Politik

Woche des Terrorgedenkens Die unterschätzten einsamen Wölfe

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Lange gingen die Behörden nicht von rassistischen Motiven des Münchner Täters David S. aus.

(Foto: picture alliance / Sven Hoppe/dp)

Zehn Jahre sind seit den Anschlägen von Norwegen vergangen, und fünf, seit ein junger Mann in München gezielt Altersgenossen ermordete, die er für "anders" hielt. Die Behörden kommen dem Tätertypus des einsamen Wolfes noch immer schwer auf die Spur.

Diese Woche stand unter dem Zeichen der Erinnerung an folgenschwerer Gewalt aus politischen Motiven. Am 22. Juli 2011 ermordete der Norweger Anders Behring Breivik 77 Menschen. Er gilt als Prototyp einer neuen Art rechten Terrors, der als globales Phänomen seine hässliche Fratze zeigt. Die Taten von Halle am 9. Oktober 2019 und Hanau im Februar 2020 belegen zusätzlich, warum der rechte Terror für Politik und Sicherheitsbehörden mittlerweile als die zentrale Gefahr gilt. Es existieren virtuelle Terrornetzwerke wie die Atomwaffen- und Feuerkrieg Division, letztere mit einem 13 Jahre (!) alten Kommandeur aus Estland. Mitglieder aus diesen Netzwerken sind auch in Deutschland festgenommen worden.

Alle diese Täter, die ihre Zeit lange vor den Taten fast ausschließlich vor dem Computer verbrachten, flüchteten sich als einsame Menschen in dunkle Parallelwelten und radikalisierten sich politisch. Eine Tat bleibt dabei seltsamerweise oft unberücksichtigt. Genau fünf Jahre nach dem Massaker in Norwegen, am 22. Juli 2016, ermordete der 18-jährige Münchener David S. neun zumeist junge Menschen.

Das Datum war nicht zufällig gewählt. Zeitweise verwendete er ein Whatsapp-Bild seines Vorbilds. Der junge Mann, der als Sohn von geflüchteten Iranern selbst Migrationshintergrund hatte, sah es auf zumeist junge Menschen ab, die er für "anders hielt". Mit gefälschtem Nutzerkonto eines türkischen Mädchens lockte er Jugendliche in ein Schnellrestaurant am Olympia Einkaufszentrum und lud auf einen Burger ein.

Der Hass auf andere ethnische Gruppen stachelte den in München geborenen Täter an. Auf seinem Computer fand sich ein Manifest unter der Bezeichnung "Ich möchte alle Türken auslöschen". Er, der stolz war, ein "Arier" zu sein, wollte München, sein "Vaterland" von "Überfremdung befreien", wie er einmal sagte. Jedoch war an jenem Julitag nicht nur in München von einem Amoklauf die Rede, sondern auch noch lange danach.

In Wirklichkeit handelte hier ein neuer Tätertypus, der sogenannte einsame Wolf, der virtuell vernetzt ist, aber alleine losschlägt. Diese rechtsradikalen Täter töten, um eine Gesellschaft nach ihren Maßstäben zu errichten. Sie handeln ohne große Organisation im Hintergrund, sondern autonom und scheinbar unvorhersehbar. Hier gibt es durchaus Parallelen zu islamistisch motivierten Anschlägen.

Trauern ja, Fehlereingeständnis nein

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Inzwischen gelten die Münchner Morde als rassistische Taten.

(Foto: imago images/Future Image)

Der Trauerakt mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder und dem Münchener Oberbürgermeister Dieter Reiter kann eins nicht kaschieren: Bayerns Behörden schätzten die Tat drei Jahre und drei Monate falsch ein, nämlich als unpolitisch. Erst 2018 stufte das Bundesamt für Justiz die Tat als "extremistisch" ein. Die bayerischen Sicherheitsbehörden zogen im Oktober 2019 nach und sprachen erst dann von einer politisch motivierten Tat. Die Inschrift am Denkmal des OEZ-Attentats wurde von der Stadt München 2020 entsprechend geändert. "In Erinnerung an alle Opfer des rassistischen Attentats vom 22.7.2016" steht nun dort geschrieben.

Trotzdem hält sich bis heute die These des Mobbingopfers David S. Zwar sollten psychische Auffälligkeiten nicht ausgeklammert werden, wenn es um den Versuch geht, das Unverstehbare zu erklären. Und ja, solche Täter führen als einsame Wölfe ihre Gewalttaten nach langer Planung alleine aus. Ihre Opfer aber wählen sie gezielt aus, etwa nach ethnischen Gesichtspunkten. Sie sind Teil eines größeren ideologischen Rudels.

Unterschätzte Vernetzung über Spieleplattformen

Eineinhalb Jahre nach München schlug ein Gleichgesinnter im US-Bundesstaat New Mexico zu. Er war Moderator eines Anti-Flüchtlingsklubs auf der Spieleplattform Steam, auf der auch der Münchener aktiv war. Die Gruppe mit 260 Mitgliedern wäre leicht zu erkennen gewesen, wie schließlich investigative Journalisten und nicht etwa die Ermittler zeigten. Bis heute fehlt es an einer Debatte über die "Gamifizierung des Terrors" und die damit verbundene Vernetzung potenzieller Täter.

Der Täter von Halle war wie David S. in keiner Partei oder Kameradschaft. Er wusste, dass er sich verdächtig machen würde, wenn er seine antisemitische Gesinnung im Netz äußert. Deshalb war er auf anonymen, meist amerikanischen Seiten unterwegs. Alle Täter, die ihre Zeit lange vor den Taten fast ausschließlich vor dem Computer verbrachten, flüchteten sich als einsame und gekränkte Menschen in dunkle Parallelwelten und radikalisierten sich politisch. Die bindungsunfähigen und generell sozial isolierten Männer waren wie die Täter von Halle und Hanau nicht einmal in der Nachbarschaft bekannt.

Wo ist die Grenze?

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Der Politikwissenschaftler Florian Hartleb war im Fall offizieller Gutachter der Stadt München und erkannte anders als die Behörden einen rechtsterroristischen Akt.

Die bayerische Staatsregierung hat nach den Taten von München ihre Präventionsarbeit gegen Amokläufe verstärkt und ihr "Handlungskonzept gegen Rechtsextremismus" überarbeitet. Virtuelle Räume gelten längst als zentraler Radikalisierungsort. Es ist nur schwer einschätzbar, ob man über die inhaltlich wie technisch richtigen Experten für die Bekämpfung von Cyberkriminalität und für die Kommunikation in den Onlineforen und -plattformen verfügt. Fragen über Fragen stellen sich bei der Auslotung von Freiheit und Sicherheit. Wo ist die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Hassverbrechen zu ziehen? Zwischen Trollen und Terroristen?

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Es wäre fatal, den neuen Terrorismus rechter Einzeltäter allein mit Internetkommunikation zu erklären. Terroristen können umso eher an ihr Ziel gelangen und Anschläge durchführen, wenn sie sich mit Gleichgesinnten austauschen können. Auf Internetforen ist offenbar eine eigene Referenzwelt entstanden, wie die Fälle von Christchurch und Halle zeigen.

In der Polizeiausbildung wird das Thema nur gestreift, aber zumindest teilweise sind sich die Sicherheitsbehörden mittlerweile dieser Gefahr bewusst. Es gibt neue Analysewerkzeuge, etwa das Risikobewertungssystem "RADAR" - Regelbasierte Analyse potenziell Destruktiver Täter zur Einschätzung des akuten Risikos. Eingesetzt wird es im Bereich des islamistischen Terrors.

Trotzdem gibt es noch eine Menge Baustellen in den Behörden, vor allem beim Personal. IT-Spezialisten und Datenauswerter sind rar gesät und werden händeringend gesucht. Junge, qualifizierte Menschen etwa, die sich auf rechtsradikalen Plattformen wie 8chan oder 4chan bewegen und den dort verwendeten Szene-Sprech entschlüsseln können. Die wechselseitige Inspiration der Taten könnte dabei Schlüssel in der Prävention sein. Wie der Fall von Halle zeigt, brauchen Behörden mittlerweile ein Lexikon, um die Memes und Symbole in dieser Online-Subkultur zu entschlüsseln. Die Mühe sollten sie sich machen.

Quelle: ntv.de

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