Politik

"Ich bin im Kiosk" Die "Charlie"-Jäger haben kein Glück

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Eine lange Schlange vor einem Kiosk in Paris.

(Foto: Reuters)

Eine Woche nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" wird die neue Ausgabe des Satiremagazins den Zeitungshändlern aus den Händen gerissen. Einige Kunden bieten sie bei Ebay an. Andere lachen sich einfach schlapp.

Es ist noch dunkel in Paris. In der Avenue de Flandre im Norden der Stadt ist kaum etwas los. Nur vor dem Kiosk direkt bei der Metro-Haltestelle Crimée hat sich eine Gruppe von Menschen versammelt. Blickt man in die Runde, so sieht man durchwegs enttäuschte Gesichter. "Charlie Hebdo, davon gibt's keine mehr", sagt der Mann hinter dem Tresen. Und dabei ist es gerade mal 6.30 Uhr.

"Innerhalb von 20 Minuten war alles weg", erzählt Kiosk-Inhaber Patricio. In den letzten Jahren hatte er wöchentlich nicht mehr als 20 Ausgaben der Satirezeitschrift im Angebot, und davon blieben meist einige übrig. An diesem Morgen waren es rund 250. "Als ich um 5 Uhr hier ankam, warteten schon zahlreiche Menschen vor meinem Stand. So etwas hab ich in den letzten 20 Jahren nicht erlebt. Um 6 Uhr waren es knapp hundert. Manche haben sogar angefangen, sich zu streiten", erzählt er.

Patricio ist nicht der einzige Händler, dessen Kiosk gestürmt wurde. In ganz Frankreich haben die Menschen heute versucht, eine der heiß begehrten Ausgabe zu ergattern. Bereits gegen 10 Uhr morgens war "Charlie" in allen 27.000 Zeitungsläden des Landes ausverkauft. In den nächsten Tagen soll Nachschub kommen, die Auflage von drei Millionen Exemplaren, die die Redaktion nach dem blutigen Anschlag angekündigt hatte, wurde inzwischen auf fünf Millionen erhöht. Zum Vergleich: Normalerweise hat "Charlie Hebdo" eine Auflage von 60.000 Exemplaren. Jetzt sollen allein 300.000 Exemplare ins Ausland geliefert werden, in über 20 Länder. Einige Medien in Frankreich berichten, dass die Ausgabe in fünf Sprachen übersetzt werden soll. Andere sprechen von bis zu 16 Sprachen.

"Großzügig und schmerzhaft zugleich"

Auf die grüne Titelseite des begehrten Blattes haben die Journalisten erneut eine Mohammed-Karikatur gesetzt. In der Hand ein Schild mit der Aufschrift "Je suis Charlie" kullert dem Propheten eine Träne die Wange hinunter. Der Titel darüber erfordert Größe: "Tout est pardonné" - alles ist vergeben. "Diese Titelseite zu machen war so schwer, wie den Tod unserer Freunde zu verdauen. Und sie ist lustig, ich denke das ist das Wesentliche. Es ist eine Nachricht von Charlie, kommt damit klar", hatte der Zeichner Luz in einem Video der linksliberalen Zeitung "Libération", die den Journalisten derzeit ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellt, gesagt.

"Es ist eine Titelseite ganz im Stil von Charlie Hebdo. Ich finde sie großzügig und schmerzhaft zugleich", sagt Laurence Goldenfahn. Wie viele Pariser ist sie extra früh aufgestanden, um eine Ausgabe zu ergattern. Allerdings vergebens. "Nicht mal geduscht habe ich noch", seufzt sie enttäuscht.

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Schnell in die Tasche damit: Wer ein Exemplar ergattert hat, steckt es rasch ein.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Pariserin bleibt nichts anderes übrig, als am nächsten Morgen wiederzukommen. Denn bis zum 19. Januar werden die Kioske jeden Tag mit neuen "Charlie Hebdo"-Ausgaben beliefert. "Viele Kunden wollen im Vorhinein reservieren", sagt Patricio etwas genervt. Er legt die Zeitung nur für diejenigen zur Seite, die sie regelmäßig lesen.

70 Euro bei Ebay

Ein Stück die Straße runter, an der Haltestelle Corentin Cariou, besteht noch Hoffnung. Der Kiosk öffnet erst um 7 Uhr. Doch auch hier haben sich bereits zahlreiche Menschen eingefunden. Zehn Minuten lang geht das Heft über die Theke, dann ist auch hier Schluss.

"Ich hätte nicht gedacht, dass die Leute so früh aufstehen", schmunzelt Leo Rouabah, der eines der letzten Exemplare erbeutet hat. Schnell steckt er es in die Innentasche seiner Jacke, wo schon zwei weitere Hefte liegen. "Ich habe fünf Kioske abgeklappert und gerade mal drei Exemplare gefunden", sagt der 23-Jährige.

In der Regel verkaufen die Kiosk-Betreiber nicht mehr als fünf Hefte pro Person. Denn manche Kunden nehmen, so viel sie bekommen können. Auf Ebay wird die Zeitung inzwischen für rund 70 Euro angeboten.

Plötzlich kommt ein Straßenarbeiter auf die enttäuschte Menge zu. Aufgeregt wedelt er mit seinem Smartphone. "In der Tabak-Bar um die Ecke, in der nächsten Querstraße, da gibt es noch welche!", ruft er. Sogleich sprinten fünf Frauen los. Aber sie werden abermals enttäuscht. "Ich habe um 7 Uhr geöffnet, um 7.10 Uhr war nichts mehr da", sagt die Inhaberin Naima Abdelouhab.

Wer eine Ausgabe hat, verstaut sie schnell

Sie hatte heute sechzig "Charlie"-Exemplare zum Verkauf. Davor waren es vier bis fünf. "Aber ich verkaufe in der Regel nur eines, an einen Stammkunden", erzählt sie. Gut zehn Kunden muss Abdelouhab in den nächsten 15 Minuten wieder nach Hause schicken. Nur für ihren Stammkunden hat sie eine Ausgabe zur Seite gelegt. Mit dem Inhalt der Zeitung hat die Muslimin kein Problem: "Es kann jeder sagen, was er will. Die Religion spielt da doch keine Rolle. Wichtig ist, dass Frieden herrscht. Schließlich sind wir alle Franzosen." Ein älterer Kunde widerspricht ihr: "Ich habe die Zeitung gekauft, um zu sehen, was wirklich drin steht. Aber die Bilder finde ich nicht ok."

Unterdessen hat Abdelouhab fünf weitere enttäuschte Kunden weggeschickt. Die "Charlie"-Jäger haben selbst bei den großen Zeitschriftenläden der Bahnhöfe kein Glück. Am Kiosk des Gare de l'Est kleben bereits mehrere Zettel an der Vitrine "Y'a plus de Charlie Hebdo" - kein "Charlie Hebdo" mehr - steht mit Filzstift darauf gekritzelt.

Wer doch noch eine Ausgabe ergattern konnte, verstaut diese schnell in seiner Tasche. In der Metro sieht man das grüne Titelblatt an diesem Morgen kaum in den Händen der Passagiere. Die Fahrgäste vertiefen sich eher in ihre Bücher, die Gratiszeitung "Metro" oder eine Ausgabe der "Libération", die heute 81 kleine Charlie-Titelseiten auf ihrer Titelseite abgebildet hat. In der gleichen Schriftart wie die zahlreichen "Je suis Charlie"-Plakate steht darüber: "Je suis en kiosque" - ich bin im Kiosk. Wobei "war" hier wohl der passendere Ausdruck wäre.

Auch in den Cafés bekommt man das Satire-Magazin kaum zu sehen. "Wo haben Sie die denn bekommen, zeigen Sie mal!", ruft der Kellner Amoar Amarouche des "Royal Est Café" nahe des Gare de l'Est, als eine Kundin das begehrte Blatt aus der Tasche zieht. Angegriffen fühlt sich der 36-jährige Muslime durch die Karikaturen in keinster Weise: "Das ist doch der Punkt der Freiheit, dass jeder sagen kann was er will. Ich verstehe, dass der Inhalt manchen Menschen nicht gefällt, aber das ist noch lange kein Grund, die Waffe rauszuholen!" Mit zwei Freunden macht er sich über den Inhalt her und bricht sogleich in Gelächter aus: "Ich hab's euch ja gesagt, die sind echt witzig", grinst er und deutet auf eine Karikatur, die zwei Dschihadisten im Jenseits zeigt. "Wo sind jetzt die 70 Jungfrauen?", fragt einer der beiden. Daneben die Antwort: "Bei der Belegschaft von Charlie, ihr Flaschen!"

Quelle: ntv.de