Politik

Thea Dorn über Cancel Culture "Da setzt ein Unbehagen bei mir ein"

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Schriftstellerin Thea Dorn kritisiert die sogenannte Cancel Culture.

(Foto: picture alliance / Pacific Press)

Nur 45 Prozent der Befragten sind laut einer Allensbach-Umfrage der Ansicht, die politische Meinung könne frei geäußert werden. Das ist der niedrigste Stand seit 1953. Die Schriftstellerin Thea Dorn hat Sorge, dass man nach einer unbedachten Aussage als "vergiftet" gelte.

Die Schriftstellerin Thea Dorn hat Kritik an der sogenannten Cancel Culture geübt. Dabei werden zum Beispiel in älteren Büchern Wörter durch andere ersetzt, weil sie heute als rassistisch gelten. Grundsätzlich gebe es in Deutschland Diskursfreiheit, sagte die Schriftstellerin, deren Buch "Trost. Briefe an Max" vor Kurzem erschienen ist, in der ZDF-Talkrunde bei Markus Lanz. Doch dann fügte sie hinzu: "Wir sind alle behutsamer geworden." Jeder könne in Deutschland seine Meinung sagen. Dennoch sagt sie: "Als Schriftstellerin weiß ich, dass man mit Worten auch verletzen kann."

Schwieriger werde es, wenn nicht einmal mehr einzelne Worte zitiert werden dürften, weil sie als so verletzend wahrgenommen würden, dass man sie lieber ganz aus der Sprache verschwinden lassen wolle. "Da setzt dann eher ein Unbehagen bei mir ein." Als Beispiel nannte sie das "N-Wort" und berichtete von einem amerikanischen Professor, der von seiner Uni gefeuert worden sei, weil er das entsprechende Kürzel verwendet habe. "Da frage ich mich, was das mit Sprechmöglichkeiten macht."

Zum Thema Cancel Culture fordert sie, man solle Literatur nicht verändern. Bekanntes Beispiel ist das Buch "Pippi Langstrumpf" von Astrid Lindgren, die den Vater des Kindes ursprünglich als "Negerkönig" bezeichnet hatte. In neueren Ausgaben wurde daraus ein "Südseekönig". "Man muss das den Kindern erklären", meinte Dorn. Streichungen lehnte Thea Dorn besonders bei Büchern für Erwachsene ab. So seien Bücher des Philosophen Friedrich Nietzsche sehr frauenfeindlich. Dennoch empfahl sie herauszufinden, was man von diesem Autor trotzdem lernen könne.

Lehmann-Rauswurf eine Überreaktion?

Kritik übte die Schriftstellerin an einer neuen Form der Diskussionskultur. "Wir sind jetzt in der Phase, wo wir Freiheitsräume wieder schließen", meinte Thea Dorn am Beispiel der Diskussion um Rechte von Frauen.

In diesem Zusammenhang äußerte sich Dorn auch zum Fall Jens Lehmann. Es sei eine Überreaktion gewesen, dass der Ex-Fußballspieler wegen einer unbedachten Äußerung seinen Aufsichtsratsposten bei Hertha BSC verloren habe. Lehmann hatte im Mai in einer Whatsapp-Nachricht seinen Kollegen Dennis Aogo einen "Quotenschwarzen" genannt. Anschließend lösten mehrere Geschäftspartner die Verbindung mit dem Ex-Fußballprofi. In einem Interview mit der "Zeit" hatte Lehmann vor Kurzem Rassismusvorwürfe zurückgewiesen. Als Fußballer lebe man Inklusion, Respekt und Toleranz.

"Widerspruch muss sein in einer offenen Gesellschaft", sagte Dorn dazu. Das dürfe aber nicht dazu führen, Menschen in Bausch und Bogen zu verurteilen. Sie habe manchmal den Eindruck, dass jemand wegen einer unbedachten Aussage fast schon als "vergiftet" gelten würde.

Anders sei dies lediglich bei Menschen, die Verschwörungstheorien vertreten, so Thea Dorn. Wenn wir kritische Meinungen und Verschwörungstheorien verwechseln, "hat das mit Debattenkultur nichts zu tun."

Quelle: ntv.de

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