Politik

Berichterstattung über US-Video Die verkürzte Wahrheit über den jungen Trump-Fan

Ein grinsender Schüler mit Trump-Mütze, Auge in Auge mit einem Mann indigener Abstammung: Auf ein Video reagieren Medien und sozialen Netzwerke entrüstet. Doch die Darstellung der Situation greift zu kurz - auch auf dieser Seite.

Die Situation scheint eindeutig: In einem am Samstag auf Instagram veröffentlichten Video ist ein Schüler zu sehen, der sich auf einer Demonstration in der US-Hauptstadt Washington einem trommelnden Mann indigener Abstammung entgegenstellt. Sein Grinsen lässt am Respekt vor dem älteren Mann zweifeln. Im Hintergrund johlen seine Kommilitonen, viele von ihnen tragen wie er eine Mütze mit der Aufschrift "Make America Great Again" - dem Slogan von US-Präsident Donald Trump.

Was danach folgt, ist ein medialer Sturm der Entrüstung - nicht nur in sozialen Netzwerken, sondern auch auf zahlreichen Medienseiten aus der ganzen Welt. "Junge Trump-Fans verspotten Ureinwohner", hieß es etwa auf dieser Seite. Doch nun wird klar - diese Interpretation greift zu kurz.

Bei besserer Recherche offenbart sich, dass das Verhalten des jungen Nick Sandmann in dem Video ebenso oberflächlich interpretiert und beurteilt worden war, wie das von Nathan Phillips, der ihm gegenüber stand. Darauf weisen vollkommen zu Recht die Kollegen von Uebermedien hin.

Aufeinandertreffen nach zeitgleichen Demos

Was war also tatsächlich passiert? Nachdem Sandmann und seine Mitschüler von der katholischen Covington-High-School an einer Demonstration von Abtreibungsgegnern teilgenommen haben, vertreiben sie sich die Zeit bis zur Rückreise in ihre Heimat Kentucky am Lincoln Memorial. Das ist nicht nur auf weiteren Videos zu sehen, sondern erklärt auch Sandmann selbst in einem Statement, das er und seine Familie nach dem Shitstorm veröffentlichten.

Noch bevor sich Sandmann und Phillips begegnen, erscheint eine Gruppe Afroamerikaner, die zeitgleich stattfindenden "Indigenous Peoples March" (Marsch der Indigenen Völker) teilgenommen hat. Auf einem weiteren Video ist zu sehen und zu hören, wie einige von ihnen die Schüler-Gruppe beleidigen. Zu einem Wortgefecht kommt es offenbar nicht. Zumindest deuten die Filmaufnahmen nicht darauf hin.

Dennoch bemühte sich Phillips darum, die Situation nicht eskalieren zu lassen. Als er mit anderen Teilnehmern des "Indigenous Peoples March" erscheint, läuft er musizierend zwischen beide Gruppen. Sein Getrommel und seinen Gesang nehmen die katholischen Schüler zum Anlass, zu klatschen und zu singen. Von einer "Hass-Fabrik", wie der frühere demokratische Gouverneur Howard Dean die Schule von Sandmann und Co. nach den ersten Berichten über den Vorfall nannte, ist wenig zu merken.

Rufe nach Mauerbau

Zu der Geschichte gehört aber auch, dass einige der Schüler laut Phillips "baut die Mauer und schlimmere Dinge" gerufen haben sollen. "Aber das ist indigenes Land, hier sollte es keine Mauern geben", sagte er. Zudem behauptet der 64-Jährige, "der Junge mit der Mütze" habe ihm den Weg versperrt. Dies sei ihm nicht bewusst gewesen, widerspricht Sandmann dieser Darstellung in seinem Statement.

Er habe deeskalierend einschreiten wollen, erklärte Phillips. Dieses Ziel scheint er zumindest erreicht zu haben: Nach ein paar weiteren Anfeindungen der Afroamerikaner habe die Schülergruppe mehreren Darstellungen zufolge den Ort verlassen.

Reflexartige Berichterstattung

Auch wenn der komplette Kontext des Vorfalls nicht erörtert ist: Die ursprüngliche Berichterstattung über das Video muss zweifelsohne dazu führen, dass sich viele Medien, darunter auch diese Seite, unangenehmen Wahrheiten stellen und dabei ihre Auswahl der Schlagzeilen kritisch hinterfragen müssen. Die Geschichte wäre höchstwahrscheinlich nicht aufgegriffen worden, wenn einer der Protagonisten kein Trump-Basecap getragen hätte. Hat er aber.

Der Fall zeigt, wie reflexartig viele Medien auf Themen mit vermeintlichem Trump-Bezug reagieren. Nicht nur in weiten Teilen der USA, auch in Westeuropa ist Trump unpopulär. Die ursprünglichen Meldungen über einen Trump-Fan, der - wie sein Idol im Weißen Haus - mitunter ethnische Minderheiten verspottet, sind aber nicht wahrheitsgetreu. Den Schaden hat dadurch auch Sandmann. Die Schule von Phillips und Co. hat angekündigt, den Vorfall zu untersuchen - und "angemessene Maßnahmen zu ergreifen, bis hin zum Verweis".

Quelle: ntv.de, cri

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.