Politik

Was britische Wähler sagen "Die Lösung wäre ein sauberer Brexit"

140d8121d04c5b7bfa8cb2f9fcf55c38.jpg

Vor dem Parlament in London demonstrieren Wähler für den Brexit.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Großbritannien ist zerrissen zwischen Brexit-Fans und Brexit-Gegnern. Selbst die Befürworter des EU-Austritts sind nicht einig, auf welche Art der Abschied von der Europäischen Union erfolgen soll. Von außen wirkt das ziemlich chaotisch. Und von innen? In loser Folge lassen wir ganz normale Briten zu Wort kommen. Heute: der Rentner Bill Regan, der in der Nähe des südenglischen Brighton lebt. "Theresa May hat aus ihren Fehlern nichts gelernt. Wenn der Brexit nun verschoben wird, wird alles nur noch undurchsichtiger", sagt er.

"Ich habe früher für eine Spielzeugfabrik gearbeitet, die in die ganze Welt exportiert hat. Auch wenn ich kein Experte für Import/Export bin, weiß ich doch, was in der Welt vor sich geht. Ich bin über siebzig, aber noch nicht senil.

Warum ich für den Brexit gestimmt habe? Zunächst sollte ich sagen, dass ich 1975, im ersten europäischen Referendum, mit "Ja" gestimmt habe. Damals fragte eine Labour-Regierung die Briten, ob sie in der Europäischen Gemeinschaft bleiben wollen, der wir zweieinhalb Jahre vorher beigetreten waren. Ich habe damals für eine Handelspartnerschaft gestimmt. Leider hatten wir keine Gelegenheit, für die Verträge zu stimmen, die danach kamen. Die haben Europa zu sehr integriert. Ich weiß, dass die Europäische Union gegründet wurde, um Kriege zu vermeiden, aber ich glaube nicht, dass es in Europa in Zukunft Kriege gibt.

Als EU-Mitglied wird Großbritannien in Brüssel und Straßburg von Leuten dominiert, die nicht gewählt wurden. Sie haben kein Recht, über unser Schicksal zu bestimmen, absolut keines. Wenn ich mit meinem Abgeordneten in London nicht zufrieden bin, kann ich einen anderen wählen. Aber ich habe keine Wahl, wenn es um Europa geht. Die Abgeordneten haben doch nichts zu sagen. Sie machen nur, was die Kommissare und Bürokraten in Brüssel wollen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel dafür, wie Europa versagt. Vor etwa zehn Jahren versuchten die Abgeordneten zum wiederholten Male, Straßburg als Tagungsort des Europäischen Parlaments abzuschaffen. Die Franzosen haben ein Veto dagegen eingelegt, also ist das Parlament noch immer in Straßburg. Solche Dinge lassen Europa dämlich aussehen.

Und wie viele wichtige Posten hatten wir in den letzten 45 Jahren? Keinen einzigen. Wir wurden über den Tisch gezogen. Die wichtigsten Jobs werden an die vergeben, die am wenigsten Probleme verursachen. Die Briten bekommen die Jobs nicht, weil sie ständig Ärger machen. Wer das Ganze kontrolliert sind Merkel und ihre Leute, das ist offensichtlich.

Der zweite Grund, warum ich für den Brexit gestimmt habe, ist, dass ich die Möglichkeit haben will, mit dem Rest der Welt Handel zu treiben. Das geht in Europa einfach nicht. Ich glaube, der Brexit wird uns die Welt öffnen. Als ich zur Schule ging, sagte man, dass die Sonne über dem britischen Empire nie untergeht. Auf den Weltkarten war überall ein hübscher rosa Schimmer zu sehen. Heute sind wir die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt. Aber wir können nicht mit der Welt handeln, nur zu den Bedingungen und Regeln des europäischen Binnenmarkts. Wenn Europa nach dem Brexit unser Zeug nicht mehr will, verkaufen wir es eben woanders. Im Warenhandel mit Europa haben wir ein Defizit von 95 Milliarden Pfund. Ich glaube nicht, dass die EU das verlieren möchte.

Das größte Problem, das wir mit Europa haben, ist die Bürokratie. Ich muss allerdings auch sagen: Die Europäische Union hat in den schwächeren Mitgliedsländer die Infrastruktur massiv ausgebaut, das gehört eindeutig zu den Leistungen, die man nicht genug loben kann. Ich war letztes Jahr im Baltikum, da kann man sehen, wofür das Geld ausgegeben wurde. In Ländern wie Spanien, Italien und Griechenland war das auch so. Wenn aber keine Infrastruktur mehr aufgebaut wird, wächst die Arbeitslosigkeit. Dies ist es, was 2008 passierte. Und wir Briten mussten Griechenland, Portugal und Spanien unterstützen, obwohl wir nicht im Euro sind. Seitdem haben sich die europäischen Länder nicht wirklich erholt - außer Deutschland. Und Irland, sie haben das hervorragend gemacht. Als die Probleme anfingen, senkte Irland die Gehälter der Beamten. Innerhalb von zwei oder drei Jahren ging es für Irland wieder aufwärts. Sie haben das brillant gemacht, viel besser als wir.

Der Backstop

Der Backstop ist eine Notfalllösung für die britische Provinz Nordirland, falls sich die EU und Großbritannien in den nächsten Jahren nicht auf einen Handelsvertrag einigen können. Er würde das Königreich in einer Zollunion mit der EU halten, Nordirland bliebe zudem im Binnenmarkt. Mit dem Backstop will die EU verhindern, dass es wieder zu einer harten Grenze zwischen Nordirland und Irland und einem Wiederaufflammen des Bürgerkriegs kommt.

Aber wo wir gerade von Irland sprechen: 60 Prozent der irischen Exporte gehen nach England. Sie sollten beim Backstop wirklich etwas klüger sein. Es wird keine Probleme an der Grenze zwischen Nordirland und Irland geben, niemals. Weder die Briten noch die Iren wollen eine Grenze. Der Backstop ist einfach Blödsinn. Mir ist klar, dass es eine Rückversicherung sein soll, aber das kann doch nicht unendlich gelten. Mit technologischen Lösungen braucht man heutzutage sowieso keine harte Grenze mehr. Aber die Franzosen werden den Backstop nutzen, um bessere Handelsbedingungen zu erzwingen. Sie wollen vor allem das Recht, in unseren Gewässern Fische zu fangen. Wir haben unsere Fischereirechte an Europa abgegeben. Ich konnte es nicht glauben - unsere Fischereirechte, nur um Teil der Party sein zu dürfen! Wir wurden damals betrogen und ich glaube, wir werden jetzt schon wieder erpresst.

Die Franzosen werden den Backstop ausnutzen, da gibt es gar keinen Zweifel. Erinnern Sie sich an BSE? Wir konnten unser Rindfleisch nicht mehr exportieren. 1999 waren wir BSE-frei und die EU hob das Importverbot von britischem Rindfleisch auf. Aber es dauerte noch drei Jahre, bis die Franzosen dem folgten. Und wo ich gerade bei den Franzosen bin: Tony Blair, der Vollhonk, stimmte zu, dass wir 40 Prozent unseres Rabatts aufgaben. Im Gegenzug wurde ihm versichert, dass die EU die Agrarsubventionen abbauen würde. Aber nichts ist passiert. Ich habe nichts dagegen, Brücken in Litauen oder Estland zu finanzieren. Aber französischen Landwirten will ich nicht Milliarden Pfund zahlen. Die französische Wirtschaft ist ungefähr so groß wie unsere, aber Frankreich erhält pro Jahr rund sechs Milliarden Pfund an Agrarsubventionen. Das ist eine Schande.

*Datenschutz

In Europa gibt es viele Probleme. Wenn ich mir die Nachrichten aus Ungarn, Griechenland, Italien, Spanien, Österreich ansehe... Die Proteste der Gelbwesten in Frankreich - Macron kommt auch nicht mehr zurecht. Und Belgien hat, soweit ich weiß, nicht mal eine ordentliche Regierung. Was in Polen passiert, ist übel. Aus Deutschland hört man von den Problemen mit der AfD. Wir haben wenigstens nur ein einzelnes Problem. Wir haben mit vier Prozent eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in ganz Europa. In Frankreich sind es neun Prozent.

Unser Problem ist: Die meisten unserer Abgeordneten haben "Remain" unterstützt, wollten also in der EU bleiben. Diese Abgeordneten vertreten ihre Wahlkreise nicht. Das ist eine Schande. Die zweite Sache, die all diese Probleme verursacht, ist die Art und Weise, wie die Europäische Union uns dazu gezwungen hat, den Brexit-Deal zu akzeptieren. Man muss aber auch sagen, dass wir keinen guten Vertrag ausgehandelt haben. Der Austrittsvertrag und der Vertrag über die künftigen Beziehungen hätten zeitgleich gemacht werden müssen. Theresa May hat aus ihren Fehlern nichts gelernt. Wenn der Brexit nun verschoben wird, wird alles nur noch undurchsichtiger. Die richtige Antwort wäre ein sauberer Brexit.

Ich denke, die schlimmste Folge eines harten Brexit wäre, dass wir nicht so viele Einwanderer bekommen, wie wir brauchen. Ich bin in einer multikulturellen Gegend in London aufgewachsen. Die einzigen Menschen, die Einwanderer nicht mögen, leben außerhalb der Großstädte, wo sie nie welchen begegnen. Ich denke, das könnte unser größtes Problem werden, weil wir nicht genügend Leute für unsere Krankenhäuser bekommen.

Die Briten sind "Brexit-müde"

  • In einer Umfrage für das Institut YouGov sagten 64 Prozent der Briten, sie seien "Brexit-müde". Das gilt für Anhänger eines Verbleibs Großbritanniens in der EU ebenso wie für jene, die für den Austritt sind.
  • Eine weitere Erhebung zeigt, dass die Briten eine Verschiebung des Brexit ablehnen - allerdings nur mit einer knappen Mehrheit von 43 zu 38 Prozent.
  • Seit dem Referendum 2016 gab es in Umfragen meist eine Mehrheit gegen den Brexit. Aber auch diese Mehrheiten sind in der Regel knapp. Wie ein zweites Referendum ausgehen würde, ist offen.

Ich sehe also ein kurzfristiges Problem auf uns zukommen - vielleicht unterschätze ich das auch ein bisschen. Aber von diesen dummen Geschichten, wie schlimm alles wird und wie wir leiden werden, glaube ich kein Wort. Vielleicht verlieren wir ein oder zwei Unternehmen. Aber England ist ein guter Standort, um zu investieren, Arbeitsplätze zu schaffen und Geld zu verdienen. Vielleicht verlieren wir ein bisschen, aber nicht viel.

Juncker, Barnier und dieser Typ, der uns sowie nicht leiden kann, Tusk - die sind wirklich anti-britisch. Das kann man an allem sehen, was sie tun. Wer sich Sorgen machen sollte, sind die Leute in Deutschland, die ihre Produkte nach Großbritannien exportieren. Deren Stimmen werden nicht gehört. Und niemand wird auf sie hören, wenn sie jetzt nicht anfangen, Merkel anzuschreien. In Deutschland werden viele Arbeitsplätze verloren gehen.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich denke durchaus, dass es Probleme geben wird. Aber nach einem halben Jahr wird alles so sein wie früher. Trotzdem ist es eine aufregende Zeit! Der Brexit hat die Tory-Regierung gespalten, Labour auch. Deren Problem ist, dass sie einen kompletten Idioten als Parteichef haben. Er hat wirklich überhaupt keine Ahnung. Wenn sie einen anderen Vorsitzenden hätten, hätte Labour die Regierung längst übernommen."

Aufgezeichnet von Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema