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Die vier Brandstifter auf der Anklagebank, kurz vor der Urteilsverkündung: Thorwald Proll, Horst Söhnlein, Andreas Baader und Gudrun Ensslin (v.l.).
Die vier Brandstifter auf der Anklagebank, kurz vor der Urteilsverkündung: Thorwald Proll, Horst Söhnlein, Andreas Baader und Gudrun Ensslin (v.l.).(Foto: picture-alliance/ dpa)
Montag, 02. April 2018

Als zwei Kaufhäuser brannten: Der erste Schritt zur RAF

Von Markus Lippold

Anfang April 1968 brennt es in zwei Frankfurter Kaufhäusern. Unter den Brandstiftern sind die späteren Terroristen Baader und Ensslin. Beim Prozess gegen sie trifft sich zum ersten Mal die spätere Spitze der Roten Armee Fraktion.

Die Flaschen sind mit Kraftstoff gefüllt, Reisewecker dienen als Zünder. Sie sorgen dafür, dass sich die Brandsätze kurz vor Mitternacht entzünden und mehrere Feuer auslösen. Im Kaufhaus M. Schneider brennt es im ersten und dritten Stock. Im nahen Kaufhof, ebenfalls an der Frankfurter Zeil gelegen, ist die Sport- und Spielwarenabteilung betroffen.

Nach dem Brand im Kaufhof wird der Schaden begutachtet.
Nach dem Brand im Kaufhof wird der Schaden begutachtet.(Foto: dpa)

Noch bevor die Brandsätze explodieren, gibt es ein Bekenntnis zur Tat. Eine Frau ruft im Frankfurter Büro der Deutschen Presse-Agentur an und informiert über die Feuer. "Es ist ein politischer Racheakt", sagt sie noch. Es ist die Nacht vom 2. auf den 3. April 1968. Die linksradikalen Aktivisten wollen mit ihrer Tat gegen den Vietnamkrieg und amerikanische Kriegsverbrechen protestieren.

Die Schäden bleiben überschaubar, auch dank der Sprinkleranlagen, die die Flammen schnell löschen. Der Sachschaden bei Schneider beträgt etwa 280.000 Mark, im Kaufhof sind es um die 390.000. Nach heutigem Wert entspricht das etwa 1,2 Millionen Euro. Die Täter werden schnell gefasst. Schon am 4. April führt ein Hinweis zur Verhaftung von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein.

Im Rückblick lassen die Namen Baader und Ensslin aufhorchen. Beide gehören später zu den Gründungsmitgliedern der Roten Armee Fraktion, jener linksextremen Terrorgruppe, die vor allem in den 70ern Deutschland mit Attentaten, Geiselnahmen und Banküberfällen überzieht. Sind die Frankfurter Brandlegungen also der Moment, an dem sich die friedliche Studentenbewegung spaltet und sich ein Teil dem Terror zuwendet?

Fahndungsplakat mit Baader und Ensslin.
Fahndungsplakat mit Baader und Ensslin.(Foto: dpa)

Der Politologe Wolfgang Kraushaar hält das für eine Überinterpretation. Für ihn sind die Brandanschläge im Rahmen der Protestbewegung des Jahres 1968 ein einzigartiges Ereignis. Brandstiftung habe nicht zu den Methoden der Protestkultur gehört, sagt der Wissenschaftler der dpa. "Die Mehrheit der damaligen 68er-Bewegung hat es vollständig abgelehnt, so etwas zu machen, und war damit absolut nicht einverstanden."

"Wann brennen die Berliner Kaufhäuser?"

Bereits im Vorjahr hatte es einen verheerenden Kaufhausbrand gegeben. Im Mai '67 starben bei einem Feuer in einem Brüsseler Kaufhaus, das gerade amerikanische Konsumgüter ausstellt, mehr als 320 Menschen. Die Ursache des Feuers wird nie eindeutig geklärt. Brandstiftung gilt als eine Möglichkeit, kann aber nie bewiesen werden.

Die Berliner Kommune 1 feiert das Brüsseler Feuer 1967 in mehreren Flugblättern satirisch als Zerstörung eines kapitalistischen Symbols. "Wann brennen die Berliner Kaufhäuser?", wird gefragt. Vom "knisternden Vietnamgefühl" in einer europäischen Großstadt ist die Rede. Die Kommunarden Rainer Langhans und Fritz Teufel werden dafür wegen Aufrufs zur Brandstiftung vor Gericht gestellt, aber im März 1968 freigesprochen.

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Doch die Provokationen der Kommune 1 sind nur die eine Seite. Eine Eskalation der Studentenproteste und eine beginnende Radikalisierung von Teilen der Bewegung lässt sich zu diesem Zeitpunkt nicht von der Hand weisen. Auslöser war etwa die Erschießung Benno Ohnesorgs in West-Berlin im Juni 1967 während der durch die Polizei brutal niedergeschlagenen Proteste gegen den Besuch des Schah. Nur wenige Tage nach den Frankfurter Brandanschlägen wird im April 1968 Studentenführer Rudi Dutschke bei einem Attentat schwer verletzt. Auch dies verschärft die Proteste.

Politologe Kraushaar sieht die Frankfurter Ereignisse denn auch als Fanal, als Ereignis, das eine tiefgreifende Veränderung ankündigt. "Hier wird nicht einfach ein symbolischer Akt verübt, sondern einer, der mit einer erheblichen Gewalt und Gefährdung verknüpft ist", sagt er. "Insofern ist es nicht ganz falsch, das in Relation zur späteren RAF zu betrachten."

Beim Prozess trifft sich die spätere RAF-Spitze

Diesen Zusammenhang sieht man dann auch im Prozess gegen die Brandstifter, der am 14. Oktober 1968 vor dem Frankfurter Landgericht beginnt. Hier trifft die spätere Spitze der Roten Armee Fraktion erstmals direkt aufeinander. So gehört zu den Anwälten der Angeklagten nicht nur der spätere Bundesinnenminister Otto Schily, sondern auch der RAF-Mitbegründer Horst Mahler. Die spätere Terroristin Ulrike Meinhof beobachtet den Prozess als Journalistin.

Die Stimmung unter den Angeklagten ist gelöst, man macht sich über das Gericht lustig. Ein Bild zeigt die vier auf der Anklagebank, einer zündet sich gerade eine Zigarre an. Ihre Anwälte fordern eine Beachtung der politischen Motive der Angeklagten - was jedoch wiederholt vom Gericht abgelehnt wird. Auch ihr Verweis, man habe die Anschläge nachts verübt, um Menschen nicht zu gefährden, verhallt.

Die Staatsanwaltschaft fordert vielmehr je sechs Jahre Haft für die Angeklagten. Man argumentiert, dass Menschenleben gefährdet gewesen seien und die ganze Innenstadt habe abbrennen können. Das Gericht folgt dem zum Teil und verhängt Strafen von je drei Jahren Haft gegen die vier Brandstifter. Die politischen Aktivisten werden behandelt wie gewöhnliche Verbrecher.

Weil die Verteidigung Revision einlegt, kommen die vier im Juni 1969 vorerst auf freien Fuß. Als die Revision verworfen wird, tauchen Baader, Ensslin und Proll ab, um der Reststrafe zu entgehen. Baader und Ensslin planen nun zusammen mit Mahler die Bildung einer Stadtguerilla. Mahler ist es auch, der die beiden Untergetauchten in Italien aufsucht und sie zur Rückkehr nach Berlin auffordert, was im Februar 1970 geschieht. Für Kraushaar ist das der Wendepunkt. "Dadurch nahm das Fahrt auf und mündete in die Gründung der Roten Armee Fraktion."

Doch ein Problem gibt es noch: Baader wird im April 1970 verhaftet - ihm droht eine lange Haftstrafe. Ensslin und Mahler planen deshalb seine Befreiung, die im Mai gelingt. Unter den Helfern der Aktion ist auch Meinhof, die sich inzwischen mit Ensslin und Baader angefreundet hat. Zusammen mit Baader flieht sie und taucht in die Illegalität ab. Es ist die Geburtsstunde der RAF.

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Quelle: n-tv.de