Politik

Dramatischer Umbruch in SyrienDie USA lassen die Kurden fallen

23.01.2026, 13:12 Uhr
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Machtwechsel in den Kurdengebieten im Osten Syriens: Ein Soldat der Übergangsregierung hält nach dem SDF-Rückzug am al-Omar-Ölfeld in der Provinz Deir-Essor Wache. (Foto: AP)

In Syrien verlieren die Kurden nach Jahren der Selbstverwaltung die Kontrolle. Kämpfer von Übergangspräsident al-Scharaa rücken vor. Gewinner ist nicht nur Damaskus, auch Ankara und Washington wirken mehr als zufrieden. Für die Kurden läuft eine letzte Frist ab.

Im kriegszerrütteten Syrien waren die Kurden ein Hort der Stabilität, im Kampf gegen die fanatischen Kämpfer des "Islamischen Staats" bildeten sie das wichtigste Bollwerk in der Region: Die kurdische Selbstverwaltung in Syrien stieg zum Hoffnungsträger für Kurden in aller Welt auf, der Rückzugsort im Norden und Nordosten des Landes entwickelte sich zum Symbol für das kurdische Streben nach einem eigenen Staat.

Durch die jüngste Offensive der syrischen Übergangsregierung gegen die einst kurdisch kontrollierten Gebiete steht die als "Rojava" bekannte autonome Administration vor dem Ende. Wie konnte es dazu kommen? Und was bedeutet das für die Machtverhältnisse im neuen Syrien?

Wer sind die Kurden?

Die Kurden sind eines der größten Völker ohne eigenen Staat. Insgesamt wird ihre Zahl auf um die 35 Millionen Menschen geschätzt. Genaue Zahlen gibt es nicht. Sie leben vor allem in Ländern wie der Türkei, dem Iran, dem Irak und in Syrien. Unter den ethnischen Minderheiten in Syrien stellen die Kurden die größte Gruppe. Bereits zu Zeiten der gestürzten Assad-Regierung wurden sie weitläufig diskriminiert. Viele von ihnen hatten keine syrische Staatsangehörigkeit.

Im syrischen Bürgerkrieg kämpften sie an der Seite der von den USA angeführten internationalen Koalition im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Die kurdischen Kämpfer konnten große Gebiete einnehmen, darunter mehrere große Städte wie die einstige IS-Hochburg Rakkah, strategisch bedeutsame Staudämme am Euphrat sowie wichtige Ölfelder nahe der irakischen Grenze.

Mehrere große Gefangenenlager mit mutmaßlichen IS-Kämpfern und deren Familien liegen in der Region. Nach dem Sturz des langjährigen Machthabers Baschar al-Assad konnten die Kurden in dem Gebiet jenseits des Euphrats ihre eigene Selbstverwaltung einrichten. Auch im Irak existiert ein kurdisch kontrolliertes autonomes Gebiet, die Region Kurdistan mit der Hauptstadt Erbil.

Was passiert in Syrien?

Nach der Offensive der syrischen Übergangsregierung Mitte Januar steht das Projekt der Selbstbestimmung in Syrien vor dem Aus. Regierungstruppen sind in den vergangenen Tagen und Wochen schnell in die kurdisch kontrollierten Gebiete vorgerückt, haben die kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), den militärischen Arm der Selbstverwaltung, immer weiter zum Rückzug gedrängt. Nun herrscht ein Waffenstillstand. Den Kurden wurden vier Tage gegeben. Sie sollen einen Plan ausarbeiten, um weitere kurdische Institutionen in den Staatsapparat zu integrieren. Die Frist endet am Samstagabend.

Eigentlich hatten sich die Übergangsregierung in Damaskus und die kurdische Führung bereits im März 2025 auf eine Eingliederung der kurdischen Institutionen geeinigt. Umgesetzt wurde das Abkommen nie. Damaskus griff schließlich militärisch durch und brachte immer mehr Gebiete unter seine Kontrolle. Ziel ist es, das Land nach Jahren der Spaltung unter einer Zentralregierung zu einen. Die Grenzübergänge, die Ölfelder und Staudämme stehen nach dem SDF-Rückzug bereits unter Kontrolle der Regierungstruppen. Offen ist noch, ob sich die SDF-Einheiten auflösen und auch die Kontrolle über die nordöstliche Region Hasaka aufgeben.

Welche Rolle spielen die USA?

Ermöglicht wurde der rasche Vormarsch der Regierungstruppen zuletzt vor allem durch eine Neugewichtung der Interessen der USA. "Washington hat einen neuen Partner in Damaskus", erklärte der Militärexperte Riad Kahwadschi die Entwicklung. Während die USA zu Zeiten von Assad noch auf die SDF als Partner am Boden setzten, sieht US-Präsident Donald Trump im neuen Staatschef, Ahmed al-Scharaa, einen strategischen Partner.

Der frühere Anführer der syrischen Islamistenmiliz HTS verspricht, Syrien zu einen und in eine demokratische Zukunft zu führen. Vertreter der Kurden werfen al-Scharaa jedoch die gewaltsame Unterdrückung ethnischer und religiöser Minderheiten vor und fürchten Übergriffe aus den Reihen der neu gebildeten syrischen Regierungstruppen, in denen sie zahlreiche frühere HTS-Kämpfer vermuten.

Der Handlungsspielraum der kurdischen Kräfte in Syrien schwindet. Trumps Sondergesandter Tom Barrack machte es zuletzt mit einer kurzen Stellungnahme in den sozialen Medien mehr als deutlich: Der ursprüngliche Zweck der SDF, als primäre Anti-IS-Truppe vor Ort zu fungieren, habe ausgedient, teilte er auf X mit. Damaskus sei nun sowohl bereit als auch in der Lage, die Sicherheitsverantwortung zu übernehmen. Kurdische Vertreter ihrerseits fühlen sich von den USA und den westlichen Verbündeten im Stich gelassen.

Manche Beobachter gehen sogar davon aus, die USA hätten die Kurden "verkauft". Die Trump-Administration strebt eine Normalisierung zwischen Syrien und dem US-Verbündeten Israel an. Aus kurdischen Quellen hieß es, die USA hätten den Vormarsch gegen die Kurden billigend hingenommen. Im Gegenzug sollte - so hieß es - Interimspräsident al-Scharaa wohl einem Friedensprozess mit dem bisher verfeindeten Israel zustimmen. Offizielle Angaben gibt es dazu nicht.

Der Einfluss der Türkei

Ein Schlüsselfaktor in den Entwicklungen in Syrien ist und bleibt die Türkei. Sie ist ein enger Verbündeter der Führung in Damaskus. Die türkische Staatsführung sieht die SDF als Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Der türkische Staat geht seit Jahrzehnten gegen sie vor und hat sie als Terrororganisation eingestuft. Mehrmals griff die Türkei auch selbst SDF-Stellungen in Syrien an.

Dass die USA die SDF jahrelang unterstützten, belastete das Verhältnis zwischen Ankara und Washington. Nun überschneiden sich ihre Interessen in Syrien, sagte Kahwadschi. Als Trump den syrischen Interimspräsidenten al-Scharaa im November in Washington empfing, war auch der türkische Außenminister Hakan Fidan anwesend. Dort seien die Interessen geklärt worden und alle auf einen gemeinsamen Standpunkt gekommen, so der Militärexperte.

Türkischen Medien zufolge unterstützte Ankara den Vormarsch der syrischen Armee gegen die SDF unter anderem mit geheimdienstlichen Informationen. Die Vorgänge seien vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan eng verfolgt worden. Dieser erklärte bereits triumphierend: "Die Ära des Terrorismus in unserer Region ist beendet."

Wie geht es jetzt für die Kurden weiter?

Die Kurden in Syrien befänden sich heute in "einem politischen Gefängnis", sagte Lawk Ghafuri, Analyst mit Fokus auf kurdische Gebiete. "Militärische Stärke allein kann ihre Zukunft nicht sichern", sagte er. Der einzige Weg sei der Dialog mit Damaskus. Die Zukunft der Kurden hänge nun davon ab, wie sie von Damaskus in den kommenden Monaten und Jahren behandelt werden.

Al-Scharaa hat sich in den vergangenen Monaten mehrmals bereit gezeigt, den Kurden mehr Rechte einzuräumen. Die kurdische Vertretung hingegen traut der Regierung nicht. Sie sieht in der neuen Führung in Damaskus eine Art Ableger des IS und wirft ihr vor, auch dessen brutale Methoden zu verwenden.

Andere Bewohner der Selbstverwaltungszone feiern die Offensive der Regierung hingegen als "Befreiung". In den kurdisch verwalteten Gebieten leben nicht nur Kurden, sondern auch arabischstämmige Syrer und verschiedene lokale Stammesgruppen. Sie selbst sahen sich unter der kurdischen Kontrolle diskriminiert und seien zum Kämpfen für die SDF genötigt worden, sagte Mudar al-Asaad, offizieller Sprecher der syrischen Stämme. Anfang des Jahres wechselten mehrere syrische Stammesvertreter im Osten des Landes die Seiten. Damit war die kurdische Selbstverwaltung in Syrien nicht mehr zu halten, der Weg für die Regierungstruppen aus Damaskus stand offen.

Quelle: ntv.de, Amira Rajab, Weedah Hamzah & Mirjam Schmitt, dpa

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