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Tankstelle als Flüchtlingslager Endzeit-Idylle im Camp Eko

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Unter einer Werbetafel an der Autobahn bereitet eine alte Frau Essen zu.

(Foto: Oscar Wellenstein)

Vor zweieinhalb Wochen wurde das berüchtigte Lager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze geräumt. Noch immer leben in der Region mehrere Tausend Flüchtlinge. Die Atmosphäre dort erinnert an einen "Mad Max"-Film.

Schnurgerade zerteilt die marode Autobahn zwischen Thessaloniki und dem Provinznest Polykastro die sonnenverbrannte Steppe. Im makedonischen Hinterland jagt eine verfallene Bauruine die nächste, die schnellste Verbindung ins Nachbarland Mazedonien ist schon unter normalen Umständen eine furchtbar trostlose Angelegenheit. Normal ist hier, nur einen Steinwurf von Idomeni entfernt, allerdings schon lange nichts mehr. Auch zweieinhalb Wochen nach der Räumung des berüchtigten Lagers suchen in der Gegend immer noch mehrere Tausend Flüchtlinge Zuflucht in mehreren inoffiziellen Lagern.

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Rund um die "Eko Kitchen" herrscht fast schon Festivalstimmung.

(Foto: Oscar Wellenstein)

Das größte von ihnen liegt direkt an der Autobahn und trägt den Namen der Doppeltankstelle, die das Zentrum des Lagers bildet. Kreuz und quer haben die größtenteils syrischen und irakischen Flüchtlinge ihre behelfsmäßigen Unterkünfte in Camp Eko errichtet und dabei die ursprünglichen Strukturen der Tankstelle mit ihren am Reißbrett erdachten Linien aufgebrochen: Der große Parkplatz ist bis auf einen schmalen Fahrstreifen von Zelten besetzt, an der Außenseite der Waschstraße wachsen Sonnensegel in die Luft – und sogar der eigentliche Tankstellenbau hat an seiner Rückseite einige ungeplante Anbauten bekommen. "Snacks, Coffee, Food" verkündet eine überdimensionale Werbetafel über all dem Chaos, direkt unter ihr rührt ein Großmütterchen in einem verbeulten Topf, der auf einem Kochfeuer steht. Die Relikte einer untergegangenen Zivilisation, in Besitz genommen von den verzweifelten Überlebenden, dazu die kahle Landschaft mitten im Nichts: Camp Eko wirkt auf den ersten Blick wie die Blaupause für den nächsten "Mad Max"-Film.

Die "Eko Kitchen" ist ein Erfolgsprojekt

Auf den zweiten Blick allerdings wird klar, dass hier, zwanzig Kilometer vor der mazedonischen Grenze, wenig ist, wie es scheint. "In Camp Eko leben rund 1200 Menschen in 112 Zelten", sagt Mustafa, während er aufmerksam die Schlange im Auge behält, die sich vor dem großen Zelt gebildet hat, in dem die Gemeinschaftsküche untergebracht ist. "Wir sorgen dafür, dass von denen keiner verhungern muss", sagt der bullige Syrer stolz, bevor er zwei kleine Jungs, die sich vordrängeln wollen, mit respektgebietender Stimme zurück an ihren Platz schickt. Die "Eko Kitchen" ist ein Erfolgsprojekt: Schon kurz nach der Eröffnung des inoffiziellen Lagers im März richteten freiwillige Helfer die Küche mithilfe von Spenden ein und betreiben sie seitdem zusammen mit den Flüchtlingen selbst.

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Zwischen den Welten gestrandet: Kinder im Camp Eko.

(Foto: Oscar Wellenstein)

"Frankenkonvoi" steht auf den roten T-Shirts von Mustafa und seinen Freunden. Die Mitglieder der Hilfsorganisation, die die Küche ursprünglich organisierten, sind zwar schon längst wieder zurück in Deutschland, haben den Staffelstab aber an eine kleine Gruppe von Briten übergeben, die sich mit Hingabe um die tägliche Mammutaufgabe kümmern – und deren entspannte Haltung ansteckend wirkt. Rund um die "Eko Kitchen" herrscht fast schon Festivalstimmung: Ein wilder Mix aus arabischer Musik und Ghettorap schallt aus den Boxen der lagereigenen Radiostation, Dutzende Kinder jagen sich gegenseitig lachend über den Betonparkplatz und die Älteren kloppen ketterauchend Karten. Ein paar Zelte weiter endet gerade die Englischstunde, ein paar freiwillige Kinder bauen das Equipment für die nächste Vorstellung im Kinderkino auf. Die Bewohner von Camp Eko tun alles dafür, zumindest für ein paar Momente zu vergessen, dass sie zwischen den Welten gestrandet sind – und schaffen es trotzdem nur viel zu selten.

"Die sind doch noch schlimmer!"

"Eine Bombe hat vor zwei Jahren fast meine gesamte Familie ausgelöscht, nur mein Sohn Brahim ist übrig", sagt Wasim, und für einen Moment verschwindet das Lächeln aus seinem Gesicht, das dort sonst Dauergast ist. Zuhause in Damaskus arbeitete Wasim als Friseur – und auch in Camp Eko schneidet er weiter Haare, teilweise von neun Uhr morgens bis Mitternacht: "Ich liebe meinen Job, und sonst gibt es für uns hier ja nichts zu tun." Eine Dauerlösung ist das Tankstellencamp natürlich nicht: "Ich möchte unbedingt nach Deutschland und mir dort etwas Eigenes aufbauen." Dreimal schon vertraute er sich Schleppern an, die ihn über die Grenze nach Mazedonien bringen wollten, dreimal wurde er von der mazedonischen Polizei geschnappt. Aufgeben will er trotzdem nicht, denn: "Wo sollen wir denn sonst hin? In eines der Militärlager etwa? Die sind doch noch schlimmer!"

Der Ruf der offiziellen Lager außerhalb von Thessaloniki ist miserabel: In Nea Kavala etwa, das auf der Rollbahn eines ausgedienten Flugfeldes errichtet wurde, gibt es erst seit wenigen Tagen eine halbwegs ordentliche Wasserversorgung mit Plastikflaschen – davor sorgte die schlechte Wasserqualität reihenweise für Darminfekte bei den Bewohnern. Berichte über Polizeiwillkür und -brutalität tun ihr Übriges, auch wenn die natürlich schwer bestätigt werden können. Deswegen – und wegen des relativen Gefühls der Freiheit – ziehen die allermeisten Flüchtlinge die wilden, aber zaunfreien Verhältnisse von Eko und den anderen Camps in der Umgebung vor.

So vorbildlich wie in Camp Eko sind allerdings bei weitem nicht alle inoffiziellen Lager organisiert. Nur wenige Kilometer entfernt haben knapp 500 weitere Flüchtlinge ein Lager neben dem Hotel Hara aufgeschlagen. In Hara, griechisch für Freude, sind die Verhältnisse ungleich trostloser: Zwar kümmern sich auch hier verschiedene Helfergruppen um die Flüchtlinge, allerdings sind diese seit der Auflösung von Idomeni nur noch lose organisiert und eine Flüchtlingsselbstverwaltung fehlt fast komplett. Die Räumung, die wohl allen inoffiziellen Lagern über kurz oder lang droht, hat hier Anfang Juni bereits begonnen – und anders als in Idomeni wehren sich die Flüchtlinge nicht gegen ihren Abtransport, sondern steigen mit leerem Blick in die bereitstehenden Busse. "Crazy Holidays" ist auf der Rückseite eines der Busse zu lesen, der in eine schwarze Abgaswolke gehüllt auf die Autobahn Richtung Thessaloniki biegt und in der sonnenverbrannten Steppe des makedonischen Hinterlands langsam am Horizont verschwindet.

Quelle: n-tv.de

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