Politik

Studie zeigt große Wissenslücke Ein Viertel junger Niederländer hält Holocaust für Mythos

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89 Prozent der befragten Niederländer kannten Anne Frank, doch 27 Prozent wusste nicht, dass sie kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Bergen-Belsen starb.

(Foto: picture alliance / Klaus Rose)

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Eine Studie der Jewish Claims Conference schockiert die Niederlande: 23 Prozent der jungen Menschen halten den Holocaust für einen Irrglauben oder übertrieben. Das ist weit mehr als in anderen Ländern. "Unsere schlimmsten Befürchtungen erweisen sich als begründet", warnt die Organisation.

Fast ein Viertel der jungen Niederländer hält den Holocaust für einen Mythos oder für übertrieben. Das ist das Ergebnis einer Studie der Jewish Claims Conference, die kurz vor dem Internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus veröffentlicht wurde. Diese Zahl - insgesamt 23 Prozent der 2000 für die Studie befragten Erwachsenen zwischen 18 und 40 Jahren - sei damit höher als in jedem anderen zuvor untersuchten Land, hieß es. Die Claims Conference wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, um Ansprüche jüdischer Überlebender gegen Deutschland durchzusetzen und kümmert sich auch heute um Holocaust-Überlebende und ihre Nachkommen.

Unbekannt war vielen Befragten das ganze Ausmaß des Holocaust: So wussten 54 Prozent aller Befragten und 59 Prozent der jungen Niederländer nicht, dass sechs Millionen Juden ermordet wurden. Insgesamt 29 Prozent glaubten dagegen, dass zwei Millionen oder weniger Juden während des Holocaust getötet wurden. Bei den jungen Menschen lag der Anteil sogar bei 37 Prozent.

Auch zu anderen Fakten aus der NS-Zeit offenbarte die Studie verbreitete Wissenslücken in den Niederlanden. 89 Prozent der 2000 befragten Niederländer kannten zwar Anne Frank - die sich mit ihrer Familie in einem Haus in Amsterdam vor den Nazis versteckt hatte und über ihr Leben Tagebuch schrieb. 27 Prozent wussten jedoch nicht, dass Frank 1945 kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Bergen-Belsen starb.

Wissen über Holocaust geht immer schneller verloren

"Unsere Niederlande-Studie führt uns eindrücklich vor Augen, dass historische Fakten vor allem unter jungen Erwachsenen keine verbindliche Größe mehr sind", sagte Rüdiger Mahlo, der Repräsentant der Claims Conference in Deutschland. "Das Wissen über den Holocaust und das Bewusstsein für den Holocaust erodieren in einer Rasanz, die uns aufrüttelt. Unsere schlimmsten Befürchtungen erweisen sich als begründet."

Die Verbreitung von "Leugnungen und Verzerrungen" sei größer als in anderen Ländern, "die wir untersucht haben", fügte der Präsident der Claims Conference, Greg Schneider, hinzu. In Großbritannien und Kanada vertraten demnach nur etwa neun Prozent der Befragten die Ansicht, der Holocaust sei eine Erfindung oder übertrieben, in Österreich und Frankreich waren es demnach zehn Prozent.

Bildungsminister fordert mehr Engagement in Schulen

Auch niederländische Politiker haben entsetzt auf eine Studie reagiert. Er sei "schockiert", sagte der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte. "Wir können über alles reden, aber es ist wichtig, dass wir uns über die Fakten einig sind". Außenminister Wopke Hoekstra schreib auf Twitter, es sei "erstaunlich und äußerst beunruhigend, dass fast ein Viertel der niederländischen Jugendlichen diese Fakten infrage stellt". Der niederländische Bildungsminister Dennis Wiersma forderte "ein stärkeres Engagement" in Schulen, damit Schüler "die Fakten über die Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs" erfahren.

Fast 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs arbeiten die Niederlande die Rolle der eigenen Bevölkerung bei der Judenverfolgung noch auf. 2021 wurde in Amsterdam ein Holocaust-Denkmal für die während des Kriegs getöteten niederländischen Juden eingeweiht. Viele Bürger, die Polizei und Eisenbahngesellschaften kollaborierten während der deutschen Besetzung aktiv mit den Nationalsozialisten.

Quelle: ntv.de, mbu/dpa/AFP

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