Politik

Wie die Terroristen gefasst wurden "Deutschland steht im Fadenkreuz"

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Die Heinrich-Heine-Allee liegt mitten in Düsseldorf. Hier sollten sich zwei Selbstmordattentäter in die Luft sprengen, so die Bundesanwaltschaft.

(Foto: dpa)

Mindestens drei der vier Terrorverdächtigen kamen als Flüchtlinge getarnt nach Deutschland – mit dem Auftrag, in Düsseldorf einen Anschlag zu verüben. Ein Ziel des IS: in Europa Wut auf Muslime zu schüren.

An das Oderbruch denkt man normalerweise nicht, wenn es um islamistischen Terrorismus geht. Hier, in einer Flüchtlingsunterkunft in der Gemeinde Bliesdorf, wurde am Donnerstag der Syrer Hamza C. von einem Großaufgebot der Polizei festgenommen.

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Die Flüchtlingsunterkunft in Bliesdorf. Hier wurde Hamza C. am Donnerstag festgenommen.

(Foto: dpa)

Der 28-Jährige könnte zu einer Terrorzelle des sogenannten Islamischen Staats (IS) gehören, die möglicherweise einen Anschlag in der Düsseldorfer Innenstadt verüben wollte - noch muss man im Konjunktiv über diese Pläne sprechen, zu wenig Details sind bislang bekannt. Nach Informationen des "Spiegel" sollten insgesamt zehn Attentäter rekrutiert werden.

Die bisherigen Ermittlungsergebnisse zeigten deutlich, "dass Deutschland im Fadenkreuz des IS steht", sagte die CDU-Innenexpertin Nina Warken n-tv.de. "Wir haben es weiterhin mit einer sehr ernsten Bedrohungslage zu tun." Ihr SPD-Kollege Burkhard Lischka bestätigt diese Einschätzung: "Der IS will auch in Deutschland Anschläge verüben, wenn er die Möglichkeit dazu hat."

Neben Hamza C. wirft die Bundesanwaltschaft zwei weiteren Syrern vor, Mitglied der Terrororganisation Islamischer Staat zu sein. Ein vierter Syrer, Mahood B., der am Donnerstag nach Informationen der "Westdeutschen Allgemeinen" vor dem Rathaus der Stadt Mülheim in NRW verhaftet wurde, wird von den Ermittlern als IS-Unterstützer geführt.

Mindestens drei der vier Verdächtigen kamen als Flüchtlinge nach Deutschland. Damit scheint ein Horrorszenario wahr zu werden: Terroristen nutzen die Flüchtlingsbewegungen aus Syrien, um unerkannt nach Deutschland zu kommen.

Möglichst viele Passanten sollten getötet werden

Der Terrorismus-Experte Michael Ortmann geht davon aus, dass es dem IS mit der Entscheidung, Terroristen als Flüchtlinge getarnt nach Europa zu schicken, auch darum ging, "in Europa die Wut auf Muslime zu schüren". Auch Lischka sagt, die Tatsache, dass der IS gezielt Attentäter über die Flüchtlingsrouten schicke, diene dem Zweck, die Flüchtlinge als Sicherheitsrisiko zu diskreditieren. "Wir dürfen aber nicht vergessen, dass die meisten Hinweise über mögliche Terroristen unter den Flüchtlingen von Flüchtlingen selbst kommen."

Laut Bundesanwaltschaft hatten sich Hamza C. und Saleh A. im Frühjahr 2014 in Syrien dem IS angeschlossen. Dort hätten sie von der Führungsebene der Terrormiliz den Auftrag erhalten, in der Altstadt von Düsseldorf einen Anschlag zu verüben. Zwei Selbstmordattentäter sollten sich auf der Heinrich-Heine-Allee in die Luft sprengen. Zwei weitere Attentäter sollten mit Gewehren und weiteren Sprengsätzen möglichst viele Passanten töten – ein Plan, der an das Vorgehen der Terroranschläge von Paris und Brüssel erinnert.

Schon im Mai 2014, also vor Beginn der großen Flüchtlingsbewegungen, seien Hamza C. und Saleh A. in die Türkei gereist. Von dort sollen sie im März beziehungsweise im Juli 2015 getrennt über Griechenland weiter nach Deutschland gereist sein. Spätestens im Januar 2016, so die Bundesanwaltschaft, hätten die beiden Mahood B. dafür gewonnen, sich an dem Anschlag zu beteiligen. Etwa zur selben Zeit kam ein vierter Mann zu der Gruppe, Abd Arahman A. K., der schon im Oktober 2014 im Auftrag des IS nach Deutschland gereist war. Er sollte die Sprengwesten zusammenbasteln – eine Aufgabe, die er bereits 2013 in Syrien für die Nusra-Front erledigt haben soll. Abd Arahman A. K. wurde in einem Wohngebiet in Leimen südlich von Heidelberg verhaftet.

Hamza C. tauchte unter – und kam für 390 Euro zurück

Dass es nicht zu dem Anschlag kam, liegt vor allem an Saleh A. Er setzte sich nach Frankreich ab, wo er am 1. Februar den französischen Behörden von den Plänen erzählte. Terrorismus-Experte Ortmann betont allerdings, dass der Ermittlungserfolg keineswegs nur auf Glück zurückzuführen sei. Gute Polizeiarbeit sei auch im Spiel gewesen. "Denn es reicht nicht, nur einen Hinweis zu bekommen. Man muss die Hinweise, die nicht immer sehr konkret sind, auch überprüfen, sie auf Glaubwürdigkeit abklopfen und die nötigen gerichtsverwertbaren Beweise sammeln, ohne dass die Überwachten Verdacht schöpfen."

Für den SPD-Politiker Lischka zeigt der aktuelle Fall, wie wichtig die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen den Sicherheitsbehörden ist. "Von daher ist das in dieser Woche ins Kabinett eingebrachte Anti-Terror-Paket ein weiterer wichtiger Baustein, um dieser notwendigen Kooperation Rechnung zu tragen." Das sieht die CDU-Abgeordnete Warken ähnlich. "Die Terroristen sind gut vernetzt und agieren über Landesgrenzen hinweg", sagte sie n-tv.de. "Deshalb ist es wichtig, dass wir die Beratungen zum neuen Anti-Terror-Paket kommende Woche zügig voranbringen." Der Gesetzentwurf sieht einen verbesserten Datenaustausch des Bundesamts für Verfassungsschutz mit ausländischen Nachrichtendiensten und mit deutschen Sicherheitsbehörden zu potentiellen Gefährdern vor.

Schon die Festnahme von Hamza C. sei "das Ergebnis einer langen und gemeinsamen Observation" gewesen, sagte Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter dem Sender RBB. In Brandenburg gebe es eine niedrige zweistellige Zahl an Gefährdern, so der SPD-Politiker. Bei den Ermittlungen setze man auch auf Hinweise aus Flüchtlingsunterkünften, wenn es dort den Verdacht auf islamistische Betätigungen gebe. Schließlich seien die Flüchtlinge vor dem islamistischen Terror geflohen und hätten ein hohes Interesse, die Sicherheitsbehörden in solchen Fällen zu informieren.

Ein bisschen Glück scheint bei der Festnahme im Oderbruch allerdings auch dabei gewesen zu sein. Hamza C. habe sich drei Monate lang nicht in Bliesdorf blicken lassen, schreibt die "Märkische Allgemeine". Laut RBB erschien er erst am vergangenen Mittwoch wieder in seiner Unterkunft, um seine Unterstützungsleistung in Höhe von knapp 390 Euro abzuholen.

Quelle: ntv.de