Politik

Interview zur Lage in Cherson "Das ist das kollektive Gefühl hier: Wir gewinnen"

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Protest gegen die russischen Besatzer in der ukrainischen Stadt Cherson am 13. März.

(Foto: via REUTERS)

Aus dem Bezirk Cherson im Südosten der Ukraine scheinen die Russen nach dem Vorbild von Donezk und Luhansk eine "Volksrepublik" machen zu wollen. Die Einwohner protestieren dagegen. Und sie erwarten die Befreiung durch die ukrainische Armee, wie Jimmy berichtet, ein Einwohner der Stadt. Seinen richtigen Namen verschweigen wir aus Sicherheitsgründen.

ntv.de: Die ukrainische Regierung hat vor einer humanitären Katastrophe in der Region Cherson gewarnt, vor allem in kleineren Siedlungen fehle es an Medikamenten und teilweise an Lebensmitteln. Wie nimmst du die Situation in der Stadt Cherson wahr?

Jimmy: Ich habe in den letzten Tagen ein paar Erkundigungen eingeholt. In der Stadt Cherson gibt es mit der Lebensmittelversorgung derzeit keine Probleme. Allerdings fehlen Medikamente, vor allem gegen Schilddrüsenunterfunktion. Das ist aktuell das Schlimmste. Zwischenzeitlich gab es nicht genug Insulin für Diabetes-Patienten. Aber das Problem wurde offenbar einigermaßen gelöst, wobei ich nicht weiß, ob der Nachschub von den Russen von der Krim kam oder vom ukrainischen Festland. Es gibt ja noch Wege, die nicht von den Russen kontrolliert werden. Lebensmittel kommen hauptsächlich aus dem Dorf Kopani, das rund 30 Kilometer nordwestlich vom Stadtzentrum liegt. Dort gibt es eine regelrechte Lebensmittelbörse mit Lieferungen nach Cherson. Ich habe in Cherson gestern jedenfalls Kartoffeln, Möhren und Radieschen gesehen. Schlangen vor den Lebensmittelläden gibt es nicht.

Es gab mehrere Berichte, auch von der ukrainischen Regierung, dass Lokalpolitiker aus der Region Cherson von russischen Truppen verschleppt wurden. Hast du davon etwas mitbekommen?

Ja, in der Region wurden mehrere lokale Bürgermeistern entführt. Präsident Selenskyj hat offenbar einen Austausch organisiert, um den Bürgermeister von Melitopol zu befreien. Aber ich weiß nicht, auf welche Bedingungen sie sich da geeinigt haben.

Es heißt, dass die Russen im Bezirk Cherson eine "Volksrepublik" errichten wollen, um sie dann von der Ukraine abzuspalten, wie in Donezk und Luhansk. Politiker seien von den Besatzern angerufen und gefragt worden, ob sie kooperieren würden.

Die Russen haben ein Problem. Hier gibt es zwar prorussische Kräfte. Aber erstens sind es nur ganz wenige, und zweitens sind diese nicht so ganz prorussisch. Die wollen sich immer der Kraft anschließen, von der sie hoffen, dass sie sie an die Macht bringen wird. Das sind jetzt die Russen. Ein paar von denen haben sich im Gebäude der Regionalverwaltung getroffen, das jetzt von den Russen besetzt ist, darunter Ex-Bürgermeister Wolodymyr Saldo. Sie wollten wohl eine neue Regionalverwaltung bilden. Aber bislang habe ich noch keine Schritte gesehen, die zur Bildung einer "Volksrepublik" führen würden. Ich glaube, dafür haben sie nicht genug Leute, schon gar nicht genug erfahrene Leute. Wahrscheinlich haben sie auch Angst vor der vor lokalen Bevölkerung, die jeden Tag zur Demo geht und sagt: Wir wollen hier keine Volksrepublik.

Dann gibt es weiter Demonstrationen gegen die Besatzung?

Ja, jeden Tag. Normalerweise kommen ein paar hundert Leute, aber wenn es ernst zur Sache geht, sind es Tausende. Im Moment gibt es Berichte, dass morgen, am Samstag, eine Scheinversammlung zur Bildung einer Volksrepublik stattfinden soll. Da werden sicher wieder ein paar Tausend Menschen zum Freiheitsplatz kommen.

Wie gefährlich ist das?

Ich habe gehört, dass die Russen gegen einige Demonstrationen Blendgranaten eingesetzt haben, es wurde in die Luft geschossen und es gab Verletzte durch Gummigeschosse. Aber von Schwerverletzten oder Toten hier in Cherson habe ich noch nichts gehört. Es gab allerdings Festnahmen. Man sagt, dass sie zu bestimmten Leuten nach Hause gehen und sie festnehmen. Aber verlässliche Informationen habe ich dazu nicht.

Die "Süddeutsche Zeitung" zitiert den Vizechef des Regionalparlaments von Cherson, Sergei Chlan, mit den Worten, Cherson sei unter der Kontrolle der russischen Nationalgarde, die direkt Putin unterstellt ist.

Ja, aber in Russland gibt es nichts, das nicht Putin unterstellt ist. Richtig ist, dass die regulären russischen Soldaten abgezogen sind und von der Nationalgarde ersetzt wurden. Die sind nicht dafür geeignet, auf dem Feld gegen die ukrainische Armee zu kämpfen. Deswegen sind sie jetzt hier in der Stadt. Unter Umständen werden sie gegen unsere Bevölkerung kämpfen.

Als wir vor zwei Wochen gesprochen haben, hast du gesagt, niemand in Cherson hat Zweifel daran, dass die ukrainische Armee die Stadt befreien werde. Gilt das noch?

Vorgestern gab es eine Riesenattacke der ukrainischen Armee auf Hubschrauber und Nachschub-LKWs der russischen Truppen auf dem Flugplatz Tschornobajiwka hier in der Nähe der Stadt. Dabei wurden bis zu zwanzig Hubschrauber und der dortige Kommandoposten zerstört. Wahrscheinlich wurden auch die Befehlshaber getötet, jedenfalls sind einige der russischen Soldaten in Panik auf die andere Seite des Dnepr geflohen. Ein anderer General hat sie von dort zurück in die Stadt geführt. Man sieht, dass die ukrainische Armee von Mykolajiw aus vorrückt und ein Dorf nach dem anderen zurückerobert.

Mykolajiw liegt keine neunzig Kilometer von Cherson entfernt.

Man sieht auch, dass die ukrainische Armee vorsichtig ist, damit die Russen nichts Schlimmes mit Cherson anstellen. Man sieht ja an anderen Städten wie Mariupol, Charkiw und Kiew, wozu die Russen fähig sind. Aber wir erwarten die Befreiung nach wie vor. Ich weiß nicht, ob es morgen oder übermorgen passiert, oder in zwei Monaten oder in einem halben Jahr. Aber wir sehen, dass die ukrainische Armee zurück in der Offensive ist und dass die Wende schon passiert ist. Das ist das kollektive Gefühl hier: Wir gewinnen.

Mit Jimmy sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de

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