Politik

Interview mit "SPD-Putzfrau" "Dank Schulz hört man der SPD wieder zu"

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Durch ihre Auftritte, unter anderem mit Sigmar Gabriel, inzwischen auch in Talkshows ein beliebter Gast: Reinigungskraft und Buchautorin Susanne Neumann.

(Foto: imago/Future Image)

Mit dem alten SPD-Chef Sigmar Gabriel hat Susanne Neumann viel gestritten, Kanzlerkandidat Martin Schulz findet die Gebäudereinigerin dagegen klasse. Im Interview erklärt sie, warum Schulz dafür gesorgt hat, dass sie wieder an die SPD glaubt.

n-tv.de: Im Mai 2016 wurden Sie schlagartig bekannt, weil Sie SPD-Chef Sigmar Gabriel auf einer Gerechtigkeits-Konferenz kräftig Kontra gegeben haben. In Ihrem neuen Buch schreiben Sie: "Er saß links neben mir und erzählte eine Menge Blödsinn." Was hat Sie so an Gabriel gestört?

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Susanne Neumann: Politiker rühmen sich gern mit irgendwelchen Sachen. Sigmar Gabriel hat damals groß erzählt, dass er es angeblich geschafft habe, Dinge wie Leiharbeit und Rente mit 67 aufzuhalten. Dabei steht immer noch bei vielen Menschen auf dem Rentenbescheid: Du darfst mit 66,8 Monaten in Rente gehen. Die fragen sich natürlich: Was erzählt der Gabriel denn da? Bei der Leiharbeit ist es ähnlich. Für viele Leiharbeiter hat sich nichts verbessert.

Sie haben Gabriel damals erzählt, dass Ihnen als Reinigungskraft nach 38 Jahren Arbeit nur 725 Euro im Monat bleiben. Haben Sie sich von ihm damals ernst genommen gefühlt?

Ich hatte das Gefühl, dass ich von der SPD nach Berlin eingeladen wurde, weil Gabriel mal einen Arbeiter präsentieren wollte. Dass er mich richtig ernst genommen hat, glaube ich nicht. Sonst wäre es auch nicht zu diesem Schlagabtausch gekommen.

Was hätten Gabriel und die SPD in den letzten fünf Jahren anders machen sollen?

Spätestens nach zwei Jahren hätte die SPD sagen müssen: "Wir kriegen nichts mehr durch miteinander, deswegen ist jetzt Schluss." Da hilft es nichts, wenn Gabriel sich ständig hinstellt und sagt, dass irgendetwas mit CDU und CSU nicht machbar sei. Die SPD hätte die Koalition vorzeitig beenden müssen.

Haben Sie Gabriel nach Ihrer Begegnung im Mai 2016 noch einmal getroffen?

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Ja, Gabriel kam im August nach Gelsenkirchen zu einer Bürgerveranstaltung. Ich fand es schade, dass er mich nicht eingeladen hat. Dann habe ich meine Mädels zusammengetrommelt und wir sind alle hingegangen. Ich hab sogar einen Platz in der ersten Reihe ergattert. Dann habe ich ihn auf Ceta angesprochen und gefragt, warum die Politik damit nicht anders umgehen kann. Gabriel hat zu mir gesagt: "Susi, auch wenn ihr demonstriert, hör' ich nicht auf zu denken." Er hat mich richtig abgelatzt, da habe ich gekocht. Die Menschen waren bestürzt. Damals hat man gesehen, unter welchem Druck Gabriel stand. Damit kam er nicht zurecht. Gabriel ist ein erfahrener Politiker. Wenn er seinen Verstand bei sich gehabt hätte, hätte er mich charmant abservieren können, aber er ist sofort aggressiv geworden. Offenbar war ich für Gabriel ein Alptraum geworden.

Wenn es danach geht, müssten Sie Ende Januar ja gejubelt haben, als bekannt wurde, dass Gabriel nicht Kanzlerkandidat wird und als Parteichef zurücktritt.

Ja, denn ich habe schon immer gesagt, dass Gabriel einfach nicht der Richtige ist. Der Trend gibt mir recht. Wir sehen ja jetzt, was Schulz in wenigen Wochen schon erreicht hat. Man hat das Gefühl, dass die Menschen auf Schulz gewartet haben. Es gibt eine große Erleichterung. Dank Schulz hat die SPD jemanden, der dafür sorgt, dass die Menschen wieder bereit sind, ihr zuzuhören. Wo Schulz auftaucht, ist es voll. Das begeistert mich. Ich hätte nicht gedacht, dass so viele junge Menschen an Politik interessiert sind. Vor der Nominierung von Schulz war es doch so: Wenn die SPD kam, ist keiner mehr gekommen. Nach dem Motto: Die erzählen ja sowieso nur wieder Mist.

Was hat Schulz, was Gabriel nicht hat?

Martin Schulz spricht Themen an, die uns am Herzen liegen. Am Montag hat er gesagt, dass er die Agenda 2010 korrigieren und das Befristungsgesetz ändern will. Ich sag' Ihnen ganz ehrlich: Ich hatte den ganzen Tag ein Lächeln im Gesicht. Natürlich mache ich mir Sorgen, dass weitere Sachgründe für Befristungen erfunden werden. Aber ich habe wieder Hoffnung. Ich kämpfe mit der IG Bau seit zehn Jahren gegen das Befristungsgesetz. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich bald den Erfolg meiner Arbeit ernten könnte.

Warum nehmen Sie Schulz ab, dass er die Agenda 2010 reformieren will? Sie sagen doch, dass Parteien und Politiker viel reden, aber nicht liefern.

Das liegt am Lebensstil von Schulz. Ich nehme ihm das wirklich ab. Er ist einer, der den Kontakt zur Basis hält. Was Schulz sagt, wird er auch versuchen. Aber eins dürfen wir nicht vergessen: Es ist ja nur eine Person ausgetauscht worden. Der Rest der SPD, der die Agenda-Politik seit Jahren befürwortet und verteidigt hat, ist immer noch da. Schulz wird dicke Bretter bohren müssen. Ich habe aber die Hoffnung, dass er daraus ein standfestes Regal baut.

Sie sind SPD-Mitglied. Werden Sie für Schulz Wahlkampf machen?

Am politischen Aschermittwoch werde ich ihn in Dortmund erleben. Ich habe vor, ihm ein Buch von mir zu schenken und will ihm persönlich sagen: "Dein Erfolg wäre unser Erfolg." Wenn er etwas für die Arbeiterschaft tut, profitieren wir alle. Wenn unsere Mädels und Jungs von den Gebäudereinigern und der Müllabfuhr für eine Woche die Arbeit niederlegen, hätten wir Säcke auf der Straße, dann wäre Deutschland platt. Kein Krankenhaus, keine Schule, kein Supermarkt könnte existieren. Schulz muss Fakten schaffen. Wenn das Wahlprogramm keine schwammigen Aussagen enthält, sondern richtige Fakten und Abmachungen, dann bin ich auch bereit, für ihn Wahlkampf zu machen.

Das hätten Sie für Gabriel nicht gemacht?

Nein, auf keinen Fall.

Mit Susanne Neumann sprach Christian Rothenberg

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Quelle: ntv.de