Politik

Wer ersetzt den toten Ajatollah?Das sind die zwei Favoriten für die Chamenei-Nachfolge

06.03.2026, 10:08 Uhr c-ammeVon Caroline Amme
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Anhänger des iranischen Regimes im Irak betrauern den Tod von Ajatollah Ali Chamenei. (Foto: picture alliance/dpa)

Der Iran hat kein geistliches Oberhaupt mehr - Ali Chamenei ist nach fast 40 Jahren an der Macht getötet worden. Ein Nachfolger soll schnell bestimmt werden, doch die dauernden Angriffe durch die USA und Israel machen die Auswahl kompliziert. Es ist nicht mal klar, ob alle Kandidaten noch am Leben sind.

Rauchwolken steigen am vergangenen Sonntag über Teheran auf. Dutzende Raketen sind in der iranischen Hauptstadt eingeschlagen. Bei den israelischen und amerikanischen Luftangriffen auf den Iran wird die Residenz von Ali Chamenei getroffen. Der 86-Jährige war das geistliche Oberhaupt der Islamischen Republik. Der einflussreichste Mann des Landes.

Auf Satellitenbildern sind die Trümmer seiner Residenz zu sehen. Später wird dort Chameneis Leiche gefunden. Auch vier Familienmitglieder sind tot, darunter seine Tochter und ein Enkelkind.

Chamenei war fast vier Jahrzehnte lang Oberster Führer des Iran. Seit 1989 hat er das Land mit harter Hand geführt und Proteste gegen sich und das Regime immer wieder brutal niederschlagen lassen; zuletzt die Massenproteste im Januar - dabei waren mindestens 7000 Menschen getötet worden.

Chamenei war bewusst, dass Israel und vielleicht auch die USA ihn ausschalten wollten. Um sich zu schützen, hatte er immer geheim gehalten, wo er sich aufhält. Doch diesmal wurde bekannt, dass der oberste Führer an einer Sitzung der Führung in Teheran teilnehmen wollte. Der Tipp zum Aufenthaltsort soll laut der "New York Times" vom US-Auslandsgeheimdienst CIA gekommen sein.

Der Übergangsrat tagt

Jetzt beginnt ein neues Kapitel des Landes. Die iranische Führung hat nach den amerikanisch-israelischen Angriffen einen dreiköpfigen Übergangsrat bestimmt. Der besteht aus dem Präsidenten Massud Peseschkian, Justizchef Gholam-Hussein Mohseni-Edschei sowie dem Kleriker und Wächterratsmitglied Aliresa Arafi. Sie übernehmen die Aufgaben des toten Ajatollahs: Chamenei hatte das höchste Staatsamt inne, war Oberbefehlshaber der Armee, hat Gesetze genehmigt und Religion und Medien kontrolliert - und das Atomprogramm.

Der provisorische Führungsrat organisiert zugleich die Bestimmung des Nachfolgers: Präsident Peseschkian, Justizchef Mohseni-Edschehi sowie Kleriker Arafi hätten bei ihrer vierten Sitzung nach dem Tod Chameneis die Einberufung einer Versammlung zur Bestimmung des neuen Religionsführers geplant, wie aus einer Regierungserklärung hervorgeht, die am Freitagmorgen veröffentlicht wurde.

Berichte, wonach Anfang der Woche Chameneis Sohn Modschtaba Chamenei zum neuen Obersten Führer ernannt wurde, haben sich bisher nicht bestätigt. Es ist unklar, ob der 56-Jährige überhaupt noch lebt.

Die Wahlversammlung nickt nur ab

Bestimmt wird der mächtigste Mann des Landes von einem Expertenrat aus 88 einflussreichen Geistlichen, den Ajatollahs - und zwar einstimmig. Der Rat wird alle acht Jahre von den Iranerinnen und Iranern gewählt, zuletzt 2024. Durch die amerikanisch-israelischen Luftangriffe könnten allerdings viele Ratsmitglieder gestorben sein. Solange die Angriffe andauern, ist es auch schwierig, eine sichere Versammlung zu organisieren.

Dazu kommt, dass der Iran nahezu keine Erfahrung mit der Wahl eines geistlichen Führers hat, denn an der iranischen Spitze gab es bisher nur einen einzigen Wechsel: 1989, als Ruhollah Khomeini starb. Seitdem ist der Expertenrat nicht mehr zusammengetreten.

Dass Chameneis Tod so schnell bekannt gegeben wurde, lässt jedoch auf zwei Dinge schließen: Sein Tod sei schwer zu verbergen gewesen und sein Nachfolger sei hinter den Kulissen bereits ausgewählt worden, sagte der Politikwissenschaftler Mehran Kamrava bei Bloomberg.

Beobachter gehen davon aus, dass fünf oder sechs Namen als Nachfolger von Ali Chamenei infrage kommen. Der ultrakonservative Wächterrat muss ihre Kandidatur vor der Einberufung der Wahlversammlung jedoch absegnen. Faktisch nickt der Expertenrat den Auserwählten also nur noch ab.

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Rückfall in die Dynastie?

Chamenei soll nach dem Zwölf-Tage-Krieg gegen Israel und die USA vor rund neun Monaten intern selbst drei mögliche Nachfolger benannt haben. Nahost-Experten vermuten, dass es sich eher um altgediente Regime-Vertreter handelt als um junge Kandidaten oder Außenseiter. Bereits vor zwei Jahren soll Chamenei Reuters zufolge zudem hochrangige Geistliche ausgewählt haben, die seine Nachfolge bestimmen sollen. Immer wieder werden unter Beobachtern zwei Favoriten gehandelt.

Modschtaba Chamenei, der womöglich bereits auserwählte Sohn von Ali Chamenei. Der 56-Jährige sieht aus wie eine jüngere Version seines Vaters und steht ihm auch ideologisch nahe: Modschtaba ist ein konservativer Hardliner und würde die Politik seines Vaters höchstwahrscheinlich fortführen - gegenüber dem Westen und der eigenen Bevölkerung. Abgesehen davon ist nicht viel über den 56-Jährigen bekannt. Er meidet die Öffentlichkeit. Die "New York Times" beschreibt ihn als "Mann im Schatten der iranischen Politik".

Klar ist: Modschtaba ist der zweite von sechs Söhnen von Ali Chamenei und hatte bisher kein Regierungsamt inne. Allerdings hat er im Büro seines Vaters gearbeitet und soll bestens mit dem iranischen Sicherheitsapparat vernetzt sein. Ihm werden enge Verbindungen zu den einflussreichen Revolutionsgarden (IRGC) nachgesagt. Er habe insbesondere bei der jüngeren, radikalen Generation einen starken Rückhalt, heißt es. Weiter beschreiben Insider ihn als "Torwächter", der sich ohne ein formelles Regierungsamt eine Schlüsselposition im politischen und sicherheitspolitischen Gefüge des Iran erarbeitet habe.

Die Wahl von Modschtaba ist allerdings nicht ohne Brisanz. Seine Ernennung zum geistlichen Führer wäre eine Rückkehr zur Erbfolge, die das Regime eigentlich mit der Revolution von 1979 überwinden wollte. Eine dynastische Herrschaft ist in den Strukturen der Islamischen Republik nicht vorgesehen.

Dazu kommt, dass Modschtaba Chamenei in der Bevölkerung extrem unbeliebt sein soll. Ihm wird nachgesagt, 2005 den Aufstieg des Hardliners Mahmud Ahmadinedschad zum Präsidenten orchestriert zu haben. Auch bei der umstrittenen Wiederwahl 2009 und der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste dagegen soll er eine zentrale Rolle gespielt haben.

Der 56-Jährige soll zudem ein riesiges Vermögen angehäuft haben. Er besitzt Berichten zufolge Immobilien in London, Dubai, Mallorca und Frankfurt. Das US-Finanzministerium hat 2019 Sanktionen gegen ihn verhängt.

Das Gegenteil von Modschtaba Chamenei

Der zweite Name auf der Liste des Komitees der Geistlichen ist Hassan Chomeini, der Enkel von Chamenei-Vorgänger und Staatsgründer Ajatollah Ruhollah Chomeini. Der 53-Jährige ist das Gegenteil von Modschtaba Chamenei. Er wird als vergleichsweise gemäßigt beschrieben und pflegte enge Kontakte zu Reformern wie den Ex-Präsidenten Mohammed Khatami und Hassan Rouhani.

Chomeini hat sich in der Vergangenheit auch nicht gescheut, die Machthaber zu kritisieren. Vor zehn Jahren wollte er für den Expertenrat kandidieren, wurde aber vom Wächterrat disqualifiziert.

Der 53-Jährige hat kein Regierungsamt inne, sondern kümmerte sich bisher um das Mausoleum seines Großvaters in Teheran. In den vergangenen Monaten trat er auffallend oft in der Öffentlichkeit auf.

Auch im Fall von Chomeini ist allerdings unklar, ob er die Luftangriffe überlebt hat. US-Präsident Donald Trump sagte selbst, dass die USA womöglich zwei ihrer Kandidaten für die Chamenei-Nachfolge getötet hätten.

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Redaktion: Caroline Amme, Christian Herrmann, Kevin Schulte

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Quelle: ntv.de

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