Politik

Zum Tod von Thomas Oppermann Ein wirklich feiner Kerl

171a2c87a30be4786ca8c97f4fad1f28.jpg

Thomas Oppermann ist mit 66 Jahren völlig überraschend gestorben.

(Foto: imago images/photothek)

Seinen Traumjob hat er nicht bekommen, anmerken ließ er sich das jedoch nie. In einem sind sich Weggefährten und Beobachter einig: Thomas Oppermann war ein kluger, zugewandter, offener Mensch.

Eigentlich sollte für Thomas Oppermann in einem Jahr ein neuer Lebensabschnitt beginnen. Für ihn sei "jetzt der richtige Zeitpunkt, noch einmal etwas anderes zu machen und mir neue Projekte vorzunehmen", sagte er seiner Heimatzeitung, dem "Göttinger Tageblatt", im vergangenen August. Sollte heißen: Bei der nächsten Bundestagswahl würde Oppermann nicht noch einmal antreten.

Dreißig Jahre lang war er Abgeordneter: erst im niedersächsischen Landtag, dann, ab 2005, im Deutschen Bundestag, dessen Vizepräsident er in dieser Legislaturperiode wurde. Minister war er auch, zuständig für Wissenschaft und Kultur in Niedersachsen von 1998 bis 2003.

Schon in seiner ersten Legislaturperiode im Bundestag wurde Oppermann Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion. Rückblickend war dies vielleicht die Rolle, in der er sich am wohlsten fühlte. In Talkshows und Interviews teilte er kräftig gegen die schwarz-gelbe Bundesregierung aus und wurde geradezu das Gesicht der SPD in der Opposition, wie die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" einmal schrieb. Immer merkte man ihm an, dass es ihm um den Einsatz für politische Positionen ging, nicht um den Angriff an sich - und so erinnert sich selbst sein damaliges Gegenüber aus der Unionsfraktion gern an diese Zeit. "Aus dem Gegeneinander von Regierung und Opposition wurde Freundschaft", schreibt Peter Altmaier, heute Bundeswirtschaftsminister, auf Twitter. "So haben wir manches bewegt. Du warst ein großartiger Demokrat und ein wirklich feiner Kerl. Dein Tod macht uns fassungslos."

Fraktionschef war kein Traumjob

Dass auch Oppermann gern Bundesminister geworden wäre, ist kein Geheimnis. Beim ersten Mal, 2013, hätte er gern das Amt des Innenministers übernommen, das dann an die Union ging. Es wäre sein Traumjob gewesen. Die nötige Qualifikation hätte Oppermann zweifellos gehabt: Er war Jurist, hatte vor seiner Zeit in der Politik als Richter gearbeitet.

Stattdessen wurde er Fraktionsvorsitzender. Der bisherige Amtsinhaber, Frank-Walter Steinmeier, mit dem Oppermann sich gut verstand, war Außenminister in der ersten Großen Koalition unter Angela Merkel geworden. Über seinen neuen Job war Oppermann nicht gerade begeistert - er soll von der Parteispitze seinerzeit regelrecht bekniet worden sein, den Fraktionsvorsitz zu übernehmen. Dennoch füllte er das Amt auf eine Art aus, mit der die meisten Abgeordneten seiner Fraktion sehr zufrieden waren. Beim zweiten Mal, 2017, war es das Amt des Justizministers, das ihn interessiert hätte. Falls er enttäuscht gewesen sein sollte, dass er zugunsten von Katarina Barley übergangen wurde, ließ er sich das nicht anmerken.

Oppermann wurde Vizepräsident des Bundestags - wieder ein Amt, das er nicht angestrebt hat, aber sehr souverän ausfüllte. Journalisten, Kolleginnen und Kollegen aus der SPD-Fraktion sowie aus anderen Parteien erinnern sich an einen Mann, der durch und durch freundlich war. Seinem Wahlkreisnachbarn, dem SPD-Abgeordneten Johannes Schraps aus Bad Pyrmont, ist am Telefon anzumerken, wie getroffen er ist. Auf Facebook schreibt er, Oppermann habe "seine große Erfahrung immer gerne und ohne jegliche Vorbehalte an uns jüngere Kolleginnen und Kollegen weitergegeben, stand bei jeglichen Fragen immer zur Verfügung und hat auch mich damit bei meiner politischen Arbeit sehr unterstützt". Seine Leidenschaft für Politik sei immer spürbar gewesen.

"Er hat einfach gern diskutiert"

"Thomas Oppermann war ein Mensch ohne Allüren", ergänzt Schraps im Gespräch. "Er hat nie seine Funktion oder seine politische Erfahrung in den Vordergrund gestellt, sondern immer auf Augenhöhe mit einem gesprochen." Seine eigenen Positionen habe er vehement vertreten, aber auch andere Meinungen akzeptiert. "Er hat einfach gern diskutiert."

Typisch für Oppermann war eine Szene, die in einem Porträt geschildert wird, das vor ein paar Monaten in der "tageszeitung" erschien. Als linke Studenten in Göttingen sein Büro besetzten, habe Oppermann nicht die Polizei gerufen, sondern den Besetzern Kaffee serviert.

Auch Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch sagt bei ntv, Oppermann sei "ein feiner Mensch" gewesen. Sein Tod bedeute einen "großen Verlust für Deutschland". Ganz ähnlich äußert sich die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer. "In vielen Runden haben wir uns mit Thomas Oppermann in der Sache auseinandergesetzt und diskutiert. Er war dabei immer ein überzeugter Demokrat und aufrechter Sozialdemokrat. Er wird fehlen."

Thomas Oppermann brach am Sonntag kurz vor einer Live-Schalte mit der ZDF-Sendung "Berlin direkt" zusammen. Die Ärzte in der Universitätsklinik Göttingen konnten ihn nicht mehr retten. Über seine Todesursache ist bislang nichts bekannt. Er hinterlässt eine Lebensgefährtin und vier Kinder. Oppermann wurde 66 Jahre alt.

Das Porträt in der taz ist mit "Der Unvollendete" überschrieben. Das war er jedoch nur mit Blick auf die Ämter, die er nicht erreicht hat. "Als Mensch war Thomas Oppermann alles andere als unvollendet", sagt Johannes Schraps.

Quelle: ntv.de