Politik

Zeitenwende auf Kuba Díaz-Canel, der neue Mann der Revolution

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Der alte und der neue kubanische Staatschef: Raúl Castro (r.) mit Nachfolger Miguel Díaz-Canel.

AP

Wer ist der neue kubanische Staatschef - Rockstar, Reformer oder knallharter Kommunist? Miguel Díaz-Canel lässt sich kaum in die Karten schauen. Aber zumindest hält Vorgänger Raúl Castro ihn nicht für einen "Retortenspitzenpolitiker".

Wegen seines Politikstils war er früher populär wie ein Rockstar, wird sich erzählt. Ein dünner junger Mann mit langen Haaren, der amerikanische Musik hörte, mit dem Fahrrad durch die kubanische Provinz fuhr und sich für die Rechte von Minderheiten einsetzte; wenn es sein musste, auch gegen das strikte sozialistische Regime. Ab sofort, Jahrzehnte später, steht Miguel Díaz-Canel an der Spitze Kubas. Der 57-Jährige wird der erste sein, der nicht Castro heißt und nicht zu den ursprünglichen Revolutionären der Insel gehört. Fidels jüngerer Bruder Raúl ist nach zwölf Jahren abgetreten, er wird bald 87 Jahre alt.

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Der neue starke Mann auf Kuba: Miguel Díaz-Canel.

(Foto: picture alliance / Irene Perez/C)

Díaz-Canel ist eine andere, jüngere Generation, war aber bereits seit einigen Jahren die Nummer zwei in Kuba. Wer ist er, dass ihm von der Kommunistischen Partei zugetraut wird, den Karibikstaat zu führen? Was können die rund elf Millionen Kubaner erwarten?

Díaz-Canel erlebte seine politischen Anfangsjahre ab 1994 in seiner Heimatprovinz Villa Clara. Dort soll er sich auch dadurch einen Namen gemacht haben, weil er die Existenz der Bar "El Mejunje" verteidigte, das damalige Epizentrum der Gemeinschaft nicht heterosexueller Kubaner. Danach war er auch für die Region der Castro-Brüder verantwortlich, die Provinz Holguín im Osten der Insel. Lässig und in alten Hemden gekleidet wie das linke Idol Che Guevara; so soll der junge Díaz-Canel dort unterwegs gewesen sein.

Kubas neuer Präsident hat sich hochgearbeitet, durch alle Ränge in der konkurrenzlos regierenden Kommunistischen Partei PCC. Díaz-Canel ist aber auch Ingenieur, er diente zudem in einer Luftabwehreinheit. Sein Beruf deutet darauf hin, warum er von Raúl so gefördert wurde: Beide sind Pragmatiker. Fidel arbeitete mit Charisma, Populismus und kommunistischer Ideologie. Die Probleme, die daraus folgten, löste häufig Raúl. Er war der Organisator, der Kuba am Leben hielt. Díaz-Canel muss ähnliches leisten können.

Díaz-Canel ist kein Selbstdarsteller, kein "Retortenspitzenpolitiker", wie Raúl Castro andere verächtlich bezeichnete - das half ihm an die Spitze. Für Raúl ist er der richtige Mann, um die eingeleiteten Reformen weiterzuführen und Kuba auch durch die schwierige Zeit der wieder angespannten Beziehungen zu den USA zu lenken. Der neue Staatschef selbst sagte über die Aufgaben von Politikern, man müsse "den Menschen zuhören und ein Gefühl für ihre Probleme bekommen".

Nicht dem "Honig der Macht" erlegen

Als Díaz-Canel in den 90er Jahren Funktionär wurde, war er 33 Jahre alt. Im Jahr 2009 wurde er zum Bildungsminister berufen, 2013 zum Vizepräsidenten Kubas. Raúl sagte: "Der Kamerad Díaz-Canel ist kein Anfänger und kein Provisorium". Von da an war er Castros Nummer zwei und dessen linke Hand. Er betrat das internationale Parkett nur wenige Male, indem er Staatsgäste in Havanna empfing sowie den großen politischen Verbündeten Russland und Venezuela offizielle Besuche abstattete. Bei solchen Reisen rückte Díaz-Canel von einer Tradition der Insel ab: Er nahm seine Frau Lis Cuesta mit.

Die jetzige Wahl Díaz-Canels durch das Parlament galt zwar als ausgemacht, aber offiziell war die Kandidatur nie angekündigt worden. "Es gibt immer Überraschungen, wir werden sehen", hatte Mariela Castro vor rund einem Jahr zur Nachfolge ihres Vaters gesagt. Es gab vor Díaz-Canel andere, die als mögliche Nachfolger gehandelt wurden, es aber nicht schafften, sich im Schatten der Castros zu halten. Der ehemalige Außenminister Roberto Rabaina etwa wurde 1999 ohne Angabe von Gründen abgesetzt und drei Jahre später wegen Korruption und "Untreue" aus der Partei ausgeschlossen. So auch Ex-Vizepräsident Carlos Lage im Jahr 2009, weil er dem "Honig der Macht" erlegen sei.

Unterschiedliche Signale

Díaz-Canel könnte sich als Reformer entpuppen, aber Andeutungen in diese Richtungen gibt es bislang kaum. Im Jahr 2013 etwa sagte er, in Zeiten des Internets etwas zu verbieten sei praktisch unmöglich, "das macht keinen Sinn". Im August vergangenen Jahres sah es zunächst so aus, als habe er sich von dieser Einstellung zur Pressefreiheit verabschiedet. Da wetterte er, das US-Medium "OnCuba", das von der Insel aus berichtet, führe einen "kulturellen Krieg (...) gegen die Revolution", und kündigte an, die Seite schließen zu lassen. Geschehen ist dies bislang aber nicht.

Díaz-Canel sieht sich großen Problemen gegenüber, vor allem wirtschaftlichen. Im Jahr 2016 schrumpfte Kubas Wirtschaft um 0,9 Prozent und zugleich erstmals seit den 90er Jahren, als die Sowjetunion als Schutzmacht und der europäische Ostblock als Handelspartner wegfielen. Nun stehen sich Fürsprecher eines rigiden sozialistischen Kurses im Sinne Fidel Castros oder eines etwas moderateren, wie ihn Raúl mit der Zulassung von Ich-AGs angestoßen hat, gegenüber. Der politische Verbündete Venezuela kann nicht helfen, hat selbst größte Probleme und bräuchte Unterstützung von außen, um den wirtschaftlichen Kollaps abzuwenden.

Der neue Präsident Kubas trägt zwar keine Uniform und er gehört auch nicht zu denen, die das kubanische System etablierten. Aber über Díaz-Canels Pläne ist kaum etwas bekannt. Auch vergangenen Monat gab er sich rhetorisch absolut linientreu. "Wir werden den revolutionären Weg weitergehen, der Triumphmarsch der Revolution geht weiter." Sollte Díaz-Canel tatsächlich einmal der junge Wilde gewesen sein, könnten sich seine politischen Unebenheiten an der Castro'schen Härte abgeschliffen haben. Oder er wartet einfach ab. Im Jahr 2021 will Raúl auch als Chef der Kommunistischen Partei abtreten.

Quelle: n-tv.de

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