Politik
Nach der Rettungsaktion übernimmt die italienische Küstenwache die Flüchtlinge und bringt sie aufs Festland.
Nach der Rettungsaktion übernimmt die italienische Küstenwache die Flüchtlinge und bringt sie aufs Festland.(Foto: Issio Ehrich)
Donnerstag, 02. November 2017

Bundeswehr rettet Flüchtlinge: "Das ist nicht die Zeit für Heldentaten"

Von Issio Ehrich

Wer glaubt, dass es für ein modernes Kriegsschiff ein Leichtes ist, Flüchtlinge von einem Schlauchboot zu retten, irrt. Es ist ein gewaltiger logistischer Akt, der auch an den Kräften der Besatzung zehrt.

Keine Heldentaten? Was hat es mit dieser Aufforderung des Kommandanten an seine Crew auf sich? Die Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" steuert auf ein billiges Schlauchboot zu, das 30 Meilen vor der libyschen Küste treibt. Mehr als 120 Menschen sind an Bord. Ihre nackten Füße baumeln im Mittelmeer. Ihre Hände wedeln verzweifelt durch die Luft. Keine Heldentaten? Für Leute wie mich, die noch nie so eine Rettungsaktion miterlebt haben, klingt das ganz schön skurril.

Das Reporter-Tagebuch

Unser Reporter Issio Ehrich ist mit der Bundeswehr vor der Küste Libyens im Einsatz. In seinem Tagebuch berichtet er regelmäßig über seine Erlebnisse auf der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern".

Das Kriegsschiff ist im Rahmen der EU-Operation "Sophia" vor Ort. Die Mission: Schleusernetzwerke auf der sogenannten zentralen Mittelmeerroute aufspüren, gegen den illegalen Waffenhandel vorgehen und Flüchtlinge aus Seenot retten.

Wir befinden uns auf einem 140 Meter langen Kriegsschiff mit mehr als 200 Crewmitgliedern. Unsere Fregatte hat zwei Gasturbinen und zwei Dieselmotoren, die uns in kürzester Zeit auf mehr als 30 Knoten beschleunigen können. Wir brauchen keine Heldentaten, wir fahren da jetzt einfach hin und holen die Leute an Bord. Denke ich mir. Bevor es losgeht.

So einfach ist das alles leider nicht. Ein Rettungsmanöver wie dieses bringt die Crew in der Regel zwar nicht an ihre Belastungsgrenze, ist aber ein gewaltiger Kraftakt – der auch einer Besatzung eines Kriegsschiffs einiges abverlangt. Und das sicher nicht nur, weil die Bundeswehr anders als die zivilen Hilfsorganisationen im Seegebiet diverse Vorschriften einzuhalten halt. Wer auf Flüchtlinge trifft, also in sogenannte "kontaminierte" Bereiche eindringt, muss in Ganzkörperschutzanzügen stecken. Zugleich muss sichergestellt werden, dass Flüchtlinge diese Bereiche nicht verlassen und ins Schiffinnere kommen.

Flüchtlinge können nicht einfach über die Reling klettern

Flüchtlinge ziehen sich auf den Schlauchbooten oft Schnittverletzungen zu - vor allem an Armen und Beinen.
Flüchtlinge ziehen sich auf den Schlauchbooten oft Schnittverletzungen zu - vor allem an Armen und Beinen.(Foto: Issio Ehrich)

Kaum ist der Seenotrettungsfall ausgerufen, beginnen auf dem Flugdeck die Aufbauarbeiten: Toiletten, eine selbstgebaute Waschstation, Dutzende Paletten, um Wege zu markieren, eine Krankenstation – und sogar ein OP-Saal im Hangar. Die Mannschaft will auf jeden Fall vorbereitet sein. Manchmal reicht aber auch das nicht. Im vergangenen Jahr kam es an Bord zu einer Totgeburt.

Man kann 120 Flüchtlinge auch nicht einfach über die Reling klettern lassen. Die ist acht Meter hoch. Die Fregatte setzt ihre Speedboote aus und richtet so etwas wie einen Rettungs-Shuttle-Dienst ein. Jedes Boot nimmt bis zu zehn Flüchtlinge auf und bringt sie Fuhre um Fuhre über eine Luke im Heck der "Mecklenburg-Vorpommern" in Sicherheit. Dabei gerät der Shuttle-Dienst mehrmals ins Stocken, weil sich die Flüchtlinge auf dem Schlauchboot nicht einigen können, wer zuerst einsteigen darf. Es kommt wiederholt zu Prügeleien zwischen in Panik geratenen Menschen.

An Bord angekommen, registrieren Feldjäger die Flüchtlinge und gehen nochmal auf Nummer sicher, dass niemand gefährliche Gegenstände mit sich führt. Die Bordmediziner picken die kritischen Fälle heraus. Es gilt, Brötchen und Wasser an die teils dehydrierten Menschen zu verteilen. Und das immer und immer wieder.

Es kommt auf Gesten an

Eine Hand auf der Schulter, ein nettes Wort - es kommt auf jede Geste an.
Eine Hand auf der Schulter, ein nettes Wort - es kommt auf jede Geste an.(Foto: Issio Ehrich)

Bei alledem ist für jeden offensichtlich, dass die Männer, Frauen und Kinder, die da an Bord kommen, Fürchterliches erlebt haben. Prügel, Vergewaltigung, Todesangst. Einige berichten von jahrelangen Martyrien. Kleine Gesten machen da den Unterschied, das wissen alle. Also ein Lächeln hier, ein Klopfen auf die Schulter da, ein kräftiger Händedruck.

Für die Crew entsteht dieses Mal auch noch zusätzlicher Zeitdruck. Normalerweise fährt die "Mecklenburg-Vorpommern" einen europäischen Hafen an, wenn sie Flüchtlinge aufgenommen hat. Dieses Mal soll sie die Menschen noch auf See an ein Schiff der italienischen Küstenwache übergeben. Kaum sind alle an Bord der deutschen Fregatte, gilt es auch schon, den nächsten Speedboat-Shuttle-Dienst einzurichten.

Die Crewmitglieder auf dem Flugdeck stecken währenddessen bei deutlich mehr als 20 Grad in den besagten und leidlich atmungsaktiven Ganzkörperschutzanzügen. Einige vergessen völlig, in den Stunden ihres Einsatzes zu essen oder zu trinken.

"Wenn es darum geht, Menschen aus Seenot zu retten, wollen alle voll anpacken", sagt ein Besatzungsmitglied. "Die Gefahr, dass einige zusammenbrechen, ist nicht zu unterschätzen. Das ist gemeint, wenn der Kommandant sagt: keine Heldentaten."

Am Ende des Tages werde auch ich das ein bisschen besser verstehen. Erst führe ich ein Interview nach dem anderen und vergesse angesichts der unglaublichen Geschichten, die ich zu hören bekomme, die Zeit. Kaum ist ein wenig Vertrauen aufgebaut, kippt die Situation. Plötzlich werde ich ausgefragt: Wo werden wir jetzt hingebracht? Wie komme ich nach Deutschland? Was ist das für eine merkwürdige Sprache, in der immer wieder Anweisungen über das Flugdeck hallen? Ich bin weit weg von irgendwelchen Heldentaten. Aber auf dem Flugdeck vergesse ich völlig, dass mein Körper zwischendurch auch mal ein paar Nährstoffe gebrauchen könnte.

Was an Tag vier geschah, lesen Sie hier.

Quelle: n-tv.de

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