einkommen ist heute 600 Mal größer als an dem Tag, als der Große Vorsitzende Mao Zedong am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik ausrief. Für sich betrachtet ist diese Entwicklung ein großer Erfolg eines autoritären Staates, dem es gelungen ist, Wohlstand zu generieren und dabei nur so viel individuelle Freiheit zuzulassen, dass seine Autorität erhalten bleibt. Alle anderen Diktaturen proletarischer Färbung sind daran gescheitert.

China fordert deshalb mehr Anerkennung, weil sich das Land oft ungerecht beurteilt fühlt, auch von Korrespondenten. Es betont zum Beispiel, dass seine wirtschaftliche Expansion eine der größten Leistungen für die Menschenrechte gewesen sei, weil viele Hundert Millionen Chinesen die Schwelle von der totalen Armut zu bescheidenem Wohlstand überschritten hätten.

Einem Land aus rein ideologischen Gründen die Anerkennung zu verweigern, weil es die Altlasten seiner Geschichte mit sich herumschleppt, wäre unfair. Man muss einem Regime, auch wenn es ein autoritäres ist, seine Errungenschaften zugestehen. Aber China muss sich dann auch aufrichtig die Frage beantworten, welchen Preis das Land, seine Menschen und seine Gesellschaft zahlen. Wenn Fortschritte bei den Menschenrechten vom Regime über Einkommensstatistiken definiert werden, dann sind Zahlen auch gerechtfertigt, um die dunklen Seiten des Hyperwachstums zu veranschaulichen.

Dem Wachstum zum Opfer gefallen

Zigmillionen Menschen sind dem Wachstum zum Opfer gefallen, weil sie schlechte Luft geatmet, verseuchtes Wasser getrunken und vergiftete Nahrungsmittel zu sich genommen haben. Sie sind entweder schon tot oder todkrank. Zigmillionen Familien sind zerrissen im Land des Konfuzianismus, der die Familie als Wurzel aller Harmonie der Welt betrachtet. Zerrissen, weil Eltern ihre Kinder zurückließen, um tagein tagaus in den Fabriken der Ballungszentren für Hungerlöhne unter wenig menschenwürdigen Bedingungen zu schuften.

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Die "Werkbank der Welt": In Städten wie Shenzhen arbeiten unzählige Wanderarbeiter, oft unter gnadenlosen Bedingungen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Zigmillionen Kinder sind desillusioniert, weil Mutter und Vater sie allein zurückließen in den Provinzen, weil die staatliche Sozialpolitik ihnen den Zugang zu Bildung und Gesundheitswesen in den großen Städten versagt. Zigmillionen Mütter und Väter tragen die Last, das Wohl ihrer Kinder dem Streben nach finanziellem Wohlstand untergeordnet zu haben. Zigmillionen Menschen sind depressiv und vereinsamt, weil sie das taten, was ihnen als Aufbruch in eine glückliche Zukunft verkauft wurde und sie sich stattdessen wiederfanden in einem gnadenlosen Produktionssystem, das sie ausbeutet und ihnen keinerlei Perspektive bietet: ein Wegwerfmodell der Arbeit.

Diese menschlichen Kollateralschäden sind denjenigen, die sie zu verantworten haben, offenbar nie problematisch genug, um sie verhindern zu wollen. Chinas Regierung verweist auf Statistiken, nach denen Hunderte Millionen Menschen in wenigen Jahrzehnte der absoluten Armut entkommen sind. Doch dann muss man ihr auch vorhalten, dass Hunderte Millionen Menschen unter den Bedingungen, unter denen das gelang, extrem gelitten haben oder immer noch leiden.

Maos Grundprinzip übernommen

Damit stellt sich die Frage, ob die Interessen einer ganzen Nation dem Wunsch nach staatlicher Relevanz im internationalen Kontext unterzuordnen sind. Oder anders ausgedrückt: Müssen Millionen Menschen bereit sein zu leiden, damit die Nation in der Zukunft eine tragende Rolle in der Welt spielt? Und wer entscheidet das?

Mao Zedong hat diese Frage schon bald nach seiner Machtübernahme beantwortet, als er den "Großen Sprung nach vorn" initiierte, der zwischen 1958 und 1961 etwa 40 Millionen Chinesen das Leben kostete - weil sie verhungerten. Chinas heutige Spitzenpolitiker haben Maos Grundprinzip übernommen. Sie lassen ihre Menschen zwar keineswegs verhungern, im Gegenteil: Für viele Chinesen haben fette Jahre begonnen. Aber für ihren Sprung nach vorn hat die Parteiführung die Menschen einer dramatischen Umweltverschmutzung ausgesetzt, sie lässt sie seelisch verkümmern, und tut nichts gegen die Entsoldidarisierung mit jenen, die keinen Platz ergattert haben im Zug Richtung Wohlstand. Das alles ist sicherlich weniger grausam als der Hungertod. Aber es wird dem Land in Form sozialer Spannungen vor die Füße fallen und große Probleme bereiten.

Ein Moderator sozialer Spannungen ist diese Regierung nicht. An ihrem eigenen Anspruch, das Vaterland zu einen, scheitert sie kläglichst - in Tibet und in Xinjiang, wo muslimische Uiguren leben und zu Hunderttausenden in Umerziehungslagern sitzen. Den Autokraten fehlen schlicht Empathie und Weitsicht, um andere Interessen außer den eigenen in politische Entscheidungsprozesse einfließen zu lassen. Auch in Hongkong kann man das derzeit sehr gut beobachten.

Deutschland muss sich nicht vor China fürchten, aber es muss sich vor jenen in Acht nehmen, die glauben machen wollen, dass Chinas politische Strukturen auch für die Bundesrepublik etwas taugen. Der Glanz chinesischer Zahlen reflektiert außergewöhnliche wirtschaftliche Dynamik, aber er verblendet die Sicht auf die Hintergründe.

Quelle: n-tv.de

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