Özdemir startet neue grüne ÄraDer schwarz-grüne Anatolen-Schwabe ist am Ziel
Von Sebastian Huld
Rund zwei Monate nach seinem so knappen wie fulminanten Wahlsieg wird Grünen-Politiker Cem Özdemir am Mittwoch Ministerpräsident Baden-Württembergs. Die Abstimmung im Landtag ist der von langer Hand geplante Karrierehöhepunkt Özdemirs, dem ein so hohes Staatsamt nicht in die Wiege gelegt worden war.
Diese Staffelübergabe dauerte dann doch etwas länger als übliche Regierungswechsel: 15 Jahre lang hat Winfried Kretschmann als erster Grünen-Politiker eine Landesregierung geführt und sich im wirtschafts- und einwohnerstarken Baden-Württemberg über drei Amtszeiten hinweg parteiübergreifend Anerkennung erworben. Aber warum sollte nicht auch Cem Özdemir als Kretschmanns Wunschnachfolger eine neue Ära prägen? Das erste Kind türkischer Gastarbeiter im Amt eines Ministerpräsidenten soll am Mittwoch für fünf Jahre gewählt und vereidigt werden - in einem Bundesland, das mit Ausnahme des Missverständnisses Stefan Mappus seine Ministerpräsidenten nie abwählt.
So hätte Kretschmann womöglich auch noch die 20 Jahre Regierungszeit vollmachen können, wäre es ihm mit seinen bald 78 Jahren nicht selbst genug gewesen. Die vergangenen zwei Wochen gerieten zu regelrechten Kretschmann-Festtagen: Zeremonielle Verabschiedung in Stuttgart, pompöse Verabschiedung in Berlin. Jedes letztmalige Ereignis, wie die finale Kabinettssitzung: etwas ganz Besonderes. Der Mann, der prägendes Gesicht des Landtagswahlkampfs und des Wahlabends am 8. März war, geriet über so viele Abschiede beinahe in Vergessenheit. Am Mittwoch, wenn die Grüne und CSU mit ihren 112 von 157 Landtagssitzen, Cem Özdemir zum Ministerpräsidenten wählen wollen, ist aber auch das vorbei.
Dann ist Özdemir - gelernter Erzieher, studierter Sozialpädagoge, zehn Jahre Grünen-Vorsitzender, 20 Jahre Bundestagsabgeordneter, fünf Jahre im Europaparlament, Bundeslandwirtschaftsminister unter Olaf Scholz - am Ziel angekommen. Mehr als ein Jahr lang hatte der 60-Jährige auf diesen Tag hingearbeitet. Weil Kretschmanns Abgang absehbar war, amtierte Özdemir 2025 nicht erneut für den Bundestag, obwohl er dreieinhalb Jahre zuvor im Wahlkreis Stuttgart eins noch das Fabelergebnis von 40 Prozent der Erststimmen geholt hatte. Schon seine Nominierung hinein ins Ampelkabinett auf Kosten des ursprünglich vorgesehenen Anton Hofreiter war ein überlegter Schritt zum Aufbau eines bekannten Kretschmann-Nachfolgers mit bundespolitischem Gewicht.
Bundes-Cem gegen einen weitgehend Unbekannten
Mit dem Ampel-Ende galt es, den Plan zu vollenden: Von Mai bis März tourte Özdemir landauf, landab; von der nördlichsten Stadt Wertheim ins 275 Kilometer entfernte Lörrach an der Grenze zur Schweiz und wieder hoch. Sein einzig wichtiger Gegner, CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel, war nicht minder fleißig, aber so viel unbekannter als Özdemir - und als Fraktionsvorsitzender im Landtag weiter eng eingebunden ins Tagesgeschäft der Landesregierung. Zugleich fiel es dem 38-Jährigen schwer, sich inhaltlich klar abzusetzen: Özdemir bot jedem, der das hören wollte, CDU pur - nur ohne die grundsätzliche Bedeutung des Klimaschutzes infrage zu stellen.
Den Grünen, denen er so lange vorgesessen hatte, schenkte Özdemir dabei härter ein als dem politischen Gegner: Pro Wirtschaft, gegen das Verbrenner-Aus, einen Heimat verkultenden Wahlkampf im Zeichen der Brezel, frei von Befindlichkeitspolitik und moralinsaurer Besserwisserei: In Baden-Württemberg kam das gut an, die Partei schluckte es runter, der strategischen Bedeutung wegen, einen eigenen Ministerpräsidenten zu stellen. Ja, die Parteilinke bekam einen regelrechten Maulkorb verpasst und zerrte auch dann nicht daran, als Özdemir sich mit Boris Palmer verbündete, dem von den Grünen verschmähten Oberbürgermeister von Tübingen.
Seine Migrationsgeschichte deutete Özdemir zum kommunikativen Vorteil um: Anekdoten von Özdemirs sozialen Aufstieg mit Fleiß und Anstand hörten die Leute ebenso gerne wie die Tatsache, dass Özdemirs verstorbene Eltern in Bad Urach begraben liegen. Das Ländle war den Gastarbeitern entgegen ihren eigenen ursprünglichen Plänen Heimat geworden. Özdemir, der selbst erklärte "anatolische Schwabe", schwäbelte sich durch den Wahlkampf mit fast schon erbarmungsloser Penetranz - obwohl er in seinen Jahrzehnten in Berlin nie mit einem Dialekt aufgefallen war.
Es gehört zu den wenig besprochenen Talenten Özdemirs, den strategischen Politprofi hinter seiner Nahbarkeit kaschieren zu können. Seine Fähigkeit zu persönlicher Härte und sein Machtstreben verschwinden hinter seiner leisen, betont sachlichen Freundlichkeit. Da verhält es sich wie mit dem Sport, den er als Handballer und Radfahrer intensiv betreibt. Die Härte gegen sich selbst, die Askese macht Özdemir dabei nicht zum Thema - anders als etwa manche Hobby-Läufer aus der CDU.
Die CDU will es, Özdemir gibt es
Als sich die Menschen in den Wochen vor dem Wahltermin mit der Frage auseinanderzusetzen begannen, wer da eigentlich auf den populären Kretschmann folgen soll, startete die fast ausschließlich von Özdemirs Beliebtheit getriebene Aufholjagd. Und ein zunehmend nervöser Hagel, dessen CDU in Umfragen im Sommer noch neun Prozentpunkte vor den Grünen lag, machte in seiner Unerfahrenheit Fehler, die ihn entscheidende Stimmen gekostet haben dürften. Der Jubel am Sonntagabend kannte jedenfalls keine Grenzen bei den Grünen: In den ersten Prognosen lag die Partei noch deutlich vorn und hielt zumindest einen knappen Vorsprung auch im endgültigen Wahlergebnis - selbst wenn die CDU in Landtagsmandaten gerechnet nun gleichauf war. Dennoch wollten nach Zweitstimmen gerechnet 27.279 mehr Wähler Özdemir zum neuen Landesvater haben als es Stimmen für Hagel gab.
Nur kurz wackelte die unausweichliche Regierungsbildung. Die auf zehn Mandate geschrumpfte SPD konnte schließlich keinem der beiden zu einer Mehrheit verhelfen, und die AfD bleibt auch im Ländle isoliert. Besonders im Ländle sogar, denn ihre Ideen passen nicht zum Wirtschaftsmodell der Industrieregion mit ihren zahlreichen international agierenden Mittelständlern und lauter ausländischen Fachkräften. Was also anderes tun, als sich zusammenzuraufen? Die Christdemokraten trotzten den Grünen das Amt des Landtagspräsidenten ab, ein Ministeramt mehr als es grüne Minister gibt, einen zusätzlichen Staatssekretär und ein insgesamt mächtigeres Innenressort für den künftigen Innenminister Manuel Hagel.
Inhaltlich verständigten sich Grüne und CDU auf Maßnahmen zum Bürokratieabbau, auf eine Schwerpunktförderung der heimischen Autoindustrie und auf mehr Unterstützung für innovative Unternehmen. Das letzte Kita-Jahr vor der Einschulung soll gebührenfrei werden. Der Vegetarier Özdemir, der als Schlüsselkind nach der Schule oft wochenlang nur Currywurst zu Mittag aß, setzte zumindest an Schulen in sozial schwachen Lagen ein kostenloses Essen durch. Hagel darf dafür den Ausbau der Überwachung des öffentlichen Raums mit KI-gestützten Videosystem vorantreiben. Das mag den Grünen nicht gefallen, Özdemir hatte sich aber schon als Landwirtschaftsminister das Werben für mehr innere Sicherheit zu eigen gemacht.
Özdemir hat eine "Koalition der Mitte" angekündigt. Er wird sich am Kretschmann-Motto "erst das Land, dann die Partei" orientieren und dabei keinen Konflikt scheuen mit den Grünen im Bund - die dennoch froh sein werden, ihn zu haben. Und auch seine weiteren Erfolgschancen sind erheblich: Besser vorbereitet als Özdemir jedenfalls ist kaum ein Ministerpräsident jemals neu ins Amt gekommen.