"Wann ist die wildeste Party?"Das sagen die neuen Epstein-Akten über Gates, Musk und Co.

Am Freitag veröffentlicht das US-Justizministerium etliche weitere Ermittlungsakten zum Fall des Sexualstraftäters Epstein. Enthalten sind mehr als drei Millionen Dokumente, Tausende Videos und mehr als 100.000 Fotos. Was steht drin?
Speziell der E-Mail-Fundus der neuen Epstein-Akten bringt zum wiederholten Male die Reichen und Mächtigen in Erklärungsnot: Sie deuten oftmals einen sehr viel vertrauteren Umgang mit "Onkel Jeffrey" an, als ihnen lieb sein dürfte. Die Unterlagen zeigen zugleich: Viele der Genannten haben bisher falsche Angaben gemacht. Einige Beispiele sind hier aufgelistet. Gleichwohl gilt: Die reine Nennung oder Abbildung in den Epstein-Akten ist kein Hinweis auf ein Fehlverhalten. Alle bisher veröffentlichten Epstein-Dateien können Sie hier ansehen.
Bill Gates
Die Kontakte von Bill Gates zu Jeffrey Epstein sollen einer der Gründe gewesen sein, warum sich Melinda Gates vom Microsoft-Gründer scheiden ließ. Nach der Veröffentlichung weiterer Akten aus dem Fundus des US-Justizministeriums kristallisiert sich heraus, warum: Die Unterlagen erwecken den Eindruck, als wollte der tote Sexualstraftäter Gates erpressen. Das hatte das "Wall Street Journal" bereits vor zwei Jahren berichtet.
Teil des neuen Datenbergs sind zwei E-Mails, die sich Epstein im Juli 2013 selbst schrieb - womöglich als Entwurf für eine Nachricht, die er später Gates schicken wollte. Darauf deuten die vielen Tippfehler hin.
In dem Text wirft Epstein dem Microsoft-Gründer vor, ihre "Freundschaft" zu missachten. In der langen Nachricht erwähnt der Sextäter auch, dass Gates ihn angeblich gebeten habe, frühere E-Mails zu einer angeblichen Geschlechtskrankheit des Milliardärs zu löschen und zu Antibiotika, die Epstein ihm deswegen besorgt habe.
Gates weist diese Vorwürfe zurück. Eine Sprecherin des Microsoft-Gründers sagt: "Diese Behauptungen - von einem erwiesenen, verärgerten Lügner - sind absolut absurd und völlig falsch. Das Einzige, was diese Dokumente belegen, ist Epsteins Frustration darüber, dass er keine Beziehung zu Gates hatte, und, was er bereit war zu unternehmen, um Gates zu verleumden und in eine Falle zu locken."
Elon Musk
Der Tesla-Chef hat Epstein eigenen Angaben zufolge ein einziges Mal getroffen: für eine halbe Stunde im Haus des Sextäters in New York City. Anschließend habe Epstein wiederholt versucht, Musk zu einem Besuch auf seiner Insel zu überreden: "Ich habe abgelehnt", sagte der reichste Mensch der Welt dazu im Juli 2019 in einem Interview. Später wurde er in Beiträgen auf Twitter und X deutlicher: Er habe sich trotz mehrfacher Versuche "geweigert", Epsteins Insel zu besuchen.
Die neuen Unterlagen des US-Justizministeriums erwecken einen anderen Eindruck: In E-Mails aus den Jahren 2012, 2013 und 2014 versucht Musk wiederholt, einen Besuch auf der Insel zu organisieren.
So erkundigt sich der Tesla-Chef im November 2012, wann die "wildeste Party" auf der Insel stattfindet. Im weiteren E-Mail-Verlauf schreibt er: "Hast Du irgendwelche Partys geplant? Ich habe dieses Jahr bis an die Grenzen meiner Belastbarkeit gearbeitet, und sobald meine Kinder nach Weihnachten nach Hause fahren, möchte ich mich unbedingt in St. Barts oder anderswo ins Partyleben stürzen und mich richtig austoben. Ich weiß die Einladung sehr zu schätzen, aber ein ruhiger Inselurlaub ist genau das Gegenteil von dem, was ich mir wünsche."
Im weiteren Verlauf deutet Musk an, dass der Besuch aus terminlichen Gründen nicht stattfinden kann: "Die Logistik wird nicht funktionieren."
Wenige Monate später flammt der Kontakt wieder auf. "Ich werde über die Feiertage in der Gegend sein. Wäre das ein guter Zeitpunkt für einen Besuch?", fragt Musk in einer weiteren E-Mail vom 13. Dezember 2013. Nach mehreren kurzen Nachrichten einigen sich Musk und Epstein auf den 2. Januar 2014 als Datum für den Besuch.
Der Austausch endet damit, dass Epstein absagt: "Schlechte Nachrichten. Leider muss ich aufgrund meiner Termine in New York bleiben. Ich hatte mich wirklich darauf gefreut, endlich Zeit mit Dir zu verbringen, ohne irgendwelche Verpflichtungen. Hoffentlich werden wir in naher Zukunft einen neuen Termin finden."
Auf X bleibt Musk nach Veröffentlichung der jüngsten Unterlagen bei seiner Darstellung: Er habe nur sehr wenig Kontakt mit Epstein gehabt. Ihm sei bewusst, "dass der E-Mail-Verlauf falsch interpretiert und von Kritikern genutzt werden kann, um meinen Namen zu beschmutzen".
Howard Lutnick
Auch der Handelsminister von US-Präsident Donald Trump hat falsche Angaben zu Epstein gemacht. Aus den neuen E-Mails geht hervor, dass Lutnick zu Besuch auf Epsteins Privatinsel war. Das hatte er zuvor bestritten.
Den E-Mails zufolge verabredeten sich Lutnick und Epstein am 23. Dezember 2012 zum Mittagessen auf der Karibikinsel Little Saint James. Lutnicks Ehefrau kündigte die Ankunft per Boot an, woraufhin Epsteins Assistentin später eine Nachricht ihres Chefs mit dem Inhalt "Schön, Euch zu sehen" weiterleitete.
Der Schriftverkehr belegt auch, dass Lutnick mindestens bis 2012 in Kontakt mit Epstein stand. Epstein war bereits vier Jahre früher wegen der Aufforderung von Minderjährigen zur Prostitution rechtskräftig verurteilt worden. 2008 und 2009 verbrachte er deshalb 13 Monate im Gefängnis.
Dies steht im Widerspruch zu früheren Aussagen Lutnicks. Der Minister hatte im vergangenen Jahr in einem Podcast erklärt, er habe den Kontakt zu seinem damaligen Nachbarn Epstein bereits um das Jahr 2005 abgebrochen, nachdem dieser eine anzügliche Bemerkung gemacht habe.
Kathryn Ruemmler
Epstein verkehrte nicht nur mit einflussreichen Männern, sondern auch mit Frauen, etwa Kathryn Ruemmler. Die frühere Rechtsberaterin von Barack Obama im Weißen Haus und die derzeitige Chefjustiziarin der US-amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs war unter anderem im Gerichtssaal anwesend, als Epstein 2019 wegen Sexhandelsvorwürfen vor Gericht gestellt wurde.
Die Beziehung sei rein beruflicher Natur gewesen, erklärte Ruemmler jüngst im "Wall Street Journal". Im Rahmen ihrer früheren Arbeit für die Kanzlei Latham & Watkins habe sie regelmäßig mit Kriminellen zu tun gehabt: "Ich bedauere, ihn jemals kennengelernt zu haben, und empfinde großes Mitgefühl für die Opfer von Epsteins Verbrechen."
Auch in diesem Fall zeichnen die Unterlagen jedoch ein anderes Bild: Aus einer E-Mail aus dem Jahr 2016 geht hervor, dass Ruemmler mit "Onkel Jeffrey" einen Spitznamen für Epstein hatte. In einer Notiz vom Oktober 2018 freut sich die Top-Juristin über ein "schönes und aufmerksames" Geschenk. In einer Nachricht aus dem Jahr 2019 schreibt sie: "Bin heute total begeistert von Onkel Jeffrey! Jeffrey-Stiefel, Handtasche und Uhr!"
Über die Jahre erhielt Ruemmler demnach Blumen, Wein, eine Hermès-Handtasche, Geschenkkarten im Wert von 10.000 Dollar, Wellness-Aufenthalte oder auch eine Apple Watch von Epstein geschenkt.
Richard Branson
Auch der britische Gründer der Unternehmensgruppe Virgin behauptet, dass die Taten von Epstein "abscheulich" waren. Wie in anderen Fällen zeichnen die Dokumente ein sehr viel freundschaftlicheres Verhältnis: So bedankt sich Epstein 2013 in einer E-Mail für die Gastfreundschaft von Branson. Der britische Milliardär antwortet: "Freue mich immer, Dich zu sehen, wenn Du in der Gegend bist. Vorausgesetzt, Du bringst Deinen Harem mit!"
Epstein saß bereits 2008 und 2009 wegen der Aufforderung von Minderjährigen zur Prostitution im Gefängnis. Womöglich darauf bezieht sich ein weiteres Versatzstück aus dem E-Mail-Verlauf: Epstein erkundigt sich bei Branson nach "public relations thoughts", also offenbar Kommunikationstipps.
Branson antwortet: "Ich denke, wenn Bill Gates bereit wäre zu sagen, dass Du ein brillanter Berater warst, der vor vielen Jahren einen Fehler begangen hat, weil er mit einer 17½-Jährigen geschlafen hat, und Du dafür bestraft wurdest, dass Du Deine Lektion mehr als gelernt und seitdem nichts mehr getan hast, was gegen das Gesetz verstößt, und ja, Du scheinst eine Vorliebe für Frauen zu haben, aber daran ist als Single nichts auszusetzen ... irgendwie so etwas in der Art."
Warum Branson ausgerechnet den Microsoft-Gründer als Bürgen für den Charakter von Epstein benennt, bleibt offen. Eigenen Angaben zufolge traf sich Gates ausschließlich für "Gespräche über Philanthropie" mit Epstein.