Count Binface in der NachwahlStolpert Rechtspopulist Farage über einen "Weltraumkrieger" mit Mülleimer?
Von Markus Lippold
Adele verstaatlichen? Ein einziges, erschwingliches Haus bauen? Den Videoschiedsrichter abschaffen? Count Binface weiß, was er will. Zunächst muss er aber den Rechtspopulisten Nigel Farage bei einer Nachwahl schlagen. Internetnutzer setzen alles daran, dass es gelingt.
"I'm not Nigel Farage." Die Antwort ist kurz und der Moderator der BBC muss lachen. Er hatte Count Binface nach seinem Wahlversprechen an die Einwohner von Clacton gefragt. Und der antwortete einfach: Ich bin nicht Nigel Farage.
Kaum ein Satz fasst besser zusammen, was gerade im südbritischen Wahlkreis Clacton passiert, wo am 13. August über die Nachbesetzung des Parlamentssitzes abgestimmt wird. Der bisherige Abgeordnete Nigel Farage, der rechtspopulistische Chef von Reform UK, tritt gegen einen Mann an, der sich als "unabhängiger Weltraumkämpfer" bezeichnet. Er trägt einen riesigen Mülleimer über dem Kopf und wirkt im Kostüm wie ein entfernter Cousin von Darth Vader. Kein Witz: Er ist der aussichtsreichste Gegenkandidat.
Es ist ein absurdes Duell für eine absurde Nachwahl. Nötig ist sie, weil Farage am 7. Juli von seinem Abgeordnetenmandat zurücktrat. Er musste sich zuletzt zwei parlamentarischen Untersuchungen stellen, weil er Millionenspenden nicht ordnungsgemäß angegeben hatte. Der drohenden Suspendierung kam er durch den Rücktritt zuvor. Sein Ziel, Premier zu werden, kann er aber nur erreichen, wenn er im Unterhaus sitzt.
Deshalb tritt Farage, der als scharfer Befürworter des Brexit weltweit bekannt wurde, erneut zur Wahl an. Nach seiner Darstellung soll nicht das Parlament, sondern die Wähler darüber entscheiden, ob er sich falsch verhalten hat. Er stellt die Nachwahl als Kampf des Volkes gegen das politische Establishment dar. Nur: Die anderen großen Parteien wollen sich für diese Polit-Show nicht einspannen lassen. Sowohl die Konservativen als auch Labour-Partei, Grüne und Liberaldemokraten boykottieren die Abstimmung, sie sprechen von einem Ablenkungsmanöver.
Einheitskandidat gegen den Rechtspopulismus
Auftritt Count Binface (Graf Abfalleimergesicht), der nach eigener Darstellung der fast 6000 Jahre alte Anführer der Recyclants (etwa: Wiederverwerter) vom Planeten Sigma IX ist. Der Spaßkandidat nutzte die Gelegenheit und erklärte als Erster, gegen Farage antreten zu wollen. Er präsentierte sich als Einheitskandidat für alle, die den Rechtspopulisten und seine Politik ablehnen. Und er verteilte sogleich Seitenhiebe: So erklärte er, es sei kein Problem, dass er noch nie in Clacton war, schließlich sei es Teil des Jobs, sich genau wie Farage vom Wahlkreis fernzuhalten.
Count Binface trat damit eine Begeisterungswelle los. Vielen Medien gab er Interviews, der "Guardian" überschrieb ein Porträt mit "Der unaufhaltsame Aufstieg von Count Binface". In kurzer Zeit sammelte er Tausende Pfund an Wahlkampfspenden ein. Vor allem in den sozialen Netzwerken wird er gefeiert. Anhänger kreieren Wahlkampfposter im Stil von Barack Obama oder KI-Videos - und beschwören bereits seinen Sieg. Vor allem Wähler der Boykott-Parteien sollen animiert werden, Binface zu wählen und damit Farage zu schlagen. Zwar treten mehrere unabhängige Kandidaten gegen Farage an, doch das Momentum hat ganz klar Binface.
Einer Ipsos-Befragung zufolge sagten 33 Prozent der Briten, sie würden Binface als Sieger der Nachwahl bevorzugen. Über Farage sagten das 21 Prozent. 32 Prozent bevorzugen keinen der beiden Kandidaten, 13 Prozent antworteten mit "weiß nicht". Einer Umfrage von Public First zufolge halten 33 Prozent der Menschen Binface für ehrlicher, 22 Prozent sagen das von Farage. Binface ist demnach mit 35 Prozent auch sympathischer als Frage, der auf 28 Prozent kommt. Nur was die Nähe zu Clacton angeht, liegt Farage vorn.
Dafür bekommt Binface Unterstützung aus den anderen Parteien. Verteidigungsminister Dan Jarvis von Labour wünschte Binface viel Glück. Die konservative Parteichefin Kemi Badenoch sagte, wenn es um einen Kampf des Volkes gegen das Establishment gehe, dann wäre Binface womöglich der Kandidat des Volkes. Als sie im Unterhaus eine TV-Debatte zwischen Farage und Binface forderte, gab es lautes Gelächter. Und der liberaldemokratische Ex-Minister Ed Davey verkündete mit typisch britischem Humor: "Wir nehmen Wahlen ernst. Ich kann keinen Spaßkandidaten mit lächerlichen politischen Forderungen unterstützen. Ich hoffe, Count Binface schlägt ihn."
Spaßkandidaten (Englisch: novelty candidates) wie Count Binface haben in Großbritannien Tradition. Immer wieder fordern kostümierte Kandidaten bekannte Politiker heraus. Es gibt auch Parteien wie Official Monster Raving Loony, die seit Jahrzehnten an Wahlen teilnehmen - auch in Clacton, das sie in ein britisches Disneyland umbauen wollen. Die nationale Aufmerksamkeit ist ihnen gewiss, wenn bei der Verkündung der Wahlergebnisse alle Kandidaten nebeneinander auf einer Bühne stehen. Und einmal gab es sogar einen Sieg: Stuart Drummond trat 2002 im Kostüm des Maskottchens des lokalen Fußballklubs in Hartlepool zur Bürgermeisterwahl an - und gewann mit 52 Prozent der Stimmen. Im Amt legte er das Kostüm ab und wurde 2005 und 2009 wiedergewählt.
Doch wer ist Count Binface? Unter dem Mülleimer steckt ein Comedian, der 1980 geborene Jonathan David Harvey. Der Oxford-Absolvent hat etwa Drehbücher für die britische Sitcom "The Thick of It" geschrieben. Erstmals politisch in Erscheinung trat er 2017, als er unter dem Namen Lord Buckethead gegen Theresa May antrat. Er holte 0,4 Prozent der Stimmen. Ein anderer Kandidat hatte die Figur, die aus der Science-Fiction-Komödie "Hyperspace" stammt, bereits 1987 und 1992 bei Wahlen gegen die Premierminister Margaret Thatcher und John Major verkörpert.
Gewinnen? "Wahrscheinlich nicht"
Die Kandidatur bescherte Harvey Auftritte in der Sendung "Last Week Tonight" von John Oliver und beim Glastonbury Festival. Wegen eines Streits um die Rechte an der Figur erfand er später einen neuen Charakter: Count Binface. Unter dem Motto "Make Your Vote Count" (Mach, dass deine Stimme zählt) geht es ihm darum, die Wahlbeteiligung zu erhöhen.
So trat er bei Unterhauswahlen gegen die Premiers Boris Johnson und Rishi Sunak an, jüngst bei einer Nachwahl gegen den designierten Premier Andy Burnham (wo er 95 Stimmen erhielt) sowie bei zwei Londoner Bürgermeisterwahlen. Nach eigenen Angaben hat er über die Jahre insgesamt 117.000 Stimmen erhalten.
Seine Wahlversprechen sind teils absurd, teils legen sie den Finger in die Wunde politischer und gesellschaftlicher Probleme. Count Binface verspricht etwa, angesichts der hohen Immobilienpreise "wenigstens ein erschwingliches Haus zu bauen". Er fordert die Verstaatlichung der Sängerin Adele, die Abschaffung der Videoschiedsrichter, Döner Kebab für zwei Pfund und die Rückkehr des analogen Teletexts der BBC, der 2012 abgeschaltet wurde. Die Chefs britischer Wasserversorger will er zwingen, in den verdreckten Flüssen des Landes zu schwimmen und den Brexit rückgängig machen, indem europäische Länder dem Vereinigten Königreich beitreten.
Doch so amüsant der Hype um Binface ist - kann er auch gewinnen? Er selbst ist da vorsichtig. Der BBC sagte er: "Wahrscheinlich nicht. Meine Aufgabe ist es, die Vorzüge der britischen Demokratie zu würdigen und zu verteidigen." Tatsächlich wählt Clacton eher rechts, die Abgeordneten gehörten zuletzt den konservativen oder rechtspopulistischen Parteien an. Bei der Unterhauswahl 2024 erhielt Farage 46,2 Prozent der Stimmen. Und ihm reicht eine einfache Mehrheit, um sein Mandat zu verteidigen. Doch jeder Prozentpunkt mehr für Binface ist eine Blamage für jemanden, der Premier werden will. Und der Frust über das Establishment ist groß. Egal, was Farage behauptet: Er gehört längst dazu.