Politik

Italiens Schulen unter DruckDer Meloni-Nachwuchs ruft zur Denunziation von Lehrern auf

31.01.2026, 14:42 Uhr
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Die Partei von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, Fratelli d'Italia, hat ihre Wurzeln in dem neofaschistischen Movimento Sociale Italiano (MSI), einer Partei, die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde und ihrerseits im Faschismus wurzelte. (Foto: picture alliance/dpa/LaPresse via ZUMA Press)

Ein Studentenverband der Partei von Giorgia Meloni fragt nach "linken Lehrern" an italienischen Schulen. Sollen hier schwarze Listen erstellt werden? Betroffene wehren sich.

Von Andrea Affaticati, Mailand

"Hast du einen linken Lehrer, der während des Unterrichts Propaganda macht? Beschreibe einen der eklatantesten Vorfälle." Wer jetzt denkt, diese Frage stammt aus den dunklen Jahren des vorigen Jahrhunderts, der irrt. Die Aufforderung steht in einem Online-Fragebogen, mit dem in diesen Tagen Schülerinnen und Schüler der Oberstufe in vielen Städten Italiens konfrontiert wurden.

Aufgerufen, an der Umfrage teilzunehmen, wurde ganz klassisch: mit Flugblättern, die vor Schulen verteilt wurden und die Überschrift "Die Schule gehört uns!" trugen. Ziel der Aktion sei, so heißt es auf dem Flugblatt, einen nationalen Report über die italienischen Schulen anzufertigen, und zwar aus erster Hand. Denn oft sprächen Leute über die Schule, die seit Jahrzehnten kein Klassenzimmer mehr betreten hätten. "Gibt es einen besseren Weg, die Probleme anzupacken, als die Studenten direkt zu beteiligen?"

Urheber der Aktion ist Azione Studentesca, die Hochschulgruppe der Jugendorganisation der Regierungspartei Fratelli d’Italia von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Wie die Wurzeln der Mutterpartei stecken auch die Ursprünge dieser Organisationen im italienischen Faschismus.

Die Entrüstung über die Aktion war vehement. Kritiker sprachen von einem Einschüchterungsversuch und von einem Verstoß gegen die Verfassung, die Meinungsfreiheit und Freiheit der Lehre schützt, zudem von einem weiteren Schritt in der Demontage der Bürgerrechte, die momentan noch von Melonis konservativer Fassade versteckt werde.

"Zu viele Rückfälle in den Faschismus"

Das Ziel sei offenbar, moderne "Proskriptionslisten" zu erstellen, sagte ein Literaturprofessor aus der norditalienischen Stadt Pordenone in einem eigens erstellten Video. Im antiken Rom kam die "Proskription" einer Person einem Todesurteil gleich: Die Veröffentlichung des Namens auf einer entsprechenden Liste bedeutete, dass diese Person von jedem getötet werden durfte.

In seinem Video denunzierte sich der Hochschullehrer gewissermaßen selbst. Sarkastisch erklärt der Literaturwissenschaftler darin, er mache das, um die Herstellung des "nationalen Reports" zu erleichtern. Die Inszenierung erinnert an ein Verhör, wäre da nicht das große Bücherregal hinter seinem Rücken. "Ich heiße Giorgio Peloso Zantaforni, ich lehre italienische Literatur und ich stehe links", sagt er darin.

In dem Video stellt Zantaforni die Frage: "Was macht mehr Angst? Der unterrichtete Antifaschismus oder der nie verlernte Faschismus?" In einem Interview mit der Tageszeitung "La Repubblica" erläutert der Professor, in Italien gebe es allzu oft Rückfälle in den Faschismus. Ein Teil des politischen Establishments versäume es dann, dies zu verurteilen. Der Antifaschismus sei aber Grundlage der italienischen Verfassung, als Lehrer an einer staatlichen Hochschule müsse er sich vor dieser verantworten.

Azione Studentesca sehen sich als Opfer

Bildungsminister Giuseppe Valditara und seine Staatssekretärin Paola Frassinetti versuchten, die Wogen zu glätten, indem sie ankündigten, "eine angemessene Überprüfung der Fakten" zu veranlassen. Frassinetti betonte zugleich, die Aktion sei von einer "unabhängigen Studentenorganisation" veranstaltet worden. Und da "kein Name genannt" worden sei, könne von Proskriptionslisten nicht die Rede sein.

Das sei Ansichtssache, erwidert der Professor. "Der Fragebogen fordert auf, die eklatanten Fälle aufzulisten. Das ist eine subtile und daher sehr gefährliche Art, jemanden zur Verleumdung anzustiften."

Der Chef der Azione Studentesca, Riccardo Ponzio, bestritt die Absicht, eine solche Liste anfertigen zu wollen. In einer schriftlichen Stellungnahme beklagte er: "Wieder einmal müssen wir uns gegen falsche Anschuldigungen wehren. In dem anonymen Fragebogen stehen in den Antworten über die Propaganda linker Professoren weder Vor- noch Nachnamen." Demzufolge lehne man Belehrungen von Kritikern ab, die sie "mundtot machen" wollten.

Ungenügend in Betragen? Damit bleiben Schüler neuerdings sitzen

Allerdings hat auch die Meloni-Regierung selbst bei den Schulen schon mehrfach die Schrauben angezogen, sowohl beim Demonstrationsrecht als auch bei der allgemeinen Disziplin. In der sizilianischen Stadt Agrigent wurden kürzlich Schüler bestraft, weil sie an einer Demo teilgenommen hatten. Und seit diesem Schuljahr gilt: Wer in "Betragen" ein Ungenügend hat, der bleibt sitzen, egal wie gut sie oder er in den Fächern ist.

Die Lehrerin und Schriftstellerin Viola Ardone zeigte sich über die Fragebogeninitiative zutiefst beunruhigt. In einem Artikel für die Zeitung "La Stampa" schildert sie einen Vormittag an einer Schule, bei dem der Film "Erklärt Pereira" gesehen wird. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch des italienischen Schriftstellers Antonio Tabucchi und spielt in der Zeit der Salazar-Diktatur in Portugal. Ardone beschreibt, wie die Schülerinnen und Schüler anschließend darüber diskutieren, dass sich ein autoritäres Regime nicht ankündigt, sondern sich Schritt für Schritt in den Rissen der Demokratie einnistet - so langsam, dass die Mehrheit die Gefahr nicht erkennt.

Am Ende ihres Berichts stellt Ardone die Frage, die im heutigen Italien offenbar wichtig geworden ist: War das jetzt ein linker Unterricht?

Quelle: ntv.de

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