Politik

Wer ist der wahre Merkel-Erbe? Eigentlich müsste Scholz Laschet zur Weißglut treiben

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Armin Laschet und Olaf Scholz buhlen im Wahlkampf um die Gunst der Kanzlerin.

(Foto: imago images/Emmanuele Contini)

Für die Union wird es immer enger und Merkels Stille gibt Scholz die Chance, sich als Nachfolger zu inszenieren. Während Merz die Kanzlerin fordert, bleibt einer entspannt: Laschet ist mit Merkel "im Reinen". Kostet ihn das den Wahlsieg?

Wer formt die bessere Raute? Der Wahlkampf nimmt an Fahrt auf, seit sich die Kandidatin und Kandidaten fürs Kanzleramt im Triell auf ntv und RTL direkt miteinander maßen. Zu einer der zentralen Fragen im Wettbewerb entwickelt sich das "Erbe" der amtierenden Regierungschefin. Wer genießt die Gunst Angela Merkels? Und vor allem: Wen halten die Wählerinnen und Wähler für ihren legitimen Nachfolger? Denn Merkels unangefochtene Spitzenposition im Politiker-Ranking legt nahe, dass man sich dieser Tage mit Nähe zur Kanzlerin noch einige Stimmen sichern kann.

"Mein rechter, rechter Platz ist frei, ich wünsche mir den Armin herbei" - unter normalen Umständen wäre zu erwarten, dass ein Bonus durch Nähe zur Kanzlerin in jedem Fall an den Kandidaten ihrer eigenen Partei geht, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidenten Laschet also. Aber die Umstände sind nicht normal, und dafür sorgt unter anderem die Kanzlerin selbst gleich in zweifacher Hinsicht: Sie scheidet - ein Novum seit Gründung der Bundesrepublik - freiwillig aus dem Amt, stellt sich nicht noch einmal zur Wahl.

Von den Kandidaten weiß man nicht: "Können die das denn?"

Für diejenigen, die das Amt übernehmen wollen, macht Merkels Beliebtheit als scheidende Kanzlerin den Wahlkampf schwierig: Keinen Überdruss kann Armin Laschet nach 16 Jahren in der Bevölkerung feststellen, sondern "eher ein Bedauern: Was kommt jetzt?" Der Unionskandidat sitzt am Mittwochabend im bequemen Sessel auf einer Berliner Bühne, wo er mit dem Journalisten und Historiker Ralph Bollmann dessen Biografie "Angela Merkel. Die Kanzlerin und ihre Zeit" vorstellt. Das sei die Situation, die diesen besonderen Wahlkampf ausmache, erklärt Laschet weiter. "Dass jemand freiwillig aus dem Amt geht, was es in 75 Jahren nicht gegeben hat, und drei Kandidaten sich jetzt da bewerben, von denen man nicht weiß: Können die das denn?"

Merkels Unterstützung für ihren Parteifreund Laschet, die den Zweiflern versichern könnte, "der kann das, glaubt mir", fällt in diesem Wahlkampf derart spärlich aus, dass nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand in der Union über diese Untätigkeit gemault wird. Spitzenpolitiker Friedrich Merz sieht sich inzwischen genötigt, im Interview mit ntv und RTL die Hoffnung zu äußern, "dass Angela Merkel sich noch einmal persönlich auch in diesem Bundestagswahlkampf engagiert". Der schärfste Laschet-Konkurrent hingegen nutzt Merkels Stille inzwischen effektiv aus und beansprucht ihr "Erbe" einfach für sich.

Olaf Scholz inszenierte sich im Triell am Sonntag so genussvoll als Vizekanzler und damit schon jetzt quasi-Nachfolger Merkels, dass es Laschet zur Weißglut treiben muss, auch wenn er auf Nachfrage beteuert, dieser Anspruch seines Gegenkandidaten schmerze ihn nicht, der Wähler werde das entscheiden. Tage zuvor präsentierte jener SPD-Kandidat sich, die Hände zur Merkelschen Raute geformt, breit grinsend auf dem Cover vom Magazin der "Süddeutschen Zeitung". Zudem verbreitete die SPD Scholz-Anzeigen mit der Aufschrift "Er kann Kanzlerin". Aus der CDU-Spitze brachte ihm das den Vorwurf des "Erbschleichers" ein.

Merkel wurde am Dienstag nach einem Treffen mit Österreichs Kanzler Sebastian Kurz dann doch einmal deutlich, als sie die Gelegenheit nutzte, um Scholz dafür zu kritisieren, dass er ein Bündnis mit der Linken nicht klar ausschließt. Mit ihr als Bundeskanzlerin "würde es nie eine Koalition geben, in der die Linke beteiligt ist. Ob dies von Olaf Scholz so geteilt wird oder nicht, das bleibt offen". Der Kritisierte wiederum erklärt tags darauf im SWR, "als ehemalige Bundesvorsitzende der CDU sollte sie diese Antwort geben". Subtext: Wenn sie könnte, wie sie wollte…

Angesichts solcher sozialdemokratischer Dreistigkeit, die in Umfragen ziemlich erfolgreich ist, wirkt es geradezu irreal, wie entspannt Armin Laschet am Mittwochabend vor den etwa 30 Journalisten im Publikum auf der Bühne sitzt. Er nutzt die Gelegenheit nicht, die sich hier bieten könnte, um sich selbst stärker als Kanzlerinnen-Vertrauten zu inszenieren in der Hoffnung, dass sich das Bild anschließend über die Medien verbreiten möge.

Anders als sein Parteikollege Merz kann Laschet auch an der Wahlkampf-Verweigerung der Kanzlerin, die Scholz seinen Schachzug erleichtert, nichts Problematisches finden. "Ich bin mit ihr da völlig im Reinen. Wir reden sehr viel. Sie unterstützt, wo sie kann", sagt Laschet. Es sei aber "nicht so, dass sie auf die Wahlkampfbühnen mit mir zieht und neben mir steht und Wahlempfehlungen abgibt". Dies finde er angemessen und richtig. "Das ist das wichtigste Amt in Europa. Und das erfordert, dass der, der es will, es sich selbst erkämpft, und nicht von der Gunst des Vorgängers abhängt."

So einleuchtend das im ersten Moment klingt, lässt es die Schwierigkeit außen vor, die sich für den Parteifreund der Kanzlerin automatisch ergibt: neue Impulse und Ziele für eine eigene Amtszeit anzukündigen, ohne den Eindruck zu vermitteln, diese neuen Impulse und Ziele seien nötig, weil sie in der Amtszeit zuvor eben nicht gesetzt wurden.

Laschet will "den Kleinen punkten lassen"

Sich selbst profilieren, ohne die Vorgängerin zu beschädigen - das ist der Balanceakt, den Laschet zu gehen versucht, und ganz eindeutig klappt es mit dem nicht beschädigen erheblich besser als mit dem Schärfen des eigenen Profils. Womöglich auch, weil ihm ersteres einfach besser liegt? Nicht ohne Grund gilt der NRW-Regierungschef als Moderierer, der zu einen versucht. Im Gespräch auf der Bühne wirkt er besonders bei sich, wenn er erklärt, dass er dem Koalitionspartner FDP im Düsseldorfer Landtag ermöglicht, eigene Erfolge einzufahren.

In einer Bundesregierung aus drei Parteien, die ja "im Moment ein erwartetes Szenario ist", sei dieses Ausgleichende noch wichtiger, erläutert Laschet. "Den Kleinen punkten lassen", damit jeder der drei "auch vorkommen kann". Doch um derlei Strategien umzusetzen, muss man vorher erst mal in die Regierung gewählt werden. Und das wird für die Union derzeit von einer Umfrage zur nächsten immer weniger wahrscheinlich, da sie nun selbst immer kleiner wird.

Könnte man einen erfolgreichen Wahlkampf von einem bequemen Sessel auf einer Berliner Bühne aus stemmen, Armin Laschet würde eine wesentlich bessere Figur machen, als auf der inzwischen stattlichen Zahl von Kurzvideos, die in den sozialen Medien Fehlverhalten und Unvermögen thematisieren. Auch wenn, wie bei dem Video vom Gespräch mit Elon Musk in Grünheide geschehen, Laschets Frage, über die sich die Netzwelt amüsiert, in Wirklichkeit die Frage eines Reporters war, die der CDU-Mann für jenen vom Deutschen ins Englische übersetzte.

Über Olaf Scholz kursieren solche Videos nicht, für Laschet und diejenigen, die für ihn Wahlkampf machen sollen, werden sie immer toxischer, ebenso wie neue Strategien - für den Endspurt noch einmal fünf Themen in den Fokus zu stellen und mit CDU-Köpfen zu besetzen -, die in der Umsetzung dann nicht vorwärtskommen. Ungeduld, gar Verzweiflung über das schleppende Tempo, über die Passivität der Kanzlerin, während man langsam die Tage bis zum 26. September runterzählen kann, ist Laschet nicht anzumerken. Es werde weitere Gelegenheiten geben, an denen man werde erkennen können, wen sich Merkel als Nachfolger wünscht, sagt er. "Das freut mich, und es reicht aus."

Quelle: ntv.de

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