Politik

Was wird aus der Impfkampagne? Die Angst vor Astrazeneca kehrt zurück

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Berlin, Brandenburg und die Stadt München setzen die Impfung mit Astrazeneca für jüngere Frauen vorerst aus.

(Foto: imago images/Martin Wagner)

Es sollte ein sicherer und wirksamer Impstoff sein, aber Astrazeneca kann seinen schlechten Ruf nicht retten. Viele Impfberechtigte verzichten auf eine Spritze. Nun treten erst Kliniken, dann ganze Bundesländer auf die Bremse. Was bedeutet das für die Impfkampagne in Deutschland?

Erst vor zwei Wochen stoppt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Impfung mit dem Vakzin des Herstellers Astrazeneca. Der Grund: Mehrere Fälle mit Hirnvenenthrombosen treten im zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung auf. Nach einer Prüfung gibt die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) grünes Licht, das Mittel kommt auch in Deutschland wieder zum Einsatz - doch nur für kurze Zeit. Nach neuen Todesfällen stoppen mehrere Kliniken die Verimpfung und lösen damit geradezu eine Welle aus. Ein Überblick:

Was ist das aktuelle Problem mit Astrazeneca?
Die Stadt Rostock und der Kreis Euskirchen waren die ersten: Nach zwei Todesfällen bei Frauen im zeitlichen Zusammenhang mit einer Astrazeneca-Impfung sowie einer Diagnose von Hirnvenenthrombose handelten die Zuständigen. Die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein im Kreis Euskirchen und die Unimedizin Rostock sowie das dortige Impfzentrum stoppten die weitere Verimpfung des Wirkstoffs bei bestimmte Risikogruppen. Als besonders gefährdet gelten Frauen unter 55 Jahren oder Nutzerinnen der Antibabypille, Menschen mit Bluthochdruck oder mit Übergewicht. Auch wenn der Zusammenhang zwischen dem plötzlichen Tod und der Impfung bei der 49-jährigen Mitarbeiterin der Rostocker Unimedizin noch nicht abschließend geklärt ist, hatten sich Klinikleitung und Gesundheitsamt zu diesem Schritt entschlossen.

Heute nun zogen diese Vorfälle im Stundentakt weitere Appelle und Maßnahmen nach sich: Vier nordrhein-westfälische Kliniken, darunter die Uniklinik Köln sprachen sich für einen vorläufigen Impfstopp bei jüngeren Frauen aus. Das Risiko von weiteren Todesfällen sei zu hoch, heißt es in einem gemeinsamen Brief an den Bundes- und den Landesgesundheitsminister. Die Kölner Klinik prüft bei einer Patientin den Zusammenhang einer Thrombose mit einer Astrazeneca-Impfung.

Es folgten die Berliner Charité und das landeseigene Vivantes Klinikum mit Aussetzungen der Impfungen von Frauen unter 55 Jahren beim eigenen Personal, bevor Dilek Kalayci, Gesundheitssenatorin der Hauptstadt, für ganz Berlin die Verimpfung an Frauen und Männer unter 60 Jahren aussetzen ließ. Inzwischen haben auch die Stadt München und das Land Brandenburg denselben Schritt eingeleitet. Am frühen Abend stoppte auch Nordrhein-Westfalen die Impfungen mit dem britisch-schwedischen Vakzin.

Ab Mittwoch soll Astrazeneca dann in allen Bundesländern nur noch für Personen ab 60 Jahren eingesetzt werden, beschlossen nun die Gesundheitsminister von Bund und Ländern. Jüngere könnten sich "nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoanalyse nach sorgfältiger Aufklärung" weiterhin damit impfen lassen, wie aus dem Beschluss von Dienstagabend hervorgeht. Das Land Kanada hatte schon am Montag mitgeteilt, dass es Personen unter 55 Jahren vorerst nicht mehr mit dem Wirkstoff von Astrazeneca impft.

Wie ist der Kenntnisstand?
Laut Paul-Ehrlich-Institut waren bis Anfang dieser Woche 31 Personen von einer Sinusvenenthrombose betroffen. Mit Ausnahme von zwei Fällen beträfen alle Meldungen Frauen im Alter von 20 bis 63 Jahren. Zwei Männer erkrankten, sie waren 36 und 57 Jahre alt. Neun Todesfälle gibt es bislang.

Das Bundesgesundheitsministerium gibt an, dass die Mehrzahl der schweren Fälle zwischen 7 und 14 Tagen nach der Impfung und überwiegend bei Frauen unter 55 Jahren auftrat. Unter den 31 Betroffenen sind auffällig wenig Männer, allerdings wurde das Vakzin bislang auch an weit mehr Frauen als an Männer verimpft, besonders an Frauen unter 55 Jahren, denn diese machen einen großen Anteil im Pflegepersonal in Kliniken sowie Erziehung und Bildung aus. Es ist darum noch nicht abschließend geklärt, um wieviel größer das Risiko für Frauen ist, sich als Nebenwirkung eine Hirnthrombose zuzuziehen, als für Männer.

Kommt die Impfkampagne nun stark ins Stocken?
Knapp 3,9 Millionen Dosen des Astrazeneca Impfstoffs wurden bis Ende März für den Gebrauch in Deutschland geliefert, damit liegt das Unternehmen weit unter seinen Zusagen (5,7 Millionen) und hat bislang rund ein Viertel der in Deutschland angewandten Vakzine zur Verfügung gestellt. Dieser Anteil wird im kommenden Quartal allerdings planmäßig geringer ausfallen. Bislang wurden laut Robert-Koch-Institut knapp 2,7 Millionen Dosen verimpft.

Zwar wollen sowohl Biontech als auch Astrazeneca die Liefermengen ab April deutlich anziehen, so dass das Verhältnis in etwa gleich bleiben würde. Aber mit Johnson & Johnson kommt dann ein weiterer Player ins Spiel, dessen Lieferung von etwa 10 Millionen Dosen unterm Strich doppelt zählt, da mit diesem Vakzin nur eine Impfung nötig ist. Würde Astrazeneca ab April komplett ausfallen, so müsste Deutschland geschätzt auf ein Siebtel seiner bis Juni geplanten Impfstoffmenge verzichten. Möglicherweise jedoch kann die Risikogruppe für Nebenwirkungen soweit eingegrenzt werden, dass eine Verimpfung mit dem als wirksam erachteten Vakzin fortgeführt werden könnte für Personen, die kein erhöhtes Risiko für eine Thrombose haben.

Wie sind die nächsten Schritte?
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder ging heute noch einen Schritt weiter als diejenigen, die einen Impfstopp verkündeten: Er plädierte dafür, das Vakzin von Astrazeneca bei der Priorisierung freizugeben. Er habe "insgesamt kein gutes Gefühl" bei den Einschätzungen der Experten zum Impfstoff. Daher müsse man "irgendwann mit sehr viel Freiheit operieren" und sagen: "Wer will und wer sich's traut, der soll auch die Möglichkeit haben."

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Corona-Impfung mit Astrazeneca angesichts "verfügbaren, allerdings noch begrenzten Evidenz" seit dem Abend nur noch für Menschen über 60 in Deutschland. Ebenfalls am frühen Abend berät Gesundheitsminister Jens Spahn mit seinen Kollegen aus den Ländern über den Einsatz von Astrazeneca. Spahn werde dann einen Vorschlag für das weitere Vorgehen vorlegen, heißt es. Später schaltet sich auch noch die Kanzlerin ein: Angela Merkel will sich mit den Länderchefinnen und -chefs zusammenschalten, um über das weitere Vorgehen bezüglich Astrazeneca zu sprechen. Spahn und Merkel geben anschließend eine gemeinsame Pressekonferenz.

Quelle: ntv.de

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