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Sachsen boomt Die Republik hat ein neues Armenhaus

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"Im Ruhrgebiet haben wir die Probleme, die wir vor 25 Jahren im Osten hatten", sagt der Autor der Studie, Reiner Klingholz.

(Foto: imago/Jochen Tack)

Viele Probleme der neuen Bundesländer sind einer Studie zufolge Vergangenheit. Dafür kriselt es nun gewaltig in einer anderen Region der Republik.

Rund 30 Jahre nach dem Mauerfall bleibt Deutschland ein Land der Gegensätze. Große Teile des Landes werden in den kommenden Jahren mit erheblichen demografischen Herausforderungen zu kämpfen haben, viele Städte und Landkreise blicken einer düsteren wirtschaftlichen Zukunft entgegen. Andere Gegenden florieren: Großstädte wie Hamburg, Berlin oder München werden weiter wachsen. Die Trennlinie zwischen Regionen mit guten Aussichten und solchen mit problematischen Perspektiven verläuft aber nur noch zum Teil entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Das ist das Ergebnis einer demografischen Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Demnach erleben manche Gegenden in den neuen Bundesländern einen regelrechten Boom. Probleme, die es kurz nach der Wende im Osten gab, finden sich nun im tiefen Westen, so die Autoren der Untersuchung.

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"Wir haben diese Studie 2003 zum ersten Mal gemacht", sagt Instituts-Leiter Reiner Klingholz und erinnert an die damaligen Ergebnisse. "Das ganze Land stand damals unter dem Eindruck großer Probleme in Ostdeutschland." Millionen Menschen hätten die neuen Bundesländer verlassen, die Zahl der Geburten sei stark gefallen, die Arbeitslosigkeit gestiegen. Einige dieser Trends seien schon vor Jahren gebrochen. "Die Abwanderung ist seit 2013 gestoppt, das Bevölkerungssaldo ausgeglichen, die hohe Zuwanderung aus EU-Staaten hat den Schrumpfprozess angehalten, die Geburtenzahlen steigen vielerorts", sagt Klingholz bei der Vorstellung der Studie. Also alles gut in Ostdeutschland? Keineswegs. "Die Lücken, die in den 90er-Jahren gerissen wurden, treten jetzt erst zu Tage."

Denn künftig wird die Bevölkerung laut der Studie in allen Bundesländern im Osten zurückgehen, teils drastisch - in Sachsen-Anhalt etwa um 16 Prozent. "23 Kreise und kreisfreie Städte dort werden bis dahin jeden fünften Einwohner verlieren", sagt der Co-Autor der Studie, Manuel Slupina. Im brandenburgischen Spree-Neiße-Kreis käme im Jahr 2035 eine Geburt auf vier Beerdigungen. Mit dem bloßen Abzug der Bevölkerung schwinde in Regionen wie Südbrandenburg auch die Hoffnung, doch noch "wirtschaftlich aufzuschließen". Zwischen diesen demografischen Problemzonen lägen jedoch mehrere "Leuchttürme", wie es Slupina nennt - Leipzig etwa, die am schnellsten wachsende Stadt Deutschlands, oder Dresden, Halle, Erfurt, Jena.

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Das Problem des Bevölkerungsschwundes gestoppt haben Städte wie Dortmund oder Essen. Dafür offenbaren sich im Westen der Republik andere gravierende Probleme - nämlich sobald sich der Blick fort von den reinen Demografiedaten auf die wirtschaftlichen Zukunftsperspektiven weitet. "Das Armenhaus der Republik hat sich in den Westen verlagert", sagt Klingholz. Der Strukturwandel im größten Ballungsraum Deutschlands, dem Ruhrgebiet, sei weiterhin nicht bewältigt worden. Die Auswirkungen machten ganz Nordrhein-Westfalen im Vergleich der Bundesländer "verstärkt zu einer Problemregion". Die Arbeitslosigkeit halte sich hartnäckig, die Zahl der Arbeitsplätze sinke weiter, die Region habe bundesweit die niedrigsten Einkommen, heißt es in der Untersuchung. "Im Ruhrgebiet haben wir die Probleme, die wir vor 25 Jahren im Osten hatten", fasst es Klingholz zusammen. Von 401 Kreisen und kreisfreien Städten in Deutschland attestieren die Forscher Gelsenkirchen die schlechtesten Zukunftsperspektiven. Wenige Plätze davor liegen Herne, Duisburg, Oberhausen und Recklinghausen.

Deutliche Probleme gibt es aber nicht nur im Pott. Auch mehrere Kreise und Städte in Norddeutschland, etwa Wilhelmshaven, Dithmarschen oder Emden haben trübe Aussichten. Die ehemalige Montanregion im Saarland ist ebenso am Ende der Liste vertreten wie Pirmasens in Rheinland-Pfalz, wo nach der Wende tausende Jobs in Bundeswehr- und Nato-Einrichtungen verloren gegangen sind. "In Pirmasens", sagt Klingholz, "ist die durchschnittliche Lebenserwartung im Schnitt sechs Jahre kürzer als in Starnberg". In der Stadt im Umland von München gibt es bundesweit die höchsten Einkommen. Ohnehin ist die Top-20 der Kreise und Städte mit den besten Aussichten fest in der Hand bayerischer und baden-württembergischer Kommunen, angeführt von München, gefolgt von Ebersberg, Heidelberg und Erlangen. Doch in die "Bestenliste" hat es auch eine Stadt aus Ostdeutschland geschafft: Dresden.

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  "Keine Stadt und kein Bundesland hat sich in den vergangenen Jahren so rasant entwickelt", sagt Klingholz. In vielerlei Hinsicht seien Dresden und Sachsen eine "einzigartige Erfolgsstory". Das Bundesland habe seit Jahren das dritthöchste Wirtschaftswachstum in Deutschland, nur in Berlin sei die Arbeitslosigkeit in den neuen Ländern schneller gesunken. Die Beschäftigungsquote gehöre zu den höchsten im bundesdeutschen Vergleich, die Geburtenrate sei vergleichsweise hoch, die Kinderbetreuung deutlich besser ausgebaut als in anderen Gegenden der Republik, so die Studie. Die häufig angeführte Erklärung, wirtschaftliche Perspektivlosigkeit und Ernüchterung hätten die Menschen zu Zehntausenden auf Montagsdemonstrationen in Dresden getrieben, könne nicht gelten, so Klingholz.

Doch in einer Hinsicht seien die Aussichten dann eben doch auch in Sachsen trübe. Bis auf die Zentren werde der Freistaat in den kommenden Jahren massiv an Einwohnern verlieren. Und wenn Arbeitsplätze nicht mehr besetzt werden, könnten sich langfristig auch Arbeitgeber aus der Region verabschieden. "Daher hätte auf den Plakaten bei den Montagsdemos eigentlich stehen müssen: 'Ausländer rein' ", sagt Klingholz.

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Quelle: n-tv.de

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