Politik
Die Bombe riss einen Krater von etwa zehn Metern Durchmesser. 22 Menschen starben.
Die Bombe riss einen Krater von etwa zehn Metern Durchmesser. 22 Menschen starben.(Foto: ASSOCIATED PRESS)
Samstag, 14. Februar 2015

1000-Kilo-Bombe gegen "Mr. Libanon": Dieser Mord veränderte den Nahen Osten

Von Nora Schareika

Am Valentinstag 2005 reißt eine Bombe den prominentesten Politiker des Libanons in den Tod: Multimilliardär Rafik al-Hariri. Der Mord spaltet bis heute die Gesellschaft. Wie gefährlich das ist, wird vielen erst mit dem Zerfall von Syrien klar.

Es ist ein heller Vorfrühlingstag, als zur Mittagszeit eine immense Explosion den Himmel über der Innenstadt von Beirut verdunkelt. Glasscheiben im Umkreis von Hunderten von Metern gehen zu Bruch, die Erde im Stadtteil Hamra und in der Downtown bebt. Tausend Kilogramm Sprengstoff reißen 22 Menschen in Stücke. Die mit der Druckwelle umherjagenden Kleinteile aus Metall und Straßenbelag verletzen 226 weitere Menschen, viele von ihnen Passanten an der Mittelmeerpromenade. In die Straße zwischen dem historischen Luxushotel St. George und einer Bankfiliale reißt die Bombe einen Krater von etwa zehn Metern Durchmesser.

An der Stelle, wo der Bombenkrater war, steht heute eine Statue von Rafik al-Hariri.
An der Stelle, wo der Bombenkrater war, steht heute eine Statue von Rafik al-Hariri.(Foto: Nora Schareika)

Experten und Laien sind sich schnell einig: An diesem 14. Februar 2005 wollte jemand nichts dem Zufall überlassen. Dieser Jemand wollte sichergehen, dass die Bombe den Mann tötet, der seit fast 15 Jahren die Geschicke des Libanon wesentlich mitbestimmt hat: Rafik al-Hariri. Er hatte seine privaten Milliarden in das von einem langen Bürgerkrieg gezeichnete Land investiert, unterhielt enge Beziehungen mit westlichen Staaten und mit Saudi-Arabien. Er trug den Spitznamen "Mr. Libanon" und stemmte sich als solcher gegen die syrische Einflussnahme in seine Heimat.

Der Mord an dem ehemaligen Premierminister kommt zu diesem Zeitpunkt nicht völlig überraschend – politische Morde werden im Libanon in jenen Tagen im Quartalstakt verübt. Wenige Monate zuvor ist Hariri aus Protest gegen die syrische Einmischung zurückgetreten. Streitpunkt war die Verlängerung der Amtszeit des prosyrischen Staatspräsidenten Émile Lahoud, die Syrien lanciert hatte. Hariri konnte mit Lahoud nicht besonders gut. Nach einem Eklat in Damaskus um diese Frage wird Hariri rund um die Uhr mit großem Aufwand bewacht. Auch die Route seines schwer gepanzerten Konvois an diesem Tag ist erst kurz vor Abfahrt festgelegt worden. Doch die Attentäter waren gut vorbereitet und vernetzt.

Mordmotiv immer noch unklar

Bis heute ist trotz aufwendiger Ermittlungen nicht zweifelsfrei geklärt, wer mit welchem Motiv Rafik al-Hariri umbringen ließ. Kam der Auftrag aus Syrien, wie es zu Anfang angenommen wurde? War es die schiitische Hisbollah? Oder war es eine Gemeinschaftstat von beiden? Stecken sunnitische Extremisten oder Israel hinter dem politischen Mord? Obwohl das "Sondertribunal für den Libanon" (STL) in Den Haag seit acht Jahren damit beschäftigt ist, die Drahtzieher des Attentats zu ermitteln, konnte bisher keinem die Täterschaft nachgewiesen werden. Der Prozess und sein Drumherum haben bislang 300 Millionen Euro gekostet. Im Januar verlängerte der UN-Generalsekretär das Mandat des STL um weitere drei Jahre bis März 2018.

So langsam drängt die Zeit. "Um die Wahrheit zu sagen: Es scheint sich keiner mehr zu interessieren für den Ausgang dieses Tribunals", sagt Hilal Khashan, Politologe an der Amerikanischen Universität in Beirut (AUB). Er beschreibt damit die libanesische Sicht auf den Prozess, der vor einem Jahr im fernen Den Haag gegen vier Mitglieder der Hisbollah begann – in deren Abwesenheit, was ein Präzedenzfall in internationalen Verfahren ist. Indizien aus aufgezeichneten Mobilfunkdaten sprechen gegen die Angeklagten, die libanesischen Sicherheitsbehörden zufolge "nicht auffindbar" sind.

Der Ort des Anschlags heute: Links ist das St.-George-Hotel zu sehen, das immer noch nicht ganz restauriert ist. Hinten rechts ist die Gedenkstelle mit der Statue Hariris.
Der Ort des Anschlags heute: Links ist das St.-George-Hotel zu sehen, das immer noch nicht ganz restauriert ist. Hinten rechts ist die Gedenkstelle mit der Statue Hariris.(Foto: Nora Schareika)

Verschwörungstheorien gibt es viele im Mordfall Hariri. In Hisbollah-freundlichen Kreisen ist man davon überzeugt, dass das Tribunal selbst Ergebnis einer amerikanisch-israelischen Verschwörung ist mit dem Ziel, die im Libanon so mächtige und vom Iran unterstützte Bewegung zu schwächen. "Es gibt immer noch Unstimmigkeiten. Und wir wissen immer noch nicht, wer Hariri umgebracht hat", moniert Hilal Khashan von der AUB. "Das Hauptproblem mit dem Tribunal ist, dass es zu sehr politisiert worden ist. Jede Gruppe nutzt die Ergebnisse des STL für seine eigene Interpretation. "

Auch Stephan Rosiny, Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien in Hamburg (GIGA), hat gewisse Zweifel an der Hisbollah-Theorie. "Die 'Verschwörungstheorien' sind zum Teil gar nicht so obskur. Viele anfängliche Spuren gegen eine syrische Täterschaft stellten sich später als von 'falschen Zeugen' gelegte Irrwege heraus, um das Regime von Baschar al-Assad an den Pranger zu stellen. Auch wurden mehrere Mossad-Agenten bei libanesischen Telefongesellschaften enttarnt, was doch merkwürdig ist angesichts der Tatsache, dass Telefonverbindungen das Hauptindiz der Anklage sind. Der Lastwagen, der die Bombe quer durch Beirut transportierte, hatte Rechtslenkung, was im Libanon völlig unüblich ist und leicht hätte auffallen können. Agiert so eine für ihre Vorsicht und genaue Planung bekannte Miliz wie die Hisbollah? Auch hat der STL eine wichtige Frage nicht geklärt, nämlich welches Motiv Hisbollah am Tod Hariris gehabt haben soll."

Gegen den Verdacht gegen die Miliz spricht aus Rosinys Sicht noch etwas anders. Hariri hat sich in den Monaten vor seinem Tod wöchentlich mit Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah getroffen und es gab eine wechselseitige Unterstützung: "Hariri hat seine guten Beziehungen in den Westen genutzt, um Hisbollah möglichst nicht auf Terrorismus-Listen setzen zu lassen, weil er ihren Widerstand gegen die israelische Besatzung im Südlibanon für grundsätzlich legitim hielt. Im Gegenzug hat Hisbollah in der eigenen schiitischen Gemeinschaft verhindert, dass es zu sozialen Unruhen gegen den neoliberalen Wirtschaftskurs von Hariri kam."

AUB-Professor Khashan sagt ernüchtert: "Man kann nicht mehr erwarten, dass hier die Wahrheit herauskommen wird. Der Fall ist vorbei. Die Leute werden es einfach vergessen. Jetzt geht es um Syrien und Irak." Es sei zudem unverhältnismäßig, für einen einzigen Mord so viel Aufwand zu betreiben und für unzählige andere nicht.

Hariri Junior profitiert von der Spaltung

Doch vergessen dürfte die tödliche Detonation an der Beiruter Mittelmeerpromenade am Valentinstag 2005 so schnell niemand. Sie löst ein politisches Erdbeben in der Region aus, dessen Folgen bis heute zu spüren sind. Der Mord an dem damals 60-Jährigen führt zur sogenannten Zedernrevolution im Libanon. Eine Million Menschen demonstrieren am 14. März 2005, genau einen Monat nach der verheerenden Bombe. Sie fordern innenpolitische Reformen und Abzug der seit 30 Jahren hier stationierten syrischen Truppen. Sie waren im ersten Jahr des Bürgerkriegs als arabische Friedenstruppe einmarschiert und dann einfach geblieben. Mit der zweiten Forderung haben die Demonstranten Erfolg. Noch vor den Parlamentswahlen im Mai ziehen die rund 30.000 syrischen Soldaten aus dem Libanon ab. Damit geht eine Ära zu Ende, wenn auch nicht die Einflussnahme aus Damaskus, das sich weiterhin als Ordnungsmacht versteht. Die gigantische Kundgebung auf dem Märtyrerplatz ist die Antwort auf einen prosyrischen Solidaritätszug wenige Tage zuvor, angeführt von den Schiitenparteien Hisbollah und Amal.

Der Kult um Rafik al-Hariri lebt und ist in den muslimischen Teilen Beiruts allgegenwärtig.
Der Kult um Rafik al-Hariri lebt und ist in den muslimischen Teilen Beiruts allgegenwärtig.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Das politische System im Libanon ist seither gespalten in ein prosyrisches ("8. März") und ein antisyrisches Lager ("14. März"). Rafik al-Hariris Sohn Saad tritt bald in dessen Fußstapfen und übernimmt den Vorsitz der sunnitischen Zukunftsbewegung, die fortan die größte Fraktion im antisyrischen Block bildet. Doch Saad al-Hariri fehlt das Charisma und das politische Gespür des Vaters, der noch versucht hatte, die vielen politischen Lager im Land irgendwie zu einen. Hilal Khashan lässt kein gutes Haar an Hariri Junior, sieht ihn als Marionette Saudi-Arabiens. "Er hat nicht das, was ein guter Politiker braucht. Du kannst Gegenstände von deinem Vater erben, aber keine politische Attitüde oder Fähigkeiten. Als er anfing, konnte er keine Rede halten. Er kann nicht einmal richtig Arabisch. Nein, niemand nimmt diesen Typen ernst."

Dem 44 Jahre alten Saad al-Hariri aber kommt die Lagerbildung zugute, die seit nunmehr zehn Jahren die libanesische Politik prägt und lähmt. "Er hat vom Namen und vom Märtyrerkult um seinen Vater profitiert. Die Sunniten haben sich aus konfessionellen Motiven hinter ihm versammelt, weil sie sich seit der Ermordung seines Vaters als einzige Konfession ohne einen starken Mann sehen. Dieses Machtvakuum hat Saad Hariri mit seiner Zukunfts-Partei zu füllen gesucht", erklärt Stephan Rosiny.

Zweifelhaftes Erbe

Der Märtyrerkult um den Vater ist unterdessen allgegenwärtig. In Stein gemeißelt ist sein Erbe im neuen Stadtzentrum von Beirut, das er aus einem Guss aus dem Boden stampfen ließ. Mit seiner 1994 gegründeten Aktiengesellschaft Solidere steht Hariri wie kein anderer für den Wiederaufbau des Libanon nach dem Bürgerkrieg, der zwischen 1975 und 1990 das Land verwüstete. Solidere kaufte das zerschossene Zentrum Beiruts zu Spottpreisen auf - zum Teil auch mit fiesen Tricks.

Der inzwischen nicht mehr ganz neuen Innenstadt von Beirut fehlt Lebendigkeit. Viele Läden und Wohnungen stehen leer.
Der inzwischen nicht mehr ganz neuen Innenstadt von Beirut fehlt Lebendigkeit. Viele Läden und Wohnungen stehen leer.(Foto: Nora Schareika)

Die neue Downtown ist ein neoklassizistisch anmutendes Viertel, das zunehmend mit Leerstand zu kämpfen hat, obwohl es noch nicht einmal ganz fertig gebaut wurde. Wäre das anders, wenn Hariri nicht ermordet worden wäre? Hilal Khashan glaubt das nicht. "Sein Tod hat keinen Prozess gestoppt, es gab nie einen Plan für die Downtown", sagt er kritisch. "Die Downtown ist ein Ort mit teuren Cafés, wo es nicht einmal gutes Essen gibt. Diese Restaurants unterstützen keine echte Ökonomie."

Hariri galt zu Lebzeiten selbst nicht als korrupt, machte aber Politik mit der Kreditkarte. Aus seiner Zeit als Premierminister heißt es, er habe missliebige Medien nicht plump mundtot gemacht, indem er sie verbot, sondern sie einfach aufgekauft. Mit seinem vielen Geld setzt er zwar viel in Bewegung, doch er hinterlässt auch die negativen Folgen neoliberaler Politik. "Dadurch, dass er die guten Beziehungen in den Westen hatte, hat er auch ein großes Vertrauen des internationalen Kapitals in den Libanon geschaffen", erklärt Stephan Rosiny vom GIGA. Auf der anderen Seite habe er durch seine Investitionspolitik den Libanon extrem verschuldet. "Es ist eine Kuriosität, dass der Libanon erst nach dem Bürgerkrieg in die Schuldenfalle rutschte und nicht währenddessen. Das ist einer der Vorwürfe, die heute noch gegen Hariri gerichtet werden."

Die Wut auf Syrien ist noch da

Im Attentat auf Hariri kristallisierte sich bereits vor zehn Jahren die angestaute Wut vieler Libanesen aller Lager auf Syrien. Das bekommen heute mitunter die mindestens eineinhalb Millionen syrischen Flüchtlinge zu spüren, die die libanesische Gesellschaft und die staatlichen Institutionen auf eine harte Probe stellen. Wenngleich viele Menschen Solidarität und Mitleid mit den Syrern empfinden und ihnen helfen, sagen besonders nachtragende Libanesen: "Die Syrer haben uns damals auch nicht geholfen, nun sehen sie mal, was Krieg bedeutet." Der Bürgerkrieg im Nachbarland bestimmt die aktuelle Debatte im Libanon, die Gefahr durch die Terrormiliz Islamischer Staat schürt Ängste vor allem in der christlichen Bevölkerung.

In dieser extremen Situation zeigt sich die erstaunliche Stärke der libanesischen Politik, die sonst so fragil und von Partikularinteressen geleitet scheint. "Wenn es wirklich ernst ist, raufen sie sich doch meist zusammen", urteilt Rosiny über die libanesischen Politiker von heute. "Sie suchen eine gemeinsame Strategie gegen ein Überspringen des syrischen Bürgerkriegs, etwa indem sie die libanesische Armee stärken. Auch versuchen sie mit der Visapflicht für Syrer das Flüchtlingsproblem etwas in den Griff zu bekommen. Das ist zugleich ein Signal an die Welt, dass der Libanon dringend Hilfe braucht, um mit der für das kleine Land immensen Zahl an Flüchtlingen umzugehen."

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Quelle: n-tv.de