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Grüne Mehrheit in Dortmund Die kleinen Dinge haben die SPD ruiniert

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Harte Arbeit, rote Politik - so das Klischee. Doch die Verhältnisse im Ruhrgebiet ändern sich - etwa durch Zechenschließungen wie hier 1978 in Waltrop.

(Foto: imago/Klaus Rose)

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Das Ruhrgebiet war über Jahrzehnte fest in sozialdemokratischer Hand. In Dortmund waren absolute Mehrheiten einst die Regel. Jetzt wird dort grün gewählt. Bericht aus einer Stadt, in der die SPD die Basis verloren hat.

Kohle, Stahl, Bier und Sozialdemokratie. Das ist ein gängiges Klischee über das Ruhrgebiet und speziell über Dortmund, die größte Stadt im fünf Millionen Menschen fassenden Ballungsraum. Der Kohlebergbau hat im Ruhrgebiet vor einem halben Jahr aufgehört, die Bierproduktion konzentriert sich inzwischen auf wenige Großbrauereien und die Stahlproduktion steckt in der Krise. Wie die SPD.

22,88 Prozent der Stimmen bei der Europawahl, das ist eine Klatsche für die Sozialdemokraten. Nur zweitstärkste Kraft hinter den Grünen. Das ist in Dortmund noch nie passiert. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs regieren hier die Sozialdemokraten. Ein einziges Mal, 1999, landeten sie bei den Kommunalwahlen knapp hinter der CDU, konnten sich dann aber bei der Stichwahl um das Amt des Oberbürgermeisters durchsetzen. Eigentlich hätten schon damals, vor 20 Jahren, alle Warnsignale bei den Sozialdemokraten angehen müssen.

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Die sicheren Mehrheiten sind vorbei, die Partei verliert den Kontakt zur Basis. Das Kümmerer-Image bekommt Risse. Doch nach dem Sieg in der Oberbürgermeisterwahl ging es damals nach der Devise "Business as usual" weiter. Nur in sechs von 13 Stadtbezirken holten die Sozialdemokraten schließlich am Sonntag die Mehrheit.

SPD wählen ist "wie Lotto spielen"

Einer dieser Stadtbezirke ist Dortmund-Eving. Das Zentrum des Stadtteils bildet bis heute das Gelände der früheren Zeche Minister Stein. 1987 wurde sie als letztes Kohlebergwerk in Dortmund stillgelegt. Der große Hammerkopfturm und einige Gebäude stehen noch heute. Drumherum ist die "Neue Evinger Mitte" entstanden. Auf einer Bank dort sitzt Heinz. Der kräftige Mann ist deutlich über 80, er erzählt, dass er auf seine Frau wartet, die im Supermarkt ist. Ob er am Sonntag gewählt hat? "Ja, immer." Die SPD? Er nickt. "Habe ich schon immer so gemacht." Ob er mit der Wahl glücklich ist? "Was macht schon glücklich?" Er sagt das alles im breiten Ruhrgebietsdialekt und kommt dann doch ins Erzählen. Es sei schon vieles "anders" geworden. Die SPD wählen, dass sei "'ne Gewohnheit wie Lotto spielen", man mache es immer wieder, ohne "wirklich watt zu gewinnen." Viel habe sich verändert, "besonders hier", sagt er und schaut sich um.

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Der Platz um ihn herum ist ungepflegt. Am Hintereingang des großen Supermarkts stehen Ladenlokale leer, in einem lagern Einkaufswagen. Mitten auf dem Platz steht ein Denkmal, "Unseren Toten Kameraden", es erinnert an die mehr als 200 Opfer von Grubenunglücken in der Zeche. An den Wänden Graffiti, an einem Aufgang zum Platz viele Scherben, eine Disco ist in einem Teil der ehemaligen Zeche untergekommen. Auf dem Platz sitzt am Montagvormittag niemand außer Heinz. Auch sonst ist er meist leer. Das war anders, als hier noch die Zeche war.

Doch es ist nicht nur der große Arbeitgeber, es sind auch die sozialen Strukturen, die verloren gegangen sind, und mit ihnen die Verankerung der SPD. Heinz zählt Kneipen auf, die es im Umfeld der Zeche gab und von denen keine mehr existiert. "Da hat der Kassierer von den Sozis früher die Runde gemacht", erzählt der alte Mann. Er zählt Namen von sozialdemokratischen Funktionären im Stadtteil auf und wo sie gearbeitet haben. Nicht nur in Dortmund-Eving, sondern im ganzen Ruhrgebiet hatte die SPD ihre Basis lange in der Großindustrie und gewann dort auch ihr Personal. Der Weg vom Betriebsrat zu einem Mandat in Partei, Stadt und Bundesland war nicht weit. Heinz sagt, das sei verloren gegangen. Er spricht dabei über seine Familie und darüber, was für unterschiedliche Dinge Kinder und Enkel heute beruflich und in der Freizeit täten. "Da kommt die SPD nicht überall rein", sagt er. Vieles liefe aber auch vor Ort schlecht. In dem Dortmunder Stadtteil sei es "schmuddelig“, gute alte Geschäfte hätten geschlossen. "Auf der Bergstraße ist nichts mehr", sagt Heinz.

Dann kommt seine Frau aus dem Supermarkt und Heinz muss gehen, er zieht das Wägelchen des alten Paares. Auf der Bergstraße gibt es im Gegensatz zu seiner Aussage noch Geschäfte. Auch eine Moschee und ein Hochzeitssaal. Der Saal ist in einer ehemaligen Kneipe, an der Wand davor hängt ein Schaukasten der SPD. Darin ein Flyer der Bundestagsabgeordneten Sabine Poschmann und ein Europawahlplakat mit Katarina Barley: "Mein Ziel ist ein Europa für alle". Das Glas des Schaukastens ist fleckig.

Eine Menge "Meetings" mit "immer gleichen Leuten"

Es sind aber nicht nur Kleinigkeiten, die die Menschen dazu bringen, der SPD den Rücken zu kehren. Es ist erst ein halbes Jahr her, dass der Dortmunder SPD-Bundestagsabgeordnete Marco Bülow die Partei verlassen hat. Sie habe sich "entsozialdemokratisiert", und er wolle sich nicht länger "selbst verleugnen". Bülow ist nicht der einzige, der gegangen ist, auch Anne hat die Partei verlassen. Sie war viele Jahre Sozialdemokratin und in ihrem Stadtteil aktiv. Wichtig für die Bindung in der Partei sei lange die "Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen" (AfA) gewesen. Diese bestehe aber fast nur noch aus "alten und sehr alten Männern", die schon länger nicht mehr im Arbeitsprozess seien. Hoffnung in die Jusos hat sie auch nicht. Viele würden nicht in den Ortsvereinen mitarbeiten, sondern auf die Karriere schielen. Jobs bei Abgeordneten seien heiß begehrt. Es fehle an "Kümmerern", die sich in den Stadtteilen auskennen. Die seien "rausgeekelt" worden oder schon im Rentenalter, erzählt Anne, die ihren echten Namen nicht preisgeben möchte.

Die Stadt Dortmund ist gut darin, Prestigeprojekte umzusetzen. Das Deutsche Fußballmuseum vor dem Hauptbahnhof oder der anlässlich des Kulturhauptstadtjahrs 2010 umgebaute Turm der Union-Brauerei sind Beispiele. Das darin untergebrachte Kulturzentrum sorgte jüngst lokal für Schlagzeilen, eine Pink-Floyd-Ausstellung hatte nicht genug Besucher und brachte zwei Millionen Euro Verlust für die Stadt. 2,6 Millionen Euro soll es kosten, die nach nicht einmal zehn Jahren teilweise kaputte Lichtinstallation des Dortmunder Filmemachers Adolf Winkelmann auf dem Dach des Gebäudes zu erneuern. Ausgaben, die für den SPD-Stammwähler oft nicht nachvollziehbar sind.

Anne glaubt, dass sich das auch in Zukunft nicht ändern wird. Es werde viele "Meetings" geben, zu denen "immer die gleichen Leute" hingehen. Das sei es dann auch gewesen. Die SPD habe die Veränderung der Arbeitswelt verpasst. Hartz IV sei der "Sündenfall" der Partei gewesen. Immerhin eine Einschätzung von Anne kann der SPD ein wenig Hoffnung machen. Einen bestimmten Dortmunder Grund, die Grünen zu wählen, sieht sie nicht. Das sei auf den "Genossen Trend" zurückzuführen.

Quelle: n-tv.de

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